Mehr oder weniger Milch produzieren reicht nicht

Fütterungssituation von Schweizer BetriebenIm Schweizer Milchmarkt scheint sich langsam eine Post-Kontingentsausstiegs-Normalität abzuzeichnen. Die gröbsten Exzesse beim Preisdumping sind eingedämmt, die Produktion orientiert sich stärker an den Preisen als auch schon und der vor Jahresfrist noch sich türmende Butterberg ist zu einem Hügelchen geschmort, wie uns der LID dieser Tage vorrechnete

Die Branchenorganisation Milch (BOM) konnte dank tieferer Produktion eine Richtpreiserhöhung durchsetzen, die langsam aber sicher auch wirksam wird. Vermutlich wird diese Preiserhöhung zu einer erneuten Erhöhung der Produktion führen, was wiederum die Produzentenpreise etwas erodieren lassen dürfte, wobei die Ausschläge nach unten kaum mehr derart grob ausfallen dürften wie bis anhin, nimmt doch die Kuhzahl tendenziell ab und lässt sich auf kurze Frist auch nicht beliebig erhöhen. Der Markt beginnt zu spielen und die Akteure scheinen etwas gelernt zu haben. Wenn heute die oppositionelle Big-M eine Medienmitteilung verschickt in der sie uns aufgrund einer Umfrage weis machen will, dass es für die Schweizer Milchproduzenten keine Zukunftsperspektiven gibt, bin ich deshalb völlig anderer Meinung.

Allerdings wird man für eine Milchproduktion mit Perspektiven schon etwas mehr tun müssen, als bei tiefen Preisen weniger und bei höheren mehr zu produzieren. Der Schweizer Markt für Frischmilch ist nach wie vor durch ein Importverbot geschützt. Dieses ist zwar noch nicht grad am Wackeln, aber sowohl im Parlament wie auch in der Branche gibt es mögliche Profiteure und Bestrebungen für die Liberalisierung der sogenannten „weissen Linie“. So haben etwa kürzlich die in der Fromarte zusammengeschlossenen Käser die Prüfung eine Erweiterung des Käsefreihandels auf eine sektoriellen Marktöffnung gegenüber der EU gefordert.

Käme eine solche, würde das den Markt noch einmal kräftig durcheinanderwirbeln. Milch ist Milch ist Milch, und diese ist im europäischen Umfeld definitiv billiger erhältlich als im Inland. Eine Chance hat die Schweizer Milchproduktion dann nur noch, wenn sie sich von derjenigen auf den Spotmärkten in der Nachbarn abheben kann. Zum Beispiel durch hohen Grasanteil bei der Fütterung, ein Erfolgsbeispiel ist die österreichische Heumilchbewegung.

Hierzulande tobt seit langem ein Glaubenskrieg um die „Graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion“ (GMF). Ein Bericht im jüngsten „Schweizer Bauer“ über eine gleichnamige Tagung an der HAFL in Zollikofen, so heisst das landwirtschaftliche Technikum mittlerweile, zeigt aufschlussreich, wie die Fronten verlaufen. Während die Zollikofer Forscher Peter Thomet sowie Fritz Rothen von IP Suisse und Urs Vogt von Mutterkuh Schweiz vereint für eine „Graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion“ plädierten standen Milchproduzentenvertreter Kurt Nüesch und UFA-Mann Samuel Geissbühler auf die Bremse. Das erstaunt nicht, ersterer muss aufpassen, dass er keine Mitglieder verärgert, zweiterer muss schauen, dass die Kraftfutterverkäufe weiter ansteigen.

Deren Niveau ist schon beachtlich, vor allem im Tal, wo der grösste Teil der Milch produziert wird. Wie eine kürzlich publizierte Studie von Agroscope zeigt, füttern hier 50 Prozent der Betriebe weniger als 70 Prozent Gras. Das oft bemühte Argument, Schweizer Milchproduzenten verabreichten nur in homöopathischen Dosen Kraftfutter, ist also in den meisten Fällen ein Märchen. Dabei ist die GMF in der Vollkostenrechnung durchaus konkurrenzfähig, wie der „Schweizer Bauer“ eine Vollkostenrechnung von Markus Höltschi, LBZ Hohenrain LU zitiert. Neu will der Bund bei einem Anteil von mindestens 90 Prozent Grasfütterung (Gras, Heu, Grassilage) 200 Franken pro Hektare bezahlen. Zugreifen, würde ich sagen. (Grafik Agroscope/“Schweizer Bauer“)  

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8 Antworten to “Mehr oder weniger Milch produzieren reicht nicht”

  1. Heidi Says:

    Schöner „runder“ Artikel, Adi! Bei der Belohnung der Grasverfütterer durch uns Steuerzahlende ist es – wie bei vielem – so, dass es nicht kontrollierbar ist, auch dort nicht, wo tatsächlich kontrolliert wird. Auch sind es gewisse Kantone traditionell gewohnt, Bundesregeln zu ihren Gunsten abzuändern. Wo doch jetzt Hochleistungskühe im Stall sind, da kann man nicht einfach von einem Tag auf den anderen umstellen. Wieso nicht sofort profitieren und vielleicht später einmal auf genügsamere Viecher umsteigen? Vielleicht. Mit Bundesgeldern natürlich!

