Der Stachel im Fleisch der Industrielandwirtschaft

FleischatlasPünktlich zum „Davos der Landwirtschaft“, wie die nächste Woche stattfindende Internationale Grüne Woche in Berlin gern genannt wird, hat’s der BUND wieder getan: Die grösste deutsche Umweltschutzorganisation hat der Landwirtschaft zwei mittlere Bomben in den Bauernhofgarten geworfen.

Innert zwei Tagen hat der Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland eine Studie über den Hormoneinsatz in der Mastferkelproduktion und zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung und „Le Monde Diplomatique“ den Fleischatlas 2014 publiziert.

Dazu ein paar secce Bemerkungen (ich habe mir auf Anregung von einer zeitlich knapp dotierten Leserin vorgenommen, weniger episch zu schreiben heuer):

  • Beides sind sehr lesenswerte Publikationen, die wunde Punkte der modernen Landwirtschaft treffen.
  • Der BUND schafft es auch dank offenbar sehr guter Medienkontakte immer wieder, flächendeckend Salz in diese Wunden der Landwirtschaft zu streuen. Wie schon bei den Glyphosat-Babys vor einigen Monaten hagelt es Protest, namentlich gegen die Hormonstudie. Das zeigt, dass sich trotz einiger handwerklich fragwürdiger Punkte in der Studie, die etwa hier kritisiert werden, viele Schafe in der Herde getroffen fühlen. Zurecht, denn
  • die deutsche Fleischproduktion ist zu einem gigantischen Industriesektor herangewachsen, pro Jahr werden etwa gut 58 Millionen Schweine geschlachtet, damit ist unser nördliches Nachbarland der weltweit drittgrösste Produzent nach China und den USA, Spitzenränge nimmt man auch bei der Rindfleischproduktion und den Mastpoulets ein.
  • Fleischatlas TierzahlenDie Industrialisierung des Sektors hat zu einer Konzentration auf allen Ebenen: Immer weniger Produzenten mästen grössere Bestände für grössere Schlachtunternehmen, die ihre Ware zu womöglich immer tieferen Preise an immer grössere Supermarktketten liefern. Deutschland ist nur ein Beispiel für diese Entwicklung. Hier verarbeiten im Schweinesektor gemäss dem Fleischatlas drei Betriebe 55 Prozent des Schlachtwerts, in den USA sind es 10 Konzerne, die 88 Prozent der Schweine verarbeiten (die Grafik rechts zeigt Zahlen für den weltweiten Markt).
  • Diese Entwicklung zieht diverse Probleme nach sich. Um nur einige zu nennen: Höherer Krankheitsdruck in Grossbeständen, steigender Hilfsstoffeinsatz auf den Feldern (für die forcierte Eiweissfutterproduktion) und Stall, Emissionen von Grossbetrieben, Tierschutzprobleme, Lohndruck in Grossschlachthäusern, erhöhter Zeitdruck und zahlreichen Fehlmanipulationen am lebenden Tier in Schlachthäusern, Schwinden von gewerblichen Fleischverarbeitern.
  • Ich staune immer wieder, mit welcher Verve sich die Landwirte und ihre Lobbyorganisationen dagegen wehren, die Probleme überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. In den integrierten Kreisläufen der Grosskonzerne, die Genetik, Futter und Infrastruktur liefern und die Tiere vollumfänglich übernehmen sind sie das schwächste Glied und stehen in extremer Abhängigkeit. Von freiem Unternehmertum, wie sie es sich gerne auf die Fahne schreiben, entfernen sich die sogenannte Urproduzenten immer weiter.
  • Der BUND ist für mich so etwas wie die EMMA einst, als sie dem Feminismus auf die Beine half. Nervt zwar immer wieder, aber für die Bewusstseinsbildung der Landwirte in Deutschland und darüber hinaus extrem wichtig. Ich warte auf den Ausbruch des Agrinismus.
  • Und in der Schweiz dürfte man in Sachen Landwirtschaft ruhig auch etwas mehr Lärm hören von Pro Natura, auch wenn die Verhältnisse noch um einiges idyllischer sind, als in Deutschland. Aber bei weitem nicht problemlos. (Illustrationen aus dem Fleischatlas)
    Fleischatlas Tierzahlen D

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2 Antworten to “Der Stachel im Fleisch der Industrielandwirtschaft”

  1. Hansuli Huber Says:

    Salü Adi,
    die konventionelle Schweizer Schweinehaltung (Masttiere) unterscheidet sich tierschützerisch kaum von der EU (Wenig Platz, keine Einstreu, kein Auslauf), die Zuchtsauenhaltung dafür sehr stark. Zudem gilt in der CH das Verbot des Kastrierens ohne vorgängige Schmerzausschaltung.Das ist traurigerweise weltweit einzigartig (Ausnahme: Norwegen). Immerhin werden 60% der CH-Mastschweine gemäss BTS/RAUS gehalten (Einstreu, Auslauf), das mildert die largen Tierschutzvorschriften etwas ab.
    Ein grosses Problem scheint mir der idiotische Herumtransport von jungen und alten Schweinen bei der sog. arbeitsteiligen Ferkelproduktion (AFP), das wir Schweizer von der EU übernommen haben. Statt dass jemand Schweine züchtet und mästet oder wenigstens züchtet oder mästet, bedeutet AFP, dass Sauen auf einem Deck- und Galtsauenbetrieb sind, danach (hochtragend!) in einen Abferkelbetrieb transportiert werden, wo sie 4,5 Wochen säugen, danach kommen sie wieder in den Deckbetrieb und die Ferkel in einen Ferkelaufzuchtbetrieb, danach von dort in einen Mastbetrieb. Tönt verwirrend, ist blöd aber Realität, leider!
    Pervers ist auch, dass die Schweinezucht heute Sauen hervorgebracht hat, welche mehr Ferkel gebären als sie funktionierende, milchführende Zitzen haben (jedes Ferkel beansprucht eine spezielle Zitze in der Natur). Die Konsequenz: Neugeborene Ferkel mutterlos oder mit Ammen grossziehen. Dass diese Ferkel mega-gestresst und krankheitsanfälliger sind, dürfte klar sein.
    Beste Grüsse Hansuli Huber

  2. adriankrebs Says:

    Sälü Hansuli, danke für die aufschlussreichen Ergänzungen und Differenzierungen, interessant, leider sind die Bauern (und ihre Schweine) tatsächlich zu oft die Letzten, die die Hunde beissen, Gruess u schöne Tag Adi

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