„Glyphosat macht Baby tot.“ Ja, das darf man

Glyphosat-BabyNach den Ferkeln kürzlich nochmal kurz nach Deutschland: Auch die bäuerliche Szene kann Shitstorm. Seit etwa zwei Tagen tobt auf Twitter und Youtube, in Zeitungen und auf Lobbyportalen agrarische Empörung.  Auslöser ist ein Video des deutschen Bundes für Umwelt und Naturschutz (kurz Bund). Mit diesem Filmchen (oben ein Still unten das Video) illustriert die NGO eine neue Kampagne unter dem Titel „Pestizide. Hergestellt um zu töten„. Im Visier hat Bund dabei primär Glyphosat (besser bekannt unter dem Monsanto-Markennamen Roundup).  Mit der Kampagne will der Bund erreichen, dass der Einsatz von Glyphosat in Hausgärten und die sogenannte Sikkation auf Bundesebene verboten werden. Dabei handelt es sich um die Behandlung von Kulturen kurz vor der Ernte, um so die Abreife zu beschleunigen.

Das Video ist keine Minute lang und zeigt kurz zusammengefasst, wie halb in der Erde eingegrabene Babys zuerst fröhlich mit Dreck und Stecklein spielen, nur um kurz darauf nach drohendem Grollen von einem Sprühflugzeug überflogen und eingenebelt zu werden. Dann der Titel der Kampagne: Pestizide. Hergestellt um zu töten.

Ist das geschmacklos? Ja, indirekt wirft der Bund den Bauern vor, mit ihren Praktiken Babys zu töten. Das ist ein ziemlich starkes Stück, ist doch bis heute ein fundierter Beweis noch ausstehend, dass Glyphosat effektiv Embryonen schädigt. Soweit ich im Bild bin, setzt die Mehrheit der Landwirte Pestizide so ein, dass sie damit weder sich selber noch die Umwelt schädigen, oder sie streben dies zumindest an. Zudem darf man dem Bund und den pestizidkritischen Konsumenten getrost unter die Nase reiben, dass eine Lebensmittelproduktion ohne Pestizide teurer ist. Und dass trotz dem Vorhandensein der Alternative, nämlich Bio, nur eine mickrige Minderheit bereit ist, mehr zu zahlen, um die eigenen Babys zu schützen. Erwähnen muss man in diesem Zusammenhang auch, dass selbst in Bio-Kreisen umstritten ist, ob es möglich wäre, die Welt mit Bio alleine zu ernähren.

Darf man trotzdem eine solche Kampagne machen? Ja, klar. Solange es der Industrie erlaubt ist, mit verharmlosender Propaganda so zu tun, als ob der Profit das nebensächlichste der Welt wäre (wie zum Beispiel hier) und als ob sie stattdessen prioritär die Welt retten und umfassend ernähren möchte, wird es auch einer NGO noch erlaubt sein, polemische PR zu betreiben. Ganz argumentenfrei steht der Bund nämlich keineswegs da, (obwohl man natürlich der Gerechtigkeit halber erwähnen muss, dass auch der Bund Geld verdienen muss, um seine Geschäftsstelle und Kampagnen zu finanzieren). Eine kürzliche Untersuchung des Verbands hat gezeigt, dass 70 Prozent der Urinproben von Konsumenten aus 18 europäischen Städten Glyphosat enthalten. Zudem gibt es zweifelsfrei Probleme mit dem massierten Einsatz des Produkts, vor allem in den Weltgegenden, wo es flächendeckend zum Einsatz kommt, zum Beispiel in Argentinien, wo sich ganze Dörfer im Protest gegen die rücksichtslose Applikation von Glyphosat aus der Luft wehren. Die Pueblos Fumigados (gespritzte Dörfer) sind zu einer kraftvollen Bewegung geworden, die auf dem besten Weg sind, Erfolge zu erringen, zum Beispiel grössere Sicherheitsabstände zwischen bewohnten Gegenden und gespritztem Kulturland. Diese Terraingewinne wurden nur möglich wegen offensichtlicher Zunahme von Gesundheitsschädigungen, zum Beispiel diverse Krebstypen und Fehlgeburten. Daran sind auch wir hier mitbeteiligt, gehört Europa doch zu den grossen Abnehmern lateinamerikanischer Soja.

Also, liebe empörte Bauern und Industrievertreter, nach Abebben der grössten Aufregung empfehle ich, die Energie für die Verminderung und die Verbesserung des Pestizideinsatzes sowie für den Ersatz der Importsoja durch einheimische Eiweissträger einzusetzen (gilt übrigens für die Schweizer Branche genauso). Das Video des Bund wird Euch vorkommen wie ein mildes Herbst-Lüftchen gegenüber dem Orkan, der sich erheben wird, sobald die erste Missbildung eines Embryos durch Glyphosat wissenschaftlich belegt ist.