  2. Hans Aschwanden, Bergkäser Says:

    Ich als Käser habe folgende Feststellungen gemacht:
    Wir werden kontrolliert, ob Bergkäse wirklich Bergkäse ist.
    Wir werden kontrolliert, ob AdR-Käse wirklich AdR-Käse ist.
    Wir werden kontrolliert, ob Suisse Garantie-Käse wirklich Suisse Garantie ist.
    Wir werden kontrolliert, ob Regionalprodukte-Käse wirklich Regionalprodukte-Käse ist.
    Wir werden kontrolliert, ob AOC-Käse wirklich AOC-Käse ist.
    Aber bei keinem Herkunftslabel wird gefragt, ob die Kuh nach dem „AdR“- Prinzip gefüttert wurde. Hier ist fast alles möglich. Da muss ein Umdenken bei den Milchproduzenten stattfinden und die GMF ist ein Schritt in die richtige Richtung.

  3. Liz Says:

    Auch hier sind uns die Österreicher wieder einen Schritt voraus (beim Wein haben sie ja schon gute Arbeit geleistet). Ich würde ein Bekenntnis zur Grasfütterung sehr begrüssen (90% wäre auch schon schön). Ich denke, mit Rotational Grazing könnte noch einiges herausgeholt werden. Dass z.T. weniger als 70% Gras gefüttert wird, erstaunt mich sehr. Hier haben wohl v.a. die Kraftfutterverkäufer ihren Beitrag dazu geleistet…

  4. Eveline Says:

    Die Heumilch verkauft sich bestens obwohl dabei ein Kraftfutteranteil von 40% erlaubt ist und mit ziemlicher Sicherheit auch reichlich Kraftfutter verabreicht wird. 40% Kraftfutter ist meines Wissen auch bei der EU-Bio-Milch noch völlig im Rahmen der Vorschriften. Komischerweise kräht da aber kein Hahn danach…

    Genauso komisch finde ich, dass sich hierzulande niemand fragt, ob es Sinn macht – wie bei GMF explizit erlaubt – das Heu zu importieren und die Importfutter-Produzenten dann trotzdem mit Direktzahlungen dafür zu belohnen, dafür sie ihre Kühe mit Gras von ausländischem Grasland füttern. Es gibt also noch mehr Verrücktheiten, denen man nachgehen sollte.

  5. Käthi Says:

    …..und weil ja die Konsumenten am liebsten haben, wenn immer gerade nicht drin ist in der Verpackung was draufsteht, oder umgekehrt draufsteht was nicht drin ist, bzw. nicht draufsteht was drin ist……, oder ich als Konsumentin nichts lieber tue, als beim Einkaufen mich durch undurchsichtige Beschreibungen der Produkte zu ackern…….kaufe ich soviel als möglich bei den Bauern direkt, da wird mir nämlich noch ehrlich und mündlich mitgeteilt, was ich in der Einkaufstasche nach Hause trage. So stimmt der Deal mit den täglichen Nahrungsmitteln nämlich für mich als Konsumentin und für den Bauern!!

  6. Andreas V. Says:

    Folgende Korrekturen müssen zum Kommentar von Hans Aschwanden gemacht werden:
    – Es werden kaum Kontrollen durchgeführt, ob in Schweizer Käse nun „Schweizer Rahm“ oder ausländischer Rahm verwendet wird. Die Fromarte behauptet, dass praktisch alle Käsereien die „Suisse Garantie“ Bestimmungen erfüllen würden, was aber nicht zutreffend ist, weil die Suisse Garantie eine Herkunfts- und keine Labelbezeichnung ist. Es stimmt also nicht, dass die meisten Käsereien alle Qualitäts- und Anforderungen erfüllen würden, um automatisch „SG“-ausgezeichnet zu werden.
    – Bei den meisten Gross-Käsereien wird nicht durch das Bundesamt für Landwirtschaft kontrolliert, ob die Verkäsungszulagen wirklich an die Milchproduzenten weiter geleitet werden. Viele Gelder „versickern“ in den Käsereibetrieben.
    – Es findet keine Kontrolle bei den Käsereien statt, ob „Bergkäse“ wirklich „Bergkäse“ ist: Wer seinen Käse als Kleinkäser selber produziert und diesen verkauft, wird nicht kontrolliert, ob er diesen richtig bewirbt.
    Viele „Kontrollen“ sind erst im Nachhinein erfolgt, z.B. weil der Schweizerbauer kürzlich die McDonalds-Werbekampagne mit der Alp/-Bergkäsethematik ans Licht brachte – Erst danach haben in der Regel die öffentlichen Stellen sich um die Kontrolle gekümmert.
    – Die Herkunft von grossen Mengen „Heu aus Eritrea“ ist auf einen Statistikfehler des BLW’s zurück zu führen.
    – Viel Gentechfreies Soja für das CH-Kraftfutter kommt aus Brasilien oder anderen Ländern. Dieses ist billiger als einheimisches Soja, weil der Ackerbau in der Schweiz in den letzten Jahren geschwächt wurde und es sich bei diesen Milchpreisen nicht lohnt, auf Graslandbasierte Fütterung (ohne Mais und Extraktionsschrot) oder weniger Kraftfutter zu verzichten. Man müsste die Agrarpolitik anders angehen, damit man mehr einheimisches Kraftfutter anbauen könnte. Doch daran sind auch Käser und Molkereien schuld, die am liebsten Gentechmilch aus dem Ausland verarbeiten wollen.

  7. Käthi Says:

    Lieber Adi,
    dein Blog ist interessant. Doch eine Sache geht bei mir noch nicht in den Kopf: Liegt die Zukunft wirklich nur noch im ungebremsten Herumschieben von Nahrungsmitteln? Mir scheint einfach, der Durchblick in den globalen Märkten ist ein bisschen sehr verschwommen. Wären regionale Märkte nicht ethischer und überschaubarer und auch besser kontrollierbar. Ich höre in letzter Zeit einwenig zu viel von den asiatischen Märkten die nach extrem viel Milch, Butter, Käse und Quark verlangen sollen. Nur habe ich noch nicht lange gelesen, dass im asiatischen Raum 75 % der Bevölkerung gar keine Milchprodukte verdauen können, da ihnen ein bestimmtes Enzym für die Aufspaltung des Milchzuckers im Verdauungssystem fehlt. So gesehen ist es doch einwenig viel Quark den wir da unbedingt möglichst bald exportieren möchten.
    Was ist Deine Meinung dazu?

  8. adriankrebs Says:

    Allen KommentatorInnen herzlichen Dank für die Diskussion zum Thema. Der Milchmarkt bewegt, ist doch ein gutes Lebenszeichen.
    @Heidi: Schwarze Schafe wird man in jeder Branche auf jedem Weidli finden. Die Mehrheit ist aber denke ich weiss, im Fall von Umstellung auf neue Direktzahlungstypen ist der Graubereich vor dem Hintergrund des Kantönligests ohnehin facettenreich, aber ich denke, dass man ein gewisses Grundvertrauen in die Lauterkeit der Mehrheit haben darf.
    @Hans/Andreas: Auch hier geht es um Kontrolle. Ihr seid beide misstrauisch, der Käser misstraut den Bauern, der Bauer den Käsern. Ich plädiere für Selbstverantwortung kombiniert mit einem Kontrollsystem, das nicht spitzelt, aber klare Leitlinien setzt und Vergehen sanktioniert. Bauern und Käser sind die schwächsten Glieder in der Wertschöpfungskette, Solidarität ist hier wichtig.
    @Liz/Eveline: Die Heumilch ist ungeachtet der Prozentzahlen ein Fortschritt innerhalb der EU. Clever ist, wer ein Label etabliert, das sich möglichst stark abhebt vom Durchschnitt, ohne dass die Produktion umgekrempelt werden muss. Für die Schweiz, die sich gegenüber der EU, auch den Österreichern, profilieren muss, ist deshalb eine Wiesenmilch mit strengeren Limiten keine schlechte Idee.
    @Käthi: Regionale Märkte mit geschlossenen Kreisläufen sind natürlich das ideal eines jedes Ökologen. Auch die Ökonomen werden noch auf den Geschmack kommen, sobald sich die Transportkosten erhöhen und die zweite und dritte Welt lohnmässig aufholen wird, was früher oder später passieren muss. Trotzdem würde ich jetzt als Schweizer Exporteur nicht freiwillig auf die Bedienung von auch weiter entfernten Weltgegenden verzichten wollen. Die Exportländer mit Potenzial sind für die kostspieligen hiesigen Produkte rar genug. Und wenn schon nur ein Bruchteil der 25 Prozent laktosetoleranter asiatischer Bevölkerung qualitativ hochstehende Schweizer Produkte, zum Beispiel aus Wiesenmilch verlangen, sind das immer noch sehr viele.

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