Bienen und Pestizide: To Bee or not to Bee

More than honeyDie Bienen sind bekanntlich wichtige Haustiere. Nicht primär wegen des Honigs, der auch nicht zu verachten ist, aber vor allem wegen ihrer Tätigkeit als Bestäuberinnen. Ein Drittel von allem, was wir essen, gäbe es ohne Bienen nicht, heisst es im Film „More than Honey“, einem gefeierten Werk von Regisseur Markus Imhoof, der kürzlich dafür den Schweizer Filmpreis für den besten Dokumentarfilm erhalten hat. Auch Einstein wusste schon, wie wichtig die kleinen Summerinnen sind, prognostizierte er doch, dass vier Tage nach dem Verschwinden der Bienen die Menschheit das Zeitliche segnen wird.
Sollte das wirklich stimmen, dann sähe es für unsereinem nicht sonderlich rosig aus. Die Bienenvölker weltweit leiden unter einem nur zum Teil erklärbaren Massensterben, das bereits 10000 von Völkern die Exixtenz gekostet hat, darunter auch vielen in der Schweiz. Die Varroa-Milbe ist eine der berüchtigsten Sterbehelferinnen.
Unbestritten ist unterdessen auch, dass Insektizide mitverantwortlich sind für das Bienensterben, genauer gesagt die Neonicotinoide, welche primär zur Beizung von Saatgut verwenendet werden. Die wichtigsten Produkte auf dem europäischen Markt sind „Cruiser“ von Syngenta (Wirkstoff Thiametoxam), sowie „Gaucho“ (Imidaclopric) und „Poncho“ (Clothianidin) von Bayer.
So richtig unter Druck kamen die Substanzen erstmals vor knapp fünf Jahren, als nach der Ausbringung von gebeiztem Maissaatgut durch das unverdächtige amtliche deutsche Julius-Kühn-Institut zweifelsfrei Clothianidin als Ursache eines flächendeckenden Bienentsterbens im süddeutschen Raum festgestellt wurde. Diese Erkenntnis hat sich seither mehrfach bestätigt, zuletzt im Januar, als die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA zum gleichen Schluss kam. Das Resultat: Die Industrie reagierte wie ein Rumpelstilzchen nach Bekanntwerden seines Namens. Die Studie auf der Basis von Studien sei offensichtlich unter politischem Druck und übereilt verfasst worden, sie sei der EFSA unwürdig tobte der Syngenta-COO John Atkin und drohte mit einem Verlust von 50000 Stellen, sollten die EU-Mitgliedstaaten einem Verbot zustimmen, was bisher nicht geschehen ist.
Nur gut zwei Monate später hat man es sich in den Zentralen der Pestizid-Multis offenbar noch einmal anders überlegt. Was letzte Woche als Medienmitteilung verbreitet wurde, gleicht einem indirekten Schuldeingeständnis. Man wolle zu einer Deblockierung der Situation beitragen, heisst es in einem gemeinsamen Communiqué. Als Massnahmen werden untermalt von salbungsvollen Worten desselben Aktin unter anderem mehr Blumenrabatten am Rande von intensiv bebauten Äckern, ein Monitoringprogramm und die „zwingende Umsetzung von strikten Massnahmen zur Reduktion des Expositionsrisikos für Bienen“ propagiert.
Da werden dem Publikum Neonicotinoide in die Augen gestreut: Bayer und Syngenta versuchen hier die Kohlen aus dem Feuer zu holen, indem sie auf Zeit spielen (Monitoring von Fakten, die längst auf dem Tisch liegen) und den Schwarzen Peter an die Bauern weiterspielen, die sich gefälligst bemühen sollen, die Bienengifte fachgerecht auszubringen, was aber offensichtlich auch bei bestem Wissen und Gewissen praktisch unmöglich ist, Blumenstreifen hin oder her. Der beste Kommentar zu dieser Geschichte kommt von Alice Jay, die für das Kampagnen-Netzwerk Avaaz kürzlich 2,5 Millionen Unterschriften für das Verbot der erwähnten Substanzen sammeln half: „Die Pestizidindustrie mit dem Schutz von Bienen zu beauftragen ist so, wie wenn man den Fuchs den Schutz des Hühnerhauses übertragen würde“, sagte sie laut dem „Guardian“ zum Engagement von Bayer und Syngenta. (Bild aus „More than Honey“)

PS. Kleine Korrektur: Einstein habe ich falsch zitiert: nicht vier Tage sondern vier Jahre nach den Bienen werden die Menschen ableben, immer noch beunruhigend genug. Besten Dank für den Hinweis, Monika Schlatter!

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5 Antworten to “Bienen und Pestizide: To Bee or not to Bee”

  1. Heidi Says:

    … und die Blumenrabatten bezahlt wer? Erhöhung der Direktzahlungen für „ökologischen Ausgleich“ und Arbeit durch die landwirtschaftlichen Forschungsanstalten? Würden also einmal mehr die Steuerzahlenden die Umweltkosten tragen?

  2. ueli ineichen Says:

    heidi hat recht, wenn auch nur zur hälfte. die von den „chemischen“ gemachten vorschläge sind – im gegensatz zu den von ihnen vertickten pflanzenschutzmitteln – für einmal nicht ihre erfindung. schamlos werden erkenntnisse aus dem bio-landbau als die eigenen verkauft, ohne nähere quellenangaben (plagiate?).
    zu ziehende schlussfolgerung: die 150-jährige geschichte von synthetischen präparaten in der landwirtschaft geht ihrem ende entgegen. gut so!
    ueli ineichen, bio-landwirt

  3. adriankrebs Says:

    Eine gewagte Prognose, dass diese 150-jährige Geschichte dem Ende entgegen geht, lieber Ueli Ineichen, ich wäre schon zufrieden, wenn die Industrie versuchen würde, etwas nachhaltiger zu arbeiten, das könnte der Landwirtschaft nützen. Das Problem ist aus meiner Sicht das in den Konzernen herrschende kurzfristige Profitdenken, welches sich immer nur von Quartalsergebnis zu Quartalsergebnis hangelt. Dazu gehört leider auch – @Heidi – die Grundhaltung, dass Profite privatisiert und Kosten sozialisiert werden müssen.

  4. Martin Raaflaub Says:

    Spannend wird es, wenn man frühere Studien der Chemiehersteller selber zur Bienentoxizität der Neonikotinoide liest: Diese wurden vor der Jahrtausendwende in Frankreich durchgeführt, nachdem schon damals mehrmals Verdacht geschöpft wurde. Diese Studien zeigten die toxische Wirkung auf das Nervensystem gesunder Bienen klar auf! Allerdings bei relativ hoher Dosis. Was folgerten die Forscher mit Arbeitsvertrag bei der chemischen Industrie daraus? Da es unwahrscheinlich sei, dass die Bienen in den Verdachtsfällen so hohe Dosen zu sich genommen hätten, sei damit bewiesen, dass die Bienenverluste nichts mit den Neonikotinoiden zu hätten, sondern ausschlieslich auf die Varroamilbe zurückzuführen seien. Ueberlegungen in Richtung „wie sieht es aus bei geschwächten Bienen? kumulative Schwächung durch Neonikotinoide und Varroa?“ Fehlanzeige.
    PS: War das jetzt ein Werbespot für die interessenunabhängige Forschung und Dienstleistung? War nicht meine Absicht, aber sei’s drum.

  5. adriankrebs Says:

    Merci Martin, interessante historische Vertiefung, Werbespots für gute Sachen sind hier immer willkommen, Rechnung folgt;-)

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