Archive for the ‘AgrInnovation’ Category

Weideskilift (2): Der Traktor als Pistenbully

Januar 15, 2015

SkiliftDer heutige Tag wäre ideal geeignet, um den Einstieg in die Agrarpolitik ’15 zu nehmen. Der Bundesrat hat seinen Gegenvorschlag zur Ernährungssicherheitsinitiative des Bauernverbands präsentiert. Er gleicht praktisch wie ein Ei dem anderen dem Initiativtext, der augenfälligste Unterschied ist, dass der Bundesrat einen Artikel 102a und der Bauernverband einen 104a will. Für den Bauernverband ist das ein beachtlicher Erfolg, obwohl er in seiner Medienmitteilung natürlich nicht einfach uneingeschränkt zufrieden sein kann, das wäre politisch auch unklug.

Unter dem Strich bleibt mein Fazit unverändert: An der aktuellen Agrarpolitik wird sich mit dem neuen Artikel, so denn einer kommt, angesichts der schwammigen Formulierungen hüben wie drüben nichts ändern (müssen), womit sich die Frage in den Raum drängt, wozu die ganze Übung?

Antworten gerne in der Kommentarspalte, unterdessen präsentiere ich anstatt zu spekulieren lieber eine Fortsetzung des letzten Posts. Als Reaktion darauf hat mir Ueli Aeschbacher diese tollen Bilder von seinem Weideskilift geschickt, samt diesem aufschlussreichen Text:

Chruse-Lift in Kappelen in den Wynigenbergen:
Wir sind  14 Bauernfamilien (na gut 13 Bauernfamilien, mich zähle ich dann schon eher zu den Hobbybauern) mit 45 Kindern im Alter von 3 bis 13 Jahren in den Wynigenbergen welche vor ein paar Jahren einen Kleinskilift vom Typ Borer-Star angeschafft haben und ihn seither betreiben. Der Lift hat eine Länge von 200 m, die Seilführung ist freihängend mit Bügeln, ein sogenannter ‚Händschefrässer‘. Einen rund 40 Meter breiten Streifen entlang des Auftiegs präparieren wir mit einem Same-Traktor mit Doppelrädern vorne und hinten, vierfach mit Schneeketten ausgerüstet und am Front-Dreipunktanbau mit einer uralten Holzwalze ausgerüstet. Erstaunlicherweise klebt der Schnee am Holz nicht und wir schaffen es immer, eine tolle Piste herzurichten. Letzte Woche hatten wir bereits 6 sehr schöne Skitage und dies auf 800 müM. Im Sommer grasen auf der Piste OB-Mutterkühe und Lamas. Der Name Chruse-Lift stammt von der Liegenschaft auf dem Bild ersichtlich (Anm. dies ist mein Zuhause).  Die Ortsteil heisst Kappelen in der Gemeinde Wynigen. Der Lift lief bis 2011 in Valchava im Münstertal.

Ganz herzlichen Dank, lieber Ueli, eine schöne Geschichte. Wünsche Euch, dass Ihr die Holzwalze heuer (und in den kommenden Jahren) noch ein paarmal ausfahren könnt! (Bilder: Ueli Aeschbacher)
Skilift2

 

 

 

Perlentauchen (2): Ganz Kuh fürs Ganz Jahr

Dezember 23, 2014

Kalender1(New: English translation below.)
Gerne vergisst man ja, sich selber etwas zu schenken zu Weihnachten. Da hätte ich jetzt was ganz Schönes: Der Kalender “Ganz Kuh” aus dem Faro Verlag. Der Wandbehang erfreut nicht nur während 12 Monaten mit dekorativen Kuhbildern sondern tut ganz nebenbei auch noch Gutes für die behornte Kuh. 5 Franken vom Kaufpreis gehen an die Inititanten des Volksbegehrens “Für die Würde der landwirtschaftlichen Nutztiere” der IG Hornkuh, für welches jetzt Unterschriften gesammelt werden.

Kalender2Die Volksinitiative verlangt Direktzahlungen für horntragende Kühe oder in Bundesbeamtendeutsch: “Er (der Bund, Red.) fördert mit wirtschaftlich lohnenden Anreizen Produktionsformen, die besonders naturnah, umwelt- und tierfreundlich sind; dabei sorgt er insbesondere dafür, dass Kalender3Halterinnen und Halter von Kühen, Zuchtstieren, Ziegen und Zuchtziegenböcken finanziell unterstützt werden, solange die ausgewachsenen Tiere Hörner tragen.” Das Begehren hat im Gegensatz zu zahlreichen anderen Initiativen, die gegenwärtig die Administration beschäftigen Horn und Fuss und ist deshalb durchaus unterstützungswürdig.

Bestellen kann man/frau das bildstarke Werk von Fotograf Philipp Rohner und Martin Ott bei Alfred Schädeli (alfred.schaedeli@fibl.org) zum Preis von Fr. 28.- (zuzüglich Versandskosten). Ein Exemplar gibt es hier als Geschenk, aber natürlich nur, wenn die Wettbewerbsfrage richtig beantwortet wird. Diese lautet wie folgt: Wie viele der rund 600’000 Milchkühe erreichen in der Schweiz das 10. Altersjahr? Ich wünsche viel Glück beim Raten. Ein kleiner Tipp: es sind weniger als die Hälfte, leider.

And a little translation for english speaking participants: To win this beautiful calendar, you have to guess how many of the 600’000 Swiss milk cows reach their 10th anniversary. It’s clearly less than 50% unfortunately. If you want to buy the calendar, please contact alfred.schaedeli@fibl.org. The price is 28 Swiss franks (plus shipping). 5 franks go to the Swiss Horncow Initiative, a political movement that collects signatures for a popular vote on direct payments for cows with horns (ca. 90% of Swiss cows are de-horned when approx 3 week old calves).
GanzKuhKalender2015_cmyk

Tanzania Tales (2): Masters of the Mobilephone

November 28, 2014

Telephone MastressNeu ist das ja nicht, aber doch immer wieder spannend zu sehen: Das Mobiltelefon hat in Afrika einen längst noch nicht abgeschlossenen, aber schon sehr imposanten Siegeszug hinter sich. In Nordtansania ist das Netz auch im hintersten Krachen am Fusse des Kilimandjaro besser als vielerorts auf der Eisenbahnstrecke Bern-Zürich, und Totalausfälle wie man sie in der Schweiz immer wieder mal erlebt gibt es in Tansania schon gar nicht, was man von der Elektrizität nach wie vor keineswegs behaupten kann, Stromausfälle sind an der Tagesordnung.

Das Handy ist für die Menschen (wie hier für diese Mitarbeiterin von Quality Food Products in Arusha) nicht nur täglicher Begleiter, sondern auch ein Hilfsmittel für die Organisation des Alltags. Die vermutlich wichtigste Neuerung ist das Zahlungssystem M-Pesa, welches von einer kenyanischen Telecomfirma in Zusammenarbeit mit Vodafone bzw seiner afrikanischen Tochter Vodacom entwickelt worden ist. M steht für Mobile, Pesa für Bargeld (in Swahili). Das System ermöglicht Bargeldtransfers ohne dass man über ein Bankkonto verfügen müsste. Das ermöglicht zahlreichen BürgerInnen, die bis anhin vor allem wegen Finanzknappheit sowie fehlenden Bankfilialen oder Geldautomaten keinen Zugang zum Banksystem hatten, ihre Geschäfte bargeldlos abzuwickeln.

Als “Bank” fungiert die Telefongesellschaft. Kioske (siehe Bild unten, das M-Pesa-Logo ist rechts erkennbar), Tankstellenshops und Supermarkets übernehmen die Rollen der Filialen. Dazu braucht es kein Smartphone oder App, denn damit sind die AfrikanerInnen eher noch dünn ausgestattet. SMS genügt. Will zum Beispiel ein Sohn in der fernen Stadt einen Betrag an seine Eltern überweisen muss er nach einmaliger Registrierung in einer der zahllosen Filialen mit einer Einzahlung daselbst dafür sorgen, dass genug Geld auf seinem Konto ist und kann dann via Telefon mit ein paar einfachen Eingaben Geld überweisen, abgesichert ist die Transaktion mit einer PIN. So bezahlt man in Afrika unterdessen auch Gasrechnungen, Schulgebühren und Flüge.

Aber natürlich auch Düngemittel, Kühe und Futter, M-Pesa ist ein ganz wichtiges Hilfsmittel für die Kleinbauern, die weder über Transportmittel noch liquide Mittel für längere Reisen verfügen. Mit Hilfe von M-Pesa erhalten sie eine Möglichkeit, am Wirtschaftssystem teilzunehmen. Das alles funktioniert natürlich nicht auf wohltätiger Ebene, die Betreiber finanzieren sich über ein Abschöpfung von rund 1 Prozent der Summe auf den Transaktionen.

Daneben gibt es weitere spannende Beispiele für die Segnungen der Mobiltelefonie in der Landwirtschaft. Dazu gehört die Information über Marktpreise. Oft variieren die Preise auch in Gebieten von bescheidener Grösse stark. Ein SMS mit den Tagesnotierungen auf 50 Märkten kann da viel zusätzlichen Ertrag bewirken.

M-Pesa-Kiosk

Tanzania Tales (1): Massai Ferguson

November 20, 2014

Massai Ferguson

Vergangene Woche hatte ich das Glück, an einer von IFAJ und Agriterra organisierten Agrarreise durch Tansania teilnehmen zu dürfen. Es war toll, eine wunderbare Truppe, super Novemberwetter, nette Gastgeber und eine landtechnische Reise zurück in die Jugend. Der MF 135 (Allrad) war damals im Emmental das Standardprodukt und der erste Traktor auf dem ich Gas geben durfte, während der 165er den Flachlandgrossbauern vorbehalten war.

Heute sind sie längst von unseren Äckern verschwunden, in Tansania findet man die beiden Schlachtrosse aber unbeirrt im Einsatz, wie diese Bilder zeigen. Der untere ist zwar nicht mehr gut angeschrieben, aber es dürfte sich dabei um einen 135-er handeln, Spezialisten mögen mich korrigieren.

Zu den Massey Fergusons in Ostafrika gibt es eine lustige Geschichte: Die Massai sind nicht nur traditionsreiche und stolze Rinderzüchter, sondern offenbar auch grosse Anhänger der ebenso traditionsreichen Traktormarke deren Wurzeln bis ins Jahr 1847 zurückreichen. Deshalb heisst der in Tansania weit verbreitete Schlepper im Volksmund Massai Ferguson. Als mir jemand diese Anekdote erzählte dachte ich, wow, wenn jetzt ein Massai käme auf einem MF, das wär cool, 10 Minuten später wars soweit, ein Viertel des Traktors ging wegen nervösem Kamerahandling verloren, aber das wichtigste war ja der Massai auf dem Massey. Die Massai tragen übrigens passend zum motorisierten Untersatz aus Autopneus gefertigte Sandalen.

MF3Damit nun nicht der falsche Eindruck entsteht, es verkehrten in Tanzania nur die beschriebenen Modelle hier noch zwei Gegenbeispiele. Ein neuerer MF Typ 375 auf einem Kalenderblatt…

MF4…und ein ebensolcher im Strasseneinsatz. Insgesamt sind die Antiquitäten aber zahlenmässig immer noch deutlich im Vorsprung.

MF2

Nachwachsende Zugkraft: sauber, schön, still

Oktober 29, 2014

Rossarbeit2Neulich weilte unsereinem für einen Artikel über Pferdearbeit im Bernbiet. Das ist ja an sich schon ein gutes Setting, dazu kam noch das Wetter und ein sehr netter Empfang im Dieterswald bei David Michel, ein recht perfekter Vormittag war das.

Jungbauer Michel ist erst 28 und ein pragmatischer Pionier der modernen Pferdearbeit. Er entwickelt zusammen mit seinem deutschen Kollegen Christoph Schmitz, einem Tüftler par excellence neues Gerät ohne Aufbaumotor. Man stelle sich zum Beispiel vor: eine Rundballenpresse mit Antrieb von einer einzigen Achse am Vorderwagen. Nicht schlecht. Wer’s nicht glaubt möge diese Facebookseite ein bisschen genauer unter die Lupe nehmen, dort gibt’s ein Filmli dazu.

Mir gefällt, wie Michel ohne viel Aufhebens und ideologische Scheuklappen zurückgekehrt ist zu einer reduzierten Motorisierung, die zwar in der heutigen Zeit, wo ein 100-PS-Traktor als mittelgross gilt, ein bisschen exotisch wirkt, aber so ziemlich ideal den Anforderungen an eine nachhaltige Landwirtschaft entspricht.

Rossarbeit5Wenn man übrigens bei Michel genau hinschaut, sieht man noch einen 30-jährigen Laverda-Hangmähdrescher im Wagenschopf. Das sei eines seiner Hobbys, meint er verschmitzt lächelnd. Das zeigt auch, dass der Pferdearbeit Grenzen gesetzt sind, die die Wiederentdecker des Hafertraktors bestens kennen und für solche Fälle gerne auf das bewährte Werkzeug zurückgreifen. Das gilt übrigens auch für ihre Pferdegeräte, dort profitiere man von der jahrzehntelangen Arbeit grosser und kleiner Landmaschinenfirmen, sagt Michel. Die nebenstehende Sämaschine ist ein gutes Beispiel dafür.

Gefreut war auch, wie Michel mit seinen Pferden umgeht. Eingespannt waren am Pflug, ein antikes, aber noch immer sehr brauchbares Modell der Firma Althaus, Jurek (rechts) und Princess. Beide charakterisierte der Pferdebauer mit träfen Worten. Er weiss haargenau, wie und wo er sie einsetzen kann, was ihre Mödeli sind und ihre Stärken. Nach getaner Arbeit sagt er ihnen merci. Ich auch, danke für den interessanten Besuch! (Bild mitte pferdezugtechnik.de) Rossarbeit4a

Herbstkuhwoche (1): Cowcam can

Oktober 4, 2014

Cowcam BuchEs herbstelet und deshalb ist der Zeitpunkt ideal für eine Herbstkuhwoche. Den Auftakt macht ein Buchtipp: Cowcam – Kühe fotografieren ihre Welt.

Regelmässige Leserinnen werden diesem Phänomen hier schon das eine oder andere Mal begegnet sein. Jetzt ist es soweit, die Bilder von Kühen für Kühe und vor allem Menschen sind zwischen Buchdeckeln gefasst.

Der Klappentext erklärts am Besten, worum es geht: “Eines Tages hatte der Bauer vom Hümpelihof (Christoph Sigrist) eine Idee: Er wollte wissen, wie die Kuh die Welt sieht, und montierte eine kleine Kamera in eine Treichel, die er seiner Lieblingskuh Sofie umhängte. Später schickte er die Cowcam auf eine Reise durch die Schweiz.”

Herausgekommen ist ein von Dänu von Rüti sehr schön gemachtes rustikales Buch, das vor allem von den Bildern der Kamerakühe lebt. Aber natürlich kommt auch der Text (aus menschlicher Hand von Sagita Lehner) nicht zu kurz. So gibt es Erklärungen zu Locations, Kühen und Kamerainstallation. Kann den 224-Seiter mit gleichvielen Bildern empfehlen für alle, die sich an schrägen Perspektiven nicht stören und den anderen Blickwinkel suchen, oft garniert mit Flötzmaulunterseite, hängt doch die Kamera, wie erwähnt an der Glocke (die also nicht nur Hörschäden beschert, sondern auch Bilder beisteuert.

Am Montag findet übrigens eine Buchtaufe im Sphères in Zürich statt, falls sich jemand das Buch quasi kuhwarm besorgen oder bloss Einblick nehmen will. Vielleicht wird’s dann hier auch nochmal verlost, aber ich muss es zuerst noch ein wenig anschauen. Cowcam offen

Gute Ernte (2): Sommerweidetore aus Southwest

September 3, 2014

Weidetor1Zu einer gelungenen Agrofotosafari gehören immer auch ein paar Weidetore, dafür ist England verlässlich ein gutes Pflaster, diesmal der Südwesten. Den Auftakt der Serie macht das Hinfällige aber dafür umso Aussichtsreichere, von dem diesen Sommer nur noch der Umgehungskranz vorhanden war.

Weidetor2Das nächste war ein Grossartig angekündigtes.

Weidetor3Und es folgte ein Gitter, so perfekt, wie man es auch in der gepützelten Schweiz kaum sieht.

Weidetor5Da war man dann schon fast wieder froh um das Rustikal hölzerne, auch dieses in perfektem Zustand. Es darf nicht vergessen gehen, dass Devon gemeinsam mit Cornwall so etwas wie die Sonnenstube Englands ist, ideal auch für Londoner, die kaum länger zu fahren haben, als eine Reise jenseits des Gotthards dauert.

Weidetor6Weitverbreitet sind hier die architektonisch anspruchsvollen Übersteiger, da es immer wieder Mäuerchen zu queren gilt. Die englische Kulturlandschaft ist schon recht toll. Während bei uns alles ausgeräumt wurde, strotzt sie hier vor Hecken, Baumgruppen und Mäuerchen.

Weidetor7Zum Abschluss hier noch das vom Weidetor inspirierte schwenkbar Eingemeindete zum Schutz von God’s Acre, wie der Friedhof passend dazu gemäss Schild hier auch heisst.

Grundfragen beim Quinoa-Dreschen in Tiraque

Juni 5, 2014

QuinoaIm letzten Herbst war ich kurz in Bolivien für den Besuch in einem FiBL-Projekt. Dort habe ich nach langen Jahren meinen Studienkollegen Johannes Brunner wieder getroffen. Er arbeitet seit einiger Zeit in Südamerika und schreibt von dort aus ab und zu einen Rundbrief für Zuhausegebliebene und andere Interessierte. Sein Editorial ist hochinteressant. Es tangiert eine der Kernfragen der (Land-)Wirtschaft: Wieviel Technisierung, Rationalisierung und Professionalisierung macht Sinn? Wem dient sie? Wer verdient daran? Wer wird glücklich dabei?

Auf der Reise in die holländische Schweineindustrie zum Beispiel habe ich mich oft gefragt, woher eigentlich der omnipräsente Wachstumsdruck kommt. Profitieren tun leider nicht primär die Bauern, auch wenn jetzt im Fall des Dreschens gewisse Vorteile der Mechanisierung nicht von der Hand zu weisen sind. Aber lesen Sie selber. Ich bringe den Text integral, inklusive Werbespot für Johannes’ Arbeitgeber, denn die Art, wie Interteam arbeitet, scheint mir sinnvoll. Merci für den spannenden Text und das Abdruckrecht Johannes!

“Vor kurzem konnte ich in Tiraque bei der Ernte einer Parzelle Quinoa mithelfen. Die Bauernfamilie hatte die Pflanzen bereits geschnitten und auf der Parzelle pyramidenförmig aufgeschichtet, damit die Rispen trocknen konnten. Diese legten wir nun in zwei Reihen auf eine Zeltplane und liessen sie nochmals eine Stunde trocknen. Danach fuhr Roberto mit seinem Auto mehrmals über die Rispen, bis sich die kleinen Körner von den Pflanzen gelöst hatten. Nach einigen Überfahrten wendeten wir sie und das Dreschen konnte wiederholt werden. Nachdem wir diese Prozedur mehrmals durchgeführt hatten, entfernten wir die Stängel von der Plane und siebten den zurückgebliebenen Rest in zwei Durchgängen mit einem Sieb mit Lochgrösse 4mm und später 2mm.

Danach brachte die Bäuerin das Mittagessen: Maiskörner, Weizenbrei und Frischkäse. Am Nachmittag kam Wind auf und wir konnten mit seiner Hilfe und der Wurfschaufel die Körner von den Resten der Spreu und den Unkrautsamen trennen. Gegen Abend lag vor uns ein pyramidenförmiger Haufen kleiner, golden glänzender Körner von etwa 150 kg aus einer Fläche von 20 Aren, den wir in drei Säcke füllten. Alle waren müde und sehr glücklich. Während der ganzen Arbeit fühlte ich mich mit meinen Vorfahren verbunden, obwohl ich beim Garben binden und Puppen stellen nie dabei war. Zeit und Effizienz gerieten in den Hintergrund, in den Vordergrund rückten Gespräche und die Aufmerksamkeit auf die Windstärke.

Meine Idee mit einer Holzkonstruktion die Trocknung der Rispen zu beschleunigen, wurde mit Neugier aufgenommen. Gleichzeitig machte ich mir Gedanken über meine eigene Vorstellung von Fortschritt und Entwicklung. Dabei stellte ich fest, dass ich Armut mit Mangel an Materiellem, mit Langsamkeit und Ineffizienz identifiziere. Sofort schlage ich deshalb Geräte und Technologien vor, damit die Bauern schneller und mehr Quinoa ernten können. Doch sind mir die Folgen nicht bewusst? Statt dass es den Familien besser geht, wird die Gemeinschaft durch Konkurrenz zerstört. Einige Betriebe wachsen auf Kosten von andern, die ihren Boden am Schluss verkaufen und abwandern.

Im Hochland Boliviens können die Menschen mit diesem Entwicklungsmodell nichts anfangen. Arm ist der Mensch, der den Kontakt zum Boden verloren hat, der keinen Boden besitzt, in dem er seine Angehörigen begraben kann, der dadurch beseelt ist und den Lebenden Nahrung und ein Dach über dem Kopf bietet. Arm ist der Mensch, der seinen Boden verkauft oder spekuliert und in die Stadt zieht auf der Suche nach einem scheinbar besseren Leben. Arm bin ich, der glaubt diesen Menschen unseren Fortschritt bringen zu müssen, obwohl ich weiss, dass damit nur Macht und Geld in den Händen weniger konzentriert wird.

Genau dieser Problematik ist sich Interteam bewusst und arbeitet deshalb auf der Ebene von Mensch zu Mensch, um langsame, dafür nachhaltige Lern- und Entwicklungsprozesse auf Vertrauensbasis aufzubauen, in denen Menschen ihre eigenen Lebensvisionen selbstbestimmt realisieren können. Die Arbeit von Interteam entpuppt sich damit auch als Werkstatt für die Kreation neuer Impulse für die Schweiz, weil unsere Partner unsere linearen Entwicklungsmodelle hinterfragen. Die Bauern und Bäuerinnen Boliviens lehren mich, dass wir in der Schweiz in dieser Hinsicht noch viel Entwicklungshilfe benötigen.” (Bild Johannes Brunner)

 

Rumäniens bedrängte Kofferraum-Marktwirtschaft

Mai 11, 2014

Schweinemarkt HodacNochmal ein kurzer Ausflug nach Rumänien und in die Marktwirtschaft, vor allem die am Strassenrand. Hier reicht als Laden ein Kofferraum, eine Ladefläche oder eine (soeben zum Abtransport verladene) Kiste, wie hier auf dem Bild vom Markt im siebenbürgischen Hodac, wo ein paar Ferkel angeboten werden.
Märit HodacViel zum Einsatz kommen auch schlichte Lieferwagen, aus deren Tiefe dann Getreide aller Art, Mehl oder andere Ware en gros angeboten werden.
KäsemarktManchmal braucht es auch nur ein Tischen mit einer Waage und einem Käse, wie dieses Bild, ebenfalls aus Hodac, zeigt.
On the roadDaneben gibt es unzählige einfache Verkaufsstellen am Strassenrand. Etwa hier, wo Wein, Früchte und Gemüse im Sortiment sind. Ich vermute, dass dies hier anders auf dem Markt, wo Abgaben zu bezahlen sind, sehr informell läuft, allenfalls, wird man dem Eigentümer des Grundstücks einen Batzen in die Hand drücken…
Honig…oder im Falle dieser Verkäuferin, die auf dem freien Feld aus dem Wohnwagen Honig verkauft, ein Glas für den lokalen Polizisten bereithalten.
Angst2Nur damit jetzt nicht der Eindruck entsteht, Rumänien werde ausschliesslich von idyllischen Bauernmärkten und Strassenverkäufern versorgt, hier noch ein Bild aus Bukarest, wo die rumänische Tochter der Zürcher Metzgerei Angst in Zusammenarbeit mit Carrefour einen schmucken Mini-Supermarkt eröffnet hat. Das Geschäft steht bezeichnenderweise im gedeckten Teil eines ehemaligen Frischmarkts, wo die Bauern und Bäuerinnen aus der Umgebung ihre Milch- und Fleischprodukte zu verkaufen pflegten. Das ist leider eine verschwindende Kultur. Das Land wird im Schnellzugstempo überzogen von mitten ins Kulturland gepflanzten gigantischen Supermärkten, wobei deutsche Ketten auffällig omnipräsent sind. Kein schönes Bild, aber bei uns in der Agglo sieht es ja auch nicht besser aus.

 

Feuerbrandresistenz: Eine Gala für GVO?

März 17, 2014

Feuerbrand lidGrüne Gentechnologie hat auch schon schlechter ausgesehen: Letzte Woche hat die ETH Zürich gemeinsam mit dem deutschen Julius-Kühn-Institut eine Erfolgsmeldung verbreitet: Einem Team um den Forscher Cesare Gessler sei es gelungen, Gala, dem Darling der ApfelesserInnen, ein Gen einzupflanzen, das diesen resistent macht gegen den Feuerbrand, eine gefürchtete Bakterienkrankheit im Kernobstbau.

In einer Mitteilung erklärt die ETH, das Team habe mit Cis-Gentechnik gearbeitet und der Gala ein Gen eines Wildapfels eingepflanzt. Die Trans-Gentechnik dagegen arbeitet mit artfremden Genen, ein Beispiel dafür ist BT-Mais, hier wurde der Pflanze das Gen eines Bazillus einverleibt. Das eine Cis-Gen reiche aus, so heisst es in der Mitteilung der ETH, um den Apfelbaum vor dem Feuerbrand zu schützen. Mit derselben Methode war es demselben Team vor einigen Jahren gelungen, Gala eine Schorfresistenz einzubauen.

Gessler_CesareGessler ist einer der Hoffnungsträger der GVO-Promotoren. Nicht nur weil er als jovialer Wollpullover- und Bartträger so gar nicht ins Feindbild der GVO-Kritiker passen will, sondern auch, weil seine Forschung bis in die Biobranche hinein als positives Andwendungsbeispiel für die ansonsten verpönte grüne Gentechnik gilt. Das ist nicht mal falsch: Die Technologie hilft Gessler und seinen Leuten, Zeit zu sparen. Mit Cis-Gentechnik bleibt ihm die mühselige und langwierige Einkreuzung des Wildapfels in die Gala erspart. Da keine artfremden Gene eingekreuzt werden wird man auch kaum von Frankensteinfood sprechen wollen, wie das Gentechnkritiker oft und gerne tun.

Trotzdem ist es ein bisschen verfrüht, jetzt den virtuellen Hut vor Gesslers Werk zu ziehen und sich vor dem Wunder der Gentechnik zu verneigen. Gessler relativiert in der ETH-Mitteilung gleich selbst: Die Stimmung in der Schweiz sei zu gentechkritisch, um an einen Anbau überhaupt zu denken, meint er mit Blick auf das nach wie vor geltende Anbaumoratorium in der Schweiz sinngemäss. Das ist aber nicht das einzige Problem. Auch sein Produkt ist noch weit entfernt von Praxisreife: Die Resistenz funktionierte zwar im Treibhaus, was aber noch lange nicht heisst, dass das auch im Feld der Fall sein wird. Zudem warnt er gleich selber vor einem Resistenzdurchbruch. Mit nur einem einzigen Resistenzgen ist ein solcher in der Tat wahrscheinlich, weitere Resistenzgene sollen deshalb folgen, man darf gespannt sein, ob dies der Agroscope gelingen wird, die Gesslers Werk nach dessen Pensionierung fortsetzen will.

Im weiteren besteht keinerlei Grund, aufgrund von Gesslers Arbeit, die Kritik an der vorherrschenden Anwendung von grüner Gentechnik zu mildern. Konservativ geschätzte 95 Prozent des Marktes werden von einer Handvoll Saatgut- und Pesitzidmultis beherrscht, welche mit herbizid- und insektenresistenten Pflanzen als Hebel die Märkte monopolisieren. Und das ist das deutlich grössere Problem als mögliche Auskreuzungen. Darüber darf man sich auch durch Gesslers Feigen- oder besser Apfelblaumblatt nicht hinwegtäuschen lassen. (Bild LID/Sebastian Stabinger)


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