20 Jahre Naturaplan – und was gelernt?

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Doch nochmal Rossfleisch. Ich hoffe, Sie sind noch nicht überfüttert damit, liebe LeserInnen. Es war eine turbulente Woche für die Lebensmittelbranche und vor allem für Coop, die als einzige Detailhändlerin hierzulande mit undeklariertem Pferd ertappt wurde. Dass es ausgerechnet den ökologischen Musterknaben der Branche erwischt hat, entbehrt nicht einer gewissen Tragik, ist aber im besten Fall ein Lehrstück.
Aber der Reihe nach. Ich will den Gaul heute von hinten aufzäumen, beziehungsweise vor 20 Jahren beginnen. Mit grossem Trara feiert der orange Riese vom Rheinknie heuer zwei Jahrzehnte Naturaplan. Das Engagement zugunsten der ökologischen Landwirtschaft war damals im Jahr 1993 ziemlich pionierhaft und verhalf der Schweizer Biobewegung massgeblich zum Wachstum, während man bei der Migros-Konkurrenz noch Jahre später meinte, Bio sei ein kurzfristig abzuschreibender Spleen von einigen Fundis. Und damit massiv und teuer irrte, auch wenn das Wachstum des Marktes heute stagniert.
Dass es Coop nun gelungen ist, mitten im Jubiläumsjahr viel Geschirr, oder treffender, schachtelweise Bioeier zu zerbrechen ist Künstlerpech, das hätte nämlich gerade so gut einen x-beliebigen Konkurrenten treffen können. Im kommerziellen Kern funktionieren die Händler alle gleich. At the end of the day, um ein bisschen Managerslang zu brauchen, müssen die Zahlen stimmen. Ich respektiere das ökologische Engagement von Coop und Migros, aber all diese Programme sind von der ökonomischen Bedeutung her gering und primär der Imagepolitur dienlich.
Der Löwenanteil des Umsatzes stammt unverändert aus dem preissensiblen Massengeschäft und Produkten wie der nun verhafteten Fertiglasagne der Eigemarke „Qualité & Prix“. Warum setzt Coop dort auf ein Produkt eines ausländischen Händlers mit Fleisch unbekannter Herkunft? Ich gehe davon aus, dass Comigel das Produkt in der Submission um 50 Rappen billiger offerierte als der günstigste Schweizer Konkurrent. Diesen Batzen wollte sich Coop bei aller Liebe zur Natur nicht entgehen lassen. Selber schuld? Ja, fast, aber nicht ganz, denn auch die KonsumentInnen müssen sich von dieser Lasagne mit üblem Nachgeschmack eine Tranche verabreichen lassen. Sie sind es, die mit dem immer noch grossmehrheitlich preisgesteuerten Kaufverhalten das Sortiment markant beeinflussen. Trotzdem: Niemand zwingt Coop zu diesem riskanten Spiel, wer hoch auf dem Ökoseil tanzt, riskiert einen umso tieferen Fall. Ökologie und Nachhaltigkeit – und das ist wohl eine der Lehren aus diesem Debakel – halten den Stürmen nur Stand, wenn sie umfassend gelebt werden. Vielleicht klappts ja bis zum Jubiläum 50 Jahre Naturaplan. (Bild Coop)

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Eine Antwort to “20 Jahre Naturaplan – und was gelernt?”

  1. Ernst Roth Says:

    Danke, Adrian,
    Für den neuesten Versand. Genau wegen dem von Dir gegen Schluss angebrachten Satz:
    „…auch die KonsumentInnen … Sie sind es, die mit dem … Kaufverhalten das Sortiment markant beeinflussen.“
    bezeichnen wir bei Slow Food den Konsumenten auch als „Co-Produzenten“.
    Gruss
    Dein Ernst

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