Kaum Zufall: ETH schon wieder Agrarökonomenlos

ETHDie ETH tut sich schwer mit der Agrarökonomie, zumindest was die Bestellung des unterzwischen einzigen Professorenpostens angeht. Nach dem Abschied von Bernard Lehmann zum Bundesamt für Landwirtschaft Mitte 2011 – er wurde dort Direktor – war der Posten während zwei Jahren verwaist. Im Juni 2013 nahm dann mit Pierre Mérel ein hoffnungsvoller Jungprofessor mit umfangreichem Palmarès seine Tätigkeit am Institut für Agrarökonomie auf.

Pierre MérelDer 38-Jährige hatte zuvor als Extraordinarius an der Agrar-Eliteuniversität in Davis, Kalifornien gewirkt. Mit viel Vorschusslorbeeren wurde er an der ETH begrüsst: „Mit seinen Forschungsarbeiten im Schnittbereich zwischen Agrar- und Umweltpolitik leistet Pierre Mérel wichtige Beiträge zur interdisziplinären Umweltentscheidungsforschung und zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Umweltbilanz. Seine Spezialgebiete umfassen aktuelle Themen wie Agrarproduktqualität, Wettbewerbs­politik und die Verwendung natürlicher Ressourcen auf regionaler Ebene. Mit der Berufung von Pierre Mérel verstärkt das Departement Umweltsystemwissenschaften seine Kompetenz in einem gesellschaftlich wichtigen Feld“, schrieb die ETH in einer Mitteilung anlässlich der Wahl.

Knapp ein Jahr nach seinem Stellenantritt im Juni 2013 muss man sich bereits wieder auf die Suche begeben, wie die ETH-Medienstelle auf Anfrage bestätigt: „Prof. Mérel hat seine Stelle gekündigt und wird die ETH Zürich auf das kommende Herbstsemester verlassen. Die ETH wird weiter auf dem Gebiet der Agrarökonomie forschen und lehren und das Forschungsfeld künftig eher noch ausbauen. Ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin wird gesucht. Die Stelle wird in absehbarer Zeit ausgeschrieben“, schreibt die Hochschule auf Anfrage. Mérel kehrt unterdessen nach Davis zurück, wo man ihm seinen Stuhl offenbar warm behalten hat.

Auch wenn der abrupte Abgang Mérels offenbar auch familiäre Gründe hat, dürfte die klare Abwertung der Landwirtschaft an der ETH zum kurzen Gastspiel beigetragen haben. Das einst stolze Departement für Agrar- und Lebensmittelwissenschaften ist heute nur noch subalterner Bestandteil des hochtrabend benamsten Departement für Umweltsystemwissenschaften. Davis dagegen hat soeben zum wiederholten Male die Auszeichnung als weltbeste Agraruniversität erhalten, dort ist man stolz auf die über 100-jährige Tradition als Landwirtschafts- und Ernährungskompetenzzentrum. Man mag jetzt sagen, dass die Landwirtschaft in der Schweiz eine ungleich kleinere Bedeutung hat, als in den USA. Das muss aber für eine Top-Uni wie die ETH noch lange kein Grund sein, auf kleinbäuerlich zu machen, denn wenn man dasselbe in anderen Bereichen täte, wäre man kaum Nr. 12 weltweit.

PS. Dieses Primeurli hat ein schönes Medienecho ausgelöst, was mich natürlich gefreut hat. Hier ein paar Links:

http://www.bauernzeitung.ch/news-archiv/2014/03/04/eth-professor-fuer-agraroekonomie-geht-bereits-wieder.aspx

http://www.landwirtschaft.ch/de/aktuell/agronews/detail/article/2014/03/04/ethz-wieder-ohne-professor-fuer-agraroekonomie/

http://www.schweizerbauer.ch/politik–wirtschaft/agrarwirtschaft/eth-agraroekonomie-professor-geht-schon-wieder-14975.html

Sogar meiner guten alten Tante NZZ war die Geschichte am Donnerstag ein paar Zeilen wert:

ETH-Agrarökonomie ohne Professor
Kündigung nach 9 Monaten
 flo. · Die ETH Zürich bietet als einzige universitäre Hochschule in der Schweiz den Studiengang Agrarwissenschaft an, doch in der Agrarökonomie zeichnet sich beim einzigen noch verbliebenen Professorenposten eine erneute Vakanz ab. Der 38-jährige Professor Pierre Merel hat seine Mitte 2013 angetretene Stelle gekündigt, wie die ETH eine Mitteilung des Agrarjournalisten Adrian Krebs bestätigt. Merel kehrt zu seinem vorherigen Arbeitgeber zurück, an die University of California in Davis. Die Stelle wird wieder ausgeschrieben. Der Lehrstuhl für Agrarökonomie war bereits vor Merels Amtsantritt für rund zwei Jahre verwaist, nachdem Vorgänger Bernhard Lehmann als Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft nach Bern gewechselt hatte.

Dank allerseits!

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2 Antworten to “Kaum Zufall: ETH schon wieder Agrarökonomenlos”

  1. Heidi Says:

    Erstens sei gesagt, dass sich die wenigsten Schweizer ETH-Landwirtschafts-Professoren um ihren Nachwuchs gekümmert hatten.
    Zweitens begann ein weiterer Niedergang der Landwirtschaft an der ETH mit der Einführung der Forschung an den Fachhochschulen, d.h. öffentliche Forschung auf drei Stufen: ETH, Fachhochschulen und landw. Forschungsanstalten. Vor etlichen Jahren wurde die Landwirtschaft an der ETH auf dem Papier ganz gestrichen. Massiver Protest von verschiedenen Seiten konnte sie wenigstens retten.
    Ein Mathematik-Professor erklärte den Unterschied zwischen den ETH-Agronomen und den früheren Agro-Technikern so: „Die Agronomen wissen, wieso man etwas macht, z.B. eine bestimmte Methode anwendet; die Techniker können sie besser anwenden. Beherrschen die heutigen FachhochschulabsolventInnen beides?
    Drittens. Die heutige ETH ist auf Image ausgerichtet nicht auf gesellschaftliche Notwendigkeiten, da passt die Landwirtschaft nicht mehr so richtig hinein, ausser vielleicht mit Professuren, die von der Industrie gesponsort sind. Man will die Weltbesten sein, und das um jeden Preis. Mit viel Hochglanzwerbung und Image-Pflege geht die ETH auf Kundenfang (Studierende). Die ETH ist heute ein Geschäft wie jedes andere auch, nur mit dem Unterschied, dass wir dieses Geschäft mitfinanzieren, auch die aus aller Welt angelockten Studierenden. In den Entscheidungsgremien (auch nationale Forschungsprogramme) sitzen massenhaft InteressenvertreterInnen.
    Viertens. Obwohl die Agro-Lobby im Allgemeinen so schlagkräftig ist wie die heutigen Maschinen, für die landwirtschaftliche Forschung hat sie sich noch nie stark gemacht. Schade!

  2. adriankrebs Says:

    Danke für Deinen pointierten Kommentar, Heidi!

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