Archive for the ‘Betriebswirtschaft’ Category

Tanzania Tales (2): Masters of the Mobilephone

November 28, 2014

Telephone MastressNeu ist das ja nicht, aber doch immer wieder spannend zu sehen: Das Mobiltelefon hat in Afrika einen längst noch nicht abgeschlossenen, aber schon sehr imposanten Siegeszug hinter sich. In Nordtansania ist das Netz auch im hintersten Krachen am Fusse des Kilimandjaro besser als vielerorts auf der Eisenbahnstrecke Bern-Zürich, und Totalausfälle wie man sie in der Schweiz immer wieder mal erlebt gibt es in Tansania schon gar nicht, was man von der Elektrizität nach wie vor keineswegs behaupten kann, Stromausfälle sind an der Tagesordnung.

Das Handy ist für die Menschen (wie hier für diese Mitarbeiterin von Quality Food Products in Arusha) nicht nur täglicher Begleiter, sondern auch ein Hilfsmittel für die Organisation des Alltags. Die vermutlich wichtigste Neuerung ist das Zahlungssystem M-Pesa, welches von einer kenyanischen Telecomfirma in Zusammenarbeit mit Vodafone bzw seiner afrikanischen Tochter Vodacom entwickelt worden ist. M steht für Mobile, Pesa für Bargeld (in Swahili). Das System ermöglicht Bargeldtransfers ohne dass man über ein Bankkonto verfügen müsste. Das ermöglicht zahlreichen BürgerInnen, die bis anhin vor allem wegen Finanzknappheit sowie fehlenden Bankfilialen oder Geldautomaten keinen Zugang zum Banksystem hatten, ihre Geschäfte bargeldlos abzuwickeln.

Als “Bank” fungiert die Telefongesellschaft. Kioske (siehe Bild unten, das M-Pesa-Logo ist rechts erkennbar), Tankstellenshops und Supermarkets übernehmen die Rollen der Filialen. Dazu braucht es kein Smartphone oder App, denn damit sind die AfrikanerInnen eher noch dünn ausgestattet. SMS genügt. Will zum Beispiel ein Sohn in der fernen Stadt einen Betrag an seine Eltern überweisen muss er nach einmaliger Registrierung in einer der zahllosen Filialen mit einer Einzahlung daselbst dafür sorgen, dass genug Geld auf seinem Konto ist und kann dann via Telefon mit ein paar einfachen Eingaben Geld überweisen, abgesichert ist die Transaktion mit einer PIN. So bezahlt man in Afrika unterdessen auch Gasrechnungen, Schulgebühren und Flüge.

Aber natürlich auch Düngemittel, Kühe und Futter, M-Pesa ist ein ganz wichtiges Hilfsmittel für die Kleinbauern, die weder über Transportmittel noch liquide Mittel für längere Reisen verfügen. Mit Hilfe von M-Pesa erhalten sie eine Möglichkeit, am Wirtschaftssystem teilzunehmen. Das alles funktioniert natürlich nicht auf wohltätiger Ebene, die Betreiber finanzieren sich über ein Abschöpfung von rund 1 Prozent der Summe auf den Transaktionen.

Daneben gibt es weitere spannende Beispiele für die Segnungen der Mobiltelefonie in der Landwirtschaft. Dazu gehört die Information über Marktpreise. Oft variieren die Preise auch in Gebieten von bescheidener Grösse stark. Ein SMS mit den Tagesnotierungen auf 50 Märkten kann da viel zusätzlichen Ertrag bewirken.

M-Pesa-Kiosk

Grundfragen beim Quinoa-Dreschen in Tiraque

Juni 5, 2014

QuinoaIm letzten Herbst war ich kurz in Bolivien für den Besuch in einem FiBL-Projekt. Dort habe ich nach langen Jahren meinen Studienkollegen Johannes Brunner wieder getroffen. Er arbeitet seit einiger Zeit in Südamerika und schreibt von dort aus ab und zu einen Rundbrief für Zuhausegebliebene und andere Interessierte. Sein Editorial ist hochinteressant. Es tangiert eine der Kernfragen der (Land-)Wirtschaft: Wieviel Technisierung, Rationalisierung und Professionalisierung macht Sinn? Wem dient sie? Wer verdient daran? Wer wird glücklich dabei?

Auf der Reise in die holländische Schweineindustrie zum Beispiel habe ich mich oft gefragt, woher eigentlich der omnipräsente Wachstumsdruck kommt. Profitieren tun leider nicht primär die Bauern, auch wenn jetzt im Fall des Dreschens gewisse Vorteile der Mechanisierung nicht von der Hand zu weisen sind. Aber lesen Sie selber. Ich bringe den Text integral, inklusive Werbespot für Johannes’ Arbeitgeber, denn die Art, wie Interteam arbeitet, scheint mir sinnvoll. Merci für den spannenden Text und das Abdruckrecht Johannes!

“Vor kurzem konnte ich in Tiraque bei der Ernte einer Parzelle Quinoa mithelfen. Die Bauernfamilie hatte die Pflanzen bereits geschnitten und auf der Parzelle pyramidenförmig aufgeschichtet, damit die Rispen trocknen konnten. Diese legten wir nun in zwei Reihen auf eine Zeltplane und liessen sie nochmals eine Stunde trocknen. Danach fuhr Roberto mit seinem Auto mehrmals über die Rispen, bis sich die kleinen Körner von den Pflanzen gelöst hatten. Nach einigen Überfahrten wendeten wir sie und das Dreschen konnte wiederholt werden. Nachdem wir diese Prozedur mehrmals durchgeführt hatten, entfernten wir die Stängel von der Plane und siebten den zurückgebliebenen Rest in zwei Durchgängen mit einem Sieb mit Lochgrösse 4mm und später 2mm.

Danach brachte die Bäuerin das Mittagessen: Maiskörner, Weizenbrei und Frischkäse. Am Nachmittag kam Wind auf und wir konnten mit seiner Hilfe und der Wurfschaufel die Körner von den Resten der Spreu und den Unkrautsamen trennen. Gegen Abend lag vor uns ein pyramidenförmiger Haufen kleiner, golden glänzender Körner von etwa 150 kg aus einer Fläche von 20 Aren, den wir in drei Säcke füllten. Alle waren müde und sehr glücklich. Während der ganzen Arbeit fühlte ich mich mit meinen Vorfahren verbunden, obwohl ich beim Garben binden und Puppen stellen nie dabei war. Zeit und Effizienz gerieten in den Hintergrund, in den Vordergrund rückten Gespräche und die Aufmerksamkeit auf die Windstärke.

Meine Idee mit einer Holzkonstruktion die Trocknung der Rispen zu beschleunigen, wurde mit Neugier aufgenommen. Gleichzeitig machte ich mir Gedanken über meine eigene Vorstellung von Fortschritt und Entwicklung. Dabei stellte ich fest, dass ich Armut mit Mangel an Materiellem, mit Langsamkeit und Ineffizienz identifiziere. Sofort schlage ich deshalb Geräte und Technologien vor, damit die Bauern schneller und mehr Quinoa ernten können. Doch sind mir die Folgen nicht bewusst? Statt dass es den Familien besser geht, wird die Gemeinschaft durch Konkurrenz zerstört. Einige Betriebe wachsen auf Kosten von andern, die ihren Boden am Schluss verkaufen und abwandern.

Im Hochland Boliviens können die Menschen mit diesem Entwicklungsmodell nichts anfangen. Arm ist der Mensch, der den Kontakt zum Boden verloren hat, der keinen Boden besitzt, in dem er seine Angehörigen begraben kann, der dadurch beseelt ist und den Lebenden Nahrung und ein Dach über dem Kopf bietet. Arm ist der Mensch, der seinen Boden verkauft oder spekuliert und in die Stadt zieht auf der Suche nach einem scheinbar besseren Leben. Arm bin ich, der glaubt diesen Menschen unseren Fortschritt bringen zu müssen, obwohl ich weiss, dass damit nur Macht und Geld in den Händen weniger konzentriert wird.

Genau dieser Problematik ist sich Interteam bewusst und arbeitet deshalb auf der Ebene von Mensch zu Mensch, um langsame, dafür nachhaltige Lern- und Entwicklungsprozesse auf Vertrauensbasis aufzubauen, in denen Menschen ihre eigenen Lebensvisionen selbstbestimmt realisieren können. Die Arbeit von Interteam entpuppt sich damit auch als Werkstatt für die Kreation neuer Impulse für die Schweiz, weil unsere Partner unsere linearen Entwicklungsmodelle hinterfragen. Die Bauern und Bäuerinnen Boliviens lehren mich, dass wir in der Schweiz in dieser Hinsicht noch viel Entwicklungshilfe benötigen.” (Bild Johannes Brunner)

 

Wie Raili mit Sauerteig ein Business erbacken hat

Januar 18, 2014

Railis Kallavus mit Brot kleinDie Grüne Woche (IGW) in Berlin, wo ich dieser Tage wieder mal bin, hat heuer 1650 Aussteller und Ausstellerinnen. Da ist es natürlich schwierig den Überblick zu behalten. Deshalb hier statt irgendwelcher Gesamtbetrachtungen ein Schlaglicht auf Raili Kallavus aus Estland, neben der ich, der Zufall wollte es, an der Eröffnungsveranstaltung zu sitzen kam.

Sie hat mir eine interessante Geschichte erzählt: Ihre Jobs als Deutschehrerin an einem Gymnasium in Tartu und später als Consulterin für NGOs hat sie an den Nagel gehängt, es hat sie gelangweilt. Jetzt bäckt sie seit gut drei Jahren Brot. Mit grossem Erfolg. Die halbe Stadt deckt sich bei ihr mit Sauerteigbrot ein und das mit Gründen: Es schmeckt ausgezeichnet, wie die Degustation am Stand des diesjährigen IGW-Gastlandes aus dem Baltikum zeigte.

Raili Kallavus mit Sauerteig kleinRaili, die viel jüger aussieht, als sie ist, hat sich das Fachwissen im Selbststudium angeeignet. Aus Büchern und dem Internet. Dann hat ihr eine Bekannte etwas Sauerteig (wie das aussieht, siehe Bild rechts) zugesteckt und damit arbeitet sie seither. Verkaufsstelle ist ein als Genossenschaft organisierter Bauernmarkt in der zweitgrössten Stadt des Landes, interessanterweise angesiedelt im Foyer eines grossen Einkaufszentrums. Den Ofen stellt ihr das Einkaufszentrum zur Verfügung. Der Duft des frischen Brotes sei der ideale Lockstoff für die Konsumentinnen versichert sie schmunzelnd. Zu ihren KundInnen gehörten Leute “die viel Wert auf Gesundheit legen, die Handarbeit schätzen und einheimische Produkte mögen”, fährt sie fort. In estnischen Supermärkten stamme das Brot häufig aus anonymer Industrieproduktion mit unklarer Herkunft des Rohstoffs.

Das ist bei der umtriebigen Jungunternehmerin anders: Sie bezieht den Roggen aus lokaler Produktion von einem Bauern aus dem benachbarten Landkreis , den sie auf einem anderen Bauernmarkt kennengelernt hat. Die Sonnenblumen- und Kürbiskerne, mit denen sie einen Teil der Produktion verfeinert sei leider noch nicht aus dem Inland, da ein entsprechendes Angebot fehle, bedauert die spätberufene Bäckerin. Die handwerkliche Produktion führt dazu, dass ihr Brot nicht ganz billig ist, der 300g-Laib kostet 1 Euro 50, das verfeinerte Modell, welches neben Kernen auch Malz enthält, 2 Euro. Der Vorteil sei aber, dass ihr Brot neben den erwähnten Qualitäten auch deutlich länger frisch bleibt aus die Ware aus den Kaufhäusern.

Raili Kallavus macht einen sehr zufriedenen Eindruck, der berufliche Umstieg hat sich gelohnt, sie verdiene mehr als vorher, “wobei ich natürlich auch mehr arbeite als vorher”, wie sie ergänzt. Das Betreiben einer eigenen Firma mit dem Label Koduleib (estnisch Hausbrot), inspiriert von den Vornamen der Grosseltern, macht ihr ebenso Spass, wie das kneten des Teigs, das sei fast wie im Sandkasten spielen. Es sei aber nicht das Backen, das sie motiviert, sondern das Ergebnis: das Geld, die Dankbarkeit und die frohen Gesichter der Kundschaft, etwa dasjenige der Enkelin, wenn sie zufrieden Grossmutters Brot verspeist.
Railis Koduleib klein

Trashiges aus’m internetten Agrarvideoschaffen

November 30, 2013


Aus aktuellem Anlass heute mal ein kleiner Blick auf paar Agrarvideos im weiten Netz. Seit heute erscheint die Bauernzeitung online im neuen Kleid. Das ist nicht schlecht gelungen. Nicht, dass man das Internet neu erfunden hätte, aber im Vergleich zum Steinzeitauftritt von zuvor ein klarer Gewinn, sauber aufgeräumt, recht gut aktualisiert und mit allerlei neuen Features, zum Beispiel einem Blog des Chefredaktors, willkommen Kollege!

Das eindeutig aufsehenerregendste neue Format ist aber der Marktkommentar von Redaktor Hans Rüssli. Gefilmt vor einem naturgewaltigen düsteren Ölgemälde und geziert von der für helvetische Agrarexponenten fast obligaten Edelweisskrawatte verliest er ungerührt Marktentwicklungen im Fleischbereich, ohne die Kamera eines Blickes zu würdigen, während ihm eine unsichtbare weibliche Stimme aus dem Off die Stichworte liefert. Das ganze ist videotechnisch und punkto Regie derart steinzeitlich, dass es fast schon wieder gut ist. Ob das emotionsarme Format grad Kultcharakter entwickeln wird, wie man in der Redaktion vermutet, wird sich weisen müssen.


Der Video-Marktkommentar in der “BauZ” ist kein schlechter Ausgangspunkt für einen kleinen Tour d’horizon in Sachen Agarvideoschaffen im Internet. Da war namentlich der “Schweizer Bauer” einst pionierhaft. Als Redaktor K. vor gefühlten zehn Jahren an Pressekonferenzen statt zu fotografieren die Kamera erstmals auf ein kleines Stativ stellte, endlose Statements aufnahm und dann am Schluss noch ein freches Videointerview führte war das eine ziemliche Revolution im Agrarsektor. Leider ist es den Pionieren nicht gelungen, ihre Innovation zu professionalisieren und führend zu bleiben. Das Traktorfilmli oben ist ein gutes Beispiel. Präsentatorin Andrea macht ihre Sache zwar nicht einfach schlecht, aber sie war offensichtlich sich selber überlassen und das Fehlen von Regie macht das ganze hölzern. Dazu kommen komische Bildeffekte, die vermutlich aus einem Freeware-Programm stammen.


Da sind andere deutlich weiter, zum Beispiel die Firma bauernfilme.ch von Markus Gerig, der den beiden grössten Agrarblättern längst das Wasser abgegraben hat, dort wo es überhaupt nötig war. Seine Filme wirken wie aus einer anderen Welt. Man schaue beispielsweise obenstehenden Film, der für ein Lohnunternehmen realisiert wurde. Die Aufnahmen, viele davon mit einer Kameradrohne, einem sogenannten Quadrocopter realisiert haben schon fast glamourösen Charakter. Schöner könnte das auch kein Kanadier inszenieren.


Dasselbe gilt für das österreichische Portal landwirt.com, notabene ebenfalls Sprössling einer traditionsreichen Landwirtschaftszeitung. Die Printherkunft muss also keineswegs dazu führen, dass das Videoschaffen wirkt, als ob es aus dem letzten Jahrhundert (und nicht den letzten Jahren davon) käme. Was man allenfalls kritisieren kann ist, dass wie im eingebetteten Beispiel eine einzige Maschine im Mittelpunkt steht, was den Vergleich mit anderem Gerät ausschliesst. Und wiederum den Nutzen für den Seher dadurch stark reduziert wird.


Da lob ich mir den Youtube-Kanal vom FiBL, und zwar nicht nur weil ich dort jetzt Lohn nehme. Mein Kollege Thomas Alföldi ist ein Selfmade-Talent, das sich aber bei schwierigeren Fällen nicht scheut, Hilfe von Profis, zum Beispiel bauernfilme.ch, anzufordern. Das Resultat sind für Internet-Verhältnisse sehr solid gemachte Filme, die gleichzeitig Vergleichsmöglichkeiten bieten.

Agrarbericht 2013 – die nackten Zahlen

November 13, 2013

Tabelle Agrarbericht 2013Dieser Tage ist mir der Agrarbericht 2013 ins Büro geflattert, beziehungsweise eher geplumpst: 1,04 Kilo geballte Information über die Schweizer Landwirtschaft und viel Fleissarbeit des Bundesamts für Landwirtschaft. Wenn ich richtig gezählt habe, sind es 114 Personen, die mitgearbeitet haben. Ich schätze die durchschnittliche Arbeitszeit auf fünf Tage pro Person, konservativ vermutlich, das gäbe zusammen nach Adam Riese 570 Manns- und Fraustage à 500 Franken. Das macht 285’000 Franken und dazu die Druck- und Distributionskosten.

Ich nehme an eine Drittelmillion kostet das Werk mindestens. Darin steht viel Interessantes, aber ich gehe davon aus, dass 90 Prozent der Auflage bald Staub anlegen wird. Um diesem bemitleidenswerten Schicksal des Almanachs etwas entgegenzuwirken, habe ich willkürlich ein paar interessante Zahlen aus den Jahren 2000 und 2012 rausgepickt und die Abweichungen ausgerechnet.

Die Zahlen zeigen: Die Landwirtschaft ist produktiver geworden, der Strukturwandel schreitet voran, das internationale Handelsvolumen nimmt ungeachtet aller Unkenrufe zu, ebenso das Engagement für das Tierwohl, grosszügig gefördert durch Direktzahlungen natürlich. Einzig die Mastpoulets sind bemitleidenswert, wegen einer Erhöhung der Mindestmastdauer auf 56 Tage gibt es sie nur noch marginal aus tierfreundlicher Haltung. Und die Bauern sind zwar grundsätzlich zufrieden, schätzen die Lebensqualität gegenüber den Durchschnittsbürgern aber als unterdurchschnittlich ein. Mit ein Grund dürfte die zwar gestiegene aber nach wie vor exorbitant tiefe Ferientagezahl von 7 sein. Fazit: Die Schweizer Bauern und Bäuerinnen performen gut aber vielmals am Limit. Die Agrarpolitik erreicht zwar ihre Ziele recht gut, beliebig weiterführen lässt sich dieser Prozess aber wohl kaum, der nächste Bericht müsste vielleicht mal auf die Grenzen der Schrumpfung fokussieren.

Mindestlöhne: Nein, weil “Ja aber” nicht geht

September 29, 2013

Ernte im GemüsebauDiese Woche hat die Mindestlohninitiative Schlagzeilen gemacht: Der Ständerat empfahl sie klar zur Ablehnung. Das Volksbegehren des Gewerkschaftsbundes verlangt für eine 42-Stunden-Woche mindestens 4000 Franken, was einem Stundenlohn von 22 Franken entspricht. Die Annahme der Initiative beträfe auch die Landwirtschaft stark. In der Branche gilt derzeit ein Mindestlohn von 3170 Franken für eine 55-Stunden Woche. Umgerechnet müssten die landwirtschaftlichen Arbeitgeber neu über 5000 Franken bezahlen, eine Lohnerhöhung um rund zwei Drittel, wie der “Schweizer Bauer” in seiner Wochenendausgabe vorrechnete.

Die Diskussion der Initiative wirft zunächst einmal ein ziemlich ungünstiges Schlaglicht auf diverse Aspekte der Ökonomie im Hochpreisland Schweiz: Laut den Initianten verdienen 150 000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Berufslehre weniger als den von den Gewerkschaften geforderten Lohn (und das nota bene ohne 13. Monatslohn). Das ist umso störender, als dass das Existenzminimum von der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe auf gut 3800 Franken veranschlagt wird.

Was die Landwirtschaft angeht, ist die Lage etwas komplexer. Die Löhne hängen gerade in arbeitsintensiven Bereichen wie dem Gemüse- und Fruchtbau stark ab vom Preisniveau. Eine Lohnerhöhung bei den vorwiegend ausländischen Erntehelfern ist deshalb kaum realisierbar, ohne dass dieses steigt. Dass eine solche Erhöhung gegenüber dem Handel durchsetzbar wäre, daran glauben selbst die grössten Optimisten nicht. In der Tendenz werden die Preise ungeachtet der saisonalen und wetterabhängigen Schwankungen auch in Zukunft eher sinken oder im besten Fall stagnieren.

Nicht erstaunlich, dass die Gemüsebauern ihren Befürchtungen schon lautstark Ausdruck geben, zum Beispiel in einem Artikel im “Tages-Anzeiger”, den ich leider mangels Vorhandensein nicht verlinken kann. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass die Gemüseproduzenten mit dem aktuellen Mindestlohn an die Schmerzgrenze sind, eine moderate Erhöhung wäre sicher möglich. Auch weiss man, dass wie in jeder Branche Lohndrücker vorkommen, denen etwas Druck nicht schaden würde.

Eine Lohnerhöhung um 66 Prozent ist aber schon etwas des Guten zuviel. Zumal die drohenden Konsequenzen kaum im Sinne der häufig langjährigen und deshalb – so hört man und hofft, dass es stimmt – oft auch mehr oder weniger deutlich über dem Mindestlohn bezahlten ausländischen Arbeitskräfte lägen. Wenn ihre Arbeit durch gesetzliche Regelungen massiv verteuert würde, gingen fast sicher Stellen verloren, an denen Tausende von Existenzen in Weissrussland, Moldawien und der Ukraine hängen. Deshalb würde ich derzeit ein Nein in die Urne legen. Auch weil ein “Ja, aber” nicht geht. (Bild LID)

Agrentina (2): “Ein grosser Fan von Glyphosat”

September 1, 2013

20130901-020015.jpg

Eduardo Brivio ist Landwirt und “ein grosser Anhänger von Glyphosat”, wie uns der 58-jährige beim gestrigen Besuch in Tandil mit entwaffnender Offenheit mitteilte.

Glyphosat ist der Wirkstoff im Totalherbizid, das unter dem Namen Roundup weltweite Bekanntheit errungen hat. Noch berühmter ist die Resistenz gegen die Substanz, welche der Hersteller Monsanto in Soja und andere Pflanzen eingebaut hat. Diese bewirkt, dass die Sojafelder in jedem Stadium mit Glyphosat gespritzt werden können, wlches dann sämtliches Unkraut vernichtet, nicht aber die Soja.

Die Technologie ist das Flaggschiff der grünen Gentechnologie und als solches in Europa höchst umstriitten, in Argentinien aber mittlerweile flächendeckend im Einsatz: rund 99% der stark gewachsenen konventionellen Sojaproduktion sind hier heute “Roundup-ready”.

Zu den wie erwähnt begeisterten Anwendern gehört auch Eduardo. Für ihn ist Glyphosat ein Fortschritt und die GVO-Technologie ein Segen. Dasselbe gilt für ihn für andere moderne Pflanzenschutzmittel, die in homöopathischen Dosen von wenigen Gramm pro Hektar flächendeckende Wirkung erzielen. Aber auch alte problematische Chemiekeulen wie Atrazin, Paraquat und 2,4-D (einem alten Verwandten des Entlaubungsmittels Agent Orange) setzt Eduardo recht bedenkenlos ein. “Ich bin jetzt 58 und lebe immer noch”, sagt er, um unsere Bedenken vom Tisch zu wischen.

Ich kann das nicht verstehen, aber verurteilen will ich diesen offenen Gesprächspartner, der uns stolz das Giftlager und arglos sene Kanistersammlung zeigt auch nicht. Eduardo steht stellvertretend für eine ganze Generation von Landwirten, nicht nur in Argentinien. Man hat ihnen seit früher Jugend eingetrichtert, dass die natürliche Umgebung der Kulturen eine feindliche ist, deren Angriffe es chemisch zu parieren gilt.

Dabei entwickelt sich eine Art Wettrüsten: Die Natur steckt die Schläge ein und entwickelt Gegenstrategien in Form von Resistenzen sowie neuen Krankheiten und Schädlingen. Längst gibt es gegen Roundup resistente Superunkräuter. Die Industrie tüftelt an neuen Waffen und die Bauern stehen wie Soldaten bereit, um diese einzusetzen. Sie sind in eine Abhängigkeit geraten, aus der sich nur schwierig entrinnen lässt. Früher oder später werden sie vermutlich erkennen müssen, dass der Kampf gegen die Natur nicht zu gewinnen ist und auf eine Kollaborationsstrategie umschwenken. Eduardo wird diesen Schritt kaum noch vollziehen, ich hoffe auf die nächste Generation.20130901-015057.jpg

Ein Kränzchen für Hühnerhirse & andere Artisten

August 2, 2013

Echinochloa crus galliIch bin kein Freund von verniedlichenden Ausdrücken wie Beikraut oder noch schlimmer Ackerbegleitflora. Unkraut ist Unkraut ist Unkraut und die Schäden, die es verursacht sind immens, allein in der USA schätzt man die auf Unkräuter zurückgehenden Ertragsausfälle auf 33 Milliarden Dollar jährlich.

Dennoch oder gerade deswegen habe ich grossen Respekt vor der Anpassungsleistung dieser Pflanzen, die mir kürzlich in einem Artikel der New York Times wieder einmal vor Auge geführt wurde. Ein paar Fakten daraus, die wiederum von der hochinteressanten Website International Survey of Herbicide Resistant Weeds stammen: Es gibt unterdessen 217 Unkräuter, die gegen mindestens ein Herbizid resistent sind. Es gibt gegen 148 verschiedenen Herbizide und 21 von 25 bekannte Herbizid-Angriffspunkte (“sites of action” ) Resistenzen, in 65 Ländern finden sich resistente Unkräuter in 61 verschiedenen Kulturen, es gibt 25 gegen den ehemaligen Hoffnunsträger Glyphosat (wichtigstes Markenprodukt: Roundup von Monsanto) resistente Unkräuter, 2012 gab es auf 50 Prozent der US-Farmen Glyphosate-resistente Unkräuter, ein Jahr zuvor waren es noch 34 Prozent.

Das sind imposante Zahlen. Noch fast eindrücklicher als die Herbizidresistenzen sind aber andere Werkzeuge aus der Trickkiste des Unkrauts: Zum Beispiel die Anpassung an die Kulturpflanze, optisch und punkto Lebensraum. Als Beispiel wird die Hühnerhirse (Barnyard Grass, Echinochloa crus-galli) erwähnt, die sich dem Reis angepasst hat, indem beispielsweise die untersten Blätter farblich von pink zu grün mutierten und die Blätter ganz generell schmäler wurden, so dass sie im Feld gar nicht mehr als artfremd auffällt. “The biotech folks would have no clue about how to make one plant look like another plant”, sagt voller Respekt ein Evolutionsbiologe im Artikel dazu. Gleichzeitig gelingt es den Unkräutern immer wieder, das angestammte Habitat zu verlassen und in einem neuen zurecht zu kommen. Im Falle der Hühnerhirse war die Umstellung von trockener Umgebung in die wassergeschwängerte Reisanbau-Umgebung erfolgreich.

Was lernen wir daraus? Im Wettrüsten mit den Unkräutern ist die Einführung neuer Herbizide vermutlich nicht die nachhaltigste Strategie. Das zeigt sich daran, dass gegen Neuentwicklungen wie Dicamba oder 2,4D mit denen Monsanto und Dow den Erfolg von Roundup zu kopieren versuchen, schon wieder resistente Kräuter gewachsen sind. Ähnliches gilt übrigens auch für den Kampf gegen Schädlinge der tierischen Art, wie dieser Artikel zeigt.

Im oben erwähnten Artikel plädieren Experten, bei der Bekämpfung neu einen stärker Evolutions-fokussierten Weg zu nehmen, ähnlich wie bei Bakterien. Genauer ausgeführt ist das nicht, erwähnt wird das Beispiel eines Winterroggens, der die Unkräuter einerseits mit Schattenwurf und andererseits mit pflanzeneigenen Toxinen bekämpft. Ich bin ziