Freihandel: Downtown macht’s sich zu einfach

Jedi-Ritter in the AgrojungleDie „Handelszeitung“ hat diese Woche wieder einmal einen alten Klassiker reaktiviert: Landwirtschaftsbashing unter dem Titel „Wachstumsbremse Bauer“. Leider gibts von diesem Artikel online nur eine arg verkürzte Version. Und den Kauf am Kiosk kann ich auch nicht wirklich empfehlen, ist einfach etwas zu dünn die ganze Geschichte. Das Beste ist noch die Grafik auf der Front, wo Bauernpolitiker als uniformierte Muskelprotze (Jedi-Ritter? Private Sicherheitsleute?) posieren, darunter Markus Ritter, Res Aebi und Maya Graf.
Im Artikel wird den Bauern vorgeworfen, dass sie auf Kosten der übrigen Wirtschaft ihre Pfründen verteidigen. Das ist mit Verlaub wohl das Ziel einer jeden Interessengruppe in Wirtschaft und Politik, man denke nur an den kläglich gescheiterten Kampf von Economiesuisse gegen die Abzockerinititative, aber das nur nebenbei. Dass die Bauern hier besonders erfolgreich agieren ist altbekannt und wenn das kritisiert wird, steckt möglicherweise eher Neid als Sorge um wirtschaftliches Wohlergehen dahinter.
Aufgehängt ist die Geschichte am bäuerlichen Widerstand gegen Freihandelsabkommen aller Art. Sie beginnt ausgerechnet mit einer Episode vom Käsemarkt, wo Züger Frischkäse offenbar einen Auftrag in Südkorea verloren hat, da die EU mit dem Land neu ein Freihandelsabkommen ohne Agrarschranken unterhält. Ob es sinnvoll ist, Mozzarella nach Südkorea zu exportieren, muss Züger selber wissen. Käse ist aber das denkbar schlechteste Beispiel, um den Bauern Freihandelsphobie vorzuwerfen, unterhalten wir doch seit einigen Jahren ein solches Abkommen mit der EU in genau diesem Sektor, was der Leser des Artikels aber nicht erfährt, vermutlich hätte das die These tangiert.
Das Resultat des Abkommens ist bekannt. Die Schweiz wird geflutet mit ausländischem Billigkäse und die Exporte steigen in ebendiesem Segment, wo unterirdische Milchpreise bezahlt werden, während die traditionellen Sorten wie Emmentaler und Gruyère stagnieren. Soll mir einer sagen, warum man aufgrund dieser Erfahrungen aus bäuerlicher Sicht mit fliegenden Fahnen für Freihandel eintreten sollte. Zumal Handel und Industrie es ja nach wie vor vollkommen normal finden, dass importierte Produkte in der Schweiz aus reinen Profitgründen mehr kosten sollen, als im umliegenden Ausland, was bekanntlich nach wie vor auch für landwirtschaftliche Produktionsfaktoren gilt.
Item, der Artikel fährt dann fort mit einem Lamento über bäuerliche Widerstände gegen ein Freihandelsabkommen zum Beispiel mit China. Auch hier bin ich mir nicht sicher, ob sich die Landwirtschaft unkommentiert den Schwarzpeter zustecken lassen soll. Wenn ich mir vorstelle, wie die Reaktionen ausfallen, wenn nach dem Fallen der Importschranken der Kassensturz zum ersten Mal Bilder aus chinesischen Schweineställen aussendet, dann ist es vielleicht ganz gut, wenn die Hürden in diesem Bereich etwas höher sind.
Insgesamt macht es sich der Journalist der Handelszeitung zu einfach. Er präsentiert ein Amalgam aus den ewiggleichen klischierten Vorwürfen an die Landwirtschaft (Subventionsforderungen, Abwehrfront, Protektionismus, etcetc.) ohne dass er eineN einzigeN VerterterIn aus der Branche zu Worte kommen liesse. Dafür dürfen Industrievertreter hemmungslos jammern, ganz in Bauernmanier. Schade, dass soviel prominenter Platz im Blatt nicht besser genutzt wird. Denn eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Handelsfragen wäre durchaus wünschenswert, dann müsste man aber die Gesamtrechnung machen, eben beispielsweise unter Einbezug des Schweizer Kostenniveaus und der monetären Bewertung der Leistungen der hiesigen Landwirtschaft, auch vor dem Hintergrund von offenbar breit erwünschtem Landschaftsschutz und allerlei Lebensmittelskandalen.

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4 Antworten to “Freihandel: Downtown macht’s sich zu einfach”

  1. FischerIon Says:

    Super Artikel.

  2. Heidi Says:

    … Der Agrarpolitik-Blog titelt z.B.
    „China – Chance und Herausforderung zugleich“
    Matteo Aepli, Gruppe Agrar-, Lebensmittel und Umweltökonomie, ETH Zürich: „Chinas Wirtschaftswachstum liegt trotz weltweiten konjunkturellen Schwierigkeiten immer noch über 7%. Die Kaufkraft in den Städten steigt rasch und damit steigt auch die Nachfrage nach Importprodukten, die nicht zuletzt aufgrund der Lebensmittelskandale in China an Boden gutmachen konnten. Das birgt ein wachsendes Potential für den Export von Schweizer Nahrungsmitteln nach China.“
    http://agrarpolitik-blog.com/2013/03/07/china-chance-und-herausforderung-zugleich/

    80% des Knoblauchs auf dem Weltmarkt stammt aus China. Die Import-Champignons aus Chinas enthalten hohe Mengen an Giftstoffen …

    Ist das die Zukunft für die Schweizer KonsumentInnen? Wir unterstützen mit unseren Steuern die Produktion von hochwertigen Nahrungsmittel, möglichst tierfreundlich und ökologisch, exportieren diese an kaufkräftige Reiche irgendwo auf der Welt. Selber essen wir billige Importware von zweifelhafter Herkunft. Schöner neuer Welthandel!

  3. adriankrebs Says:

    Schöne Ergänzung, danke Heidi!

  4. Käthi Says:

    Würde man bitte auch einmal die immensen Umweltschäden anschauen, die China mit ihrem immensen Wirtschaftswachstum verursacht! Ob China wohl darum Millionen von Hektar Land den Afrikanern abluchst ohne Rücksicht auf die dortige Bevölkerung, um Monokulturen anzubauen! Landgrabbing nennt man das. Die grösste und leider lautloseste Katastrophe der Menschheitsgeschichte seit der Kolonialisierung von Afrika!! Und hier in der Schweiz wundern wir uns blind, warum die Zuwanderung kein Ende mehr nimmt. Diese Menschen kommen mit den Tellern zu uns! Lasst Ihnen endlich eine minime Aussicht auf den Lebensunterhalt im eigenen Land. Jeder schwafelt hier von Menschenrechten und Asylwesen und merkt nicht, dass diese Menschen nicht mehr als einen Pflanzblätz, eine Kuh oder Ziege und ein absolutes Minimum an sauberem Wasser brauchen würden, damit sie nicht bei uns betteln müssen!
    Ich kann dieses Globalisierungsgeschwafel einfach nicht mehr hören. Nahrungsmittelproduktion kann man nicht gleichsetzen mit der übrigen Wirtschaft! Landwirtschaft findet nicht in der Fabrikhalle statt! Und kann auch nicht ins Billiglohnland ausgelagert werden, damit die Kostenfrage aufgeht. Wacht endlich auf und fragt euch einmal wieviel graue Energie bzw. Transportkilometer die tägliche Nahrung verursachen darf! Es kann doch nicht sein, dass uns bald einmal nur noch das Klima in die Schranken weisen kann. Wieviele Lebensmittelskandale und Jahrhundertunwetter brauchts eigentlich noch???

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