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8 Antworten to “„Glyphosat macht Baby tot.“ Ja, das darf man”

  1. Thomas McAlavey Says:

    Liebster Adi
    Das Fibl hat mit einer Studie gezeigt, das mit der Biolandwirtschaft mehr Leute ernährt werden könnten, da die vielen Kleinbauern in den Entwicklungsländern gar kein Geld für die Agrarmultis und ihre Produkte haben! Und Round up wird übrigens primär vor der Saat eingesetzt, zur Unkrautbekämpfung und nicht zur Abreife der Kulturen ( Dies ist in der Schweiz auch gar nicht gestattet). Und Bioprodukte sind nur so lange teurer, wie man die Folgekosten der konventionellen Produktion, also die Zerstörung der Bodenfruchtbarkeit, Bodenerosion, Verschlämmung, Verminderung der Artenvielfalt bei Wild- und Nutztieren, Wasserverschmutzung und den riesigen Verbrauch von fossiler Energie nicht mitgerechnet. Das ist ja beim Atomstrom genau gleich! So lange wie die kritischen Studien zu diesen Themen nur belächelt werden, wird sich daran aber leider wenig ändern. Und in einer Welt wo Leute von Monsanto und Syngenta den Welternährungspreis erhalten, obwohl sie nichts zur Verbesserung der Ernährungssituation beitragen, darf es auch solche Filmli geben, ja muss es sogar!

  2. BauerHolti Says:

    OMG Ich bin gerade ein wenig Sprachlos über den Kommentar vor mir. Bitte die Informationen nicht immer aus diesen dubiosen Quellen beziehen. Oder gehst du wenn du schwer Krank bist auch zum Frisör und fragst dem um Rat?
    Unser Hof und die Ländereien gehören uns schon seit rund 500 Jahren und ihr glaubt ernsthaft das wollen wir nun schnell zerstören? Ich denke das wir Landwirte die oft seit Generationen auf der Scholle arbeiten ganz gut wissen wie wir mit unseren Böden umgehen müssen!

    Noch eine Anmerkung zum Blogg durch Bio Sprossen sind noch gleich wieviel Menschen ums Leben gekommen?

  3. Heidi Says:

    Danke, Thomas McAlvey, für den treffenden Kommentar. Ich habe die Kampagne des Bunds ebenfalls verfolgt. Es sollen ja nur der Einsatz in Hausgärten und die Vorernte-Spritzungen verboten werden. Letztere sind eine üble Sache. Die pro Hektar eingesetzte Menge ist gross, und gespritzt wird Glyphosat kurz vor der Ernte, was auch bei ordnungsgemässem Einsatz zu erheblichen Rückständen führt. Das ist zum Glück in der Schweiz verboten, weshalb es sich lohnt, Schweizer Produkte statt Importware zu kaufen!
    Ziele der Vorernte-Spritzungen oder Sikkation sind: gleichmässige und schnelle Abreife, Vorbeugen von Auswuchs, Bekämpfung von Unkräutern (verursachen hohe Wassergehalte im Erntegut), Bekämpfung von Problemunkräutern.
    Die schädlichen Auswirkungen von Glyphosat sind etwa in Südamerika belegt. El Salvador hat diesen Wirkstoff verboten.
    Wenn wir überall eindeutige wissenschaftliche Beweise fordern, dann ist unser Geldbeutel rasch leer in Anbetracht all der schädlichen Stoffe, welche wir in die Umwelt lassen, und wir (und die Forschenden) längst vergiftet, bevor Resultate vorliegen.

  4. adriankrebs Says:

    Danke für Eure Kommentare zu diesem auch ausserhalb des Blogs hitzig diskutierten Thema. @BauerHolti Es steht mir fern zu glauben, dass Ihr das seit rund 500 Jahren Aufgebaute schnell zerstören wollt, im Gegenteil. Aber ich befürchte manchmal, dass Ihr Bauern eben nur als Spielfiguren im Spiel der beherrschenden Kräfte im Agrobusiness dient, vielleicht in Europa etwas weniger, als in der zweiten und dritten Welt. Was zum Beispiel in Argentinien (und anderen lateinamerikanischen Staaten) abläuft, angetrieben von Glyphosat/Roundup-Ready, ist nicht nur gesundheitlich für die Anwohner ein Debakel, sondern auch ökonomisch für Zehntausende von Landarbeitern und Kleinbauern, die ihrer Existenz beraubt und in die Slums am Rande der Städte abgetrieben werden, wie ich hier vor einiger Zeit ausführlicher beschrieben habe. Was die Sprossen angeht: Es sind 53 Menschen ums Leben gekommen, aber wenn wir dieser aus meiner Sicht nicht sonderlich dubiosen Quelle glauben wollen, sind der Skandal und dessen Ursachen noch längst nicht aufgeklärt: http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/ehec-epidemie-2011-die-infektionsquelle-wurde-nie-gefunden-a-923249.html Deshalb ist auch unklar, ob der Betrieb, welcher mit den ägyptischen Samen Biosprossen herstellte, damals zu Unrecht behördlich geschlossen wurde.
    @Heidi/Thomas McAlavey Studien sind das eine, die Realitäten das andere. Ich gehe mit Dir einig, Thomas, dass die konventionellen Lebensmittel zu billig und nicht die biologischen zu teuer sind, das ändert nichts daran, dass die Konsumenten so lange sie vorhanden sind die billigeren nehmen. Produkte sind übrigens nicht einfach besser, Heidi, weil Schweiz draufsteht, zum Beispiel deshalb, weil viele unserer Tiere mit Soja gefüttert werden, die mittels Sikkation zur gleichmässigen Abreife gebracht wurde.

  5. Heidi Says:

    Nachrichten aus Deutschland: Bundesrat will Glyphosat-Verbot kurz vor der Ernte und in Hausgärten

    „… Aus Gründen des vorbeugenden Verbraucherschutzes hat sich daher Baden-Württemberg im Bundesrat erfolgreich dafür eingesetzt, die Glyphosatanwendung zur Ernteerleichterung zu verbieten. Die regelmäßige Anwendung von Glyphosat zur Sikkation entspricht ohnehin nicht der guten fachlichen Praxis …

    … Ländermehrheit befürwortet auch Verbot im Haus- und Kleingartenbereich
    … Da die Rückstände von Glyphosat in Oberflächengewässern auch zehn Jahre nach Einführung von Abgabevorschriften nach wie vor zu hoch sind, ist anzunehmen, dass im Haus- und Kleingartenbereich immer noch unsachgemäße Anwendungen erfolgen …. So sei es beispielsweise nicht erlaubt, Flächen wie Wege und Garageneinfahrten mit Spritzmitteln zu behandeln.
    Da sich die Abgabe an private Anwender so gut wie nicht kontrollieren lässt, ist eine Mehrheit der Bundesländer dafür, die Anwendung von Glyphosat im Haus- und Kleingartenbereich zu verbieten …

    Der österreichische Nationalrat hatte bereits im Sommer im Vorgriff ein sofortiges Verbot von Glyphosat zur Behandlung von landwirtschaftlichen Kulturen zur Reifebeschleunigung vor der Ernte beschlossen… „, siehe Proplanta

    http://www.proplanta.de/Agrar-Nachrichten/Pflanze/Bundesrat-will-Glyphosat-Verbot-kurz-vor-der-Ernte-und-in-Hausgaerten_article1383934675.html

    Mit diesen Verboten wäre dann Deutschland der Schweiz einen Schritt voraus, denn bei uns ist zwar die Anwendung auf Wegen und Plätzen ebenfalls verboten, nur halten sich viele Private und auch etliche Gemeinden nicht daran:

    Herbizidverbot auf Wegen und Plätzen ist bei Gartenbesitzern weitgehend unbekannt, siehe BAFU
    http://www.bafu.admin.ch/dokumentation/medieninformation/00962/index.html?lang=de&msg-id=35799

  6. adriankrebs Says:

    Herzlichen Dank für die ergänzende Recherche, Heidi, man merkt, dass Du hier mit jedem (Ab-)Wässerchen gewaschen bist;-)

  7. Vanessa Says:

    es wird mal wieder aus einer Mücke ein Elefant gemacht.. wenn es danach ginge dürfte man garbichts mehr essen etc.

  8. Es läuft nicht Round für Glyphosat (& die Bauern?) | Adi's Agro-Blog Says:

    […] Die tubelisicheren Verdienstmöglichkeiten mit dem flächendeckenden Anbau des Cash-Crops hat die Rinderzucht ebenso verdrängt wie Spezialkulturen. Mit diesen arbeitsintensiven Landwirtschafts-Sektoren kam auch die ländliche Bevölkerung unter Druck, da zehntausende von Jobs verschwanden, das Resultat ist eine verstärkte Landflucht. Diejenigen die blieben tragen die Konsequenzen oft in Form von gesundheitlichen Auswirkungen. Mehr dazu zum Beispiel hier und hier. […]

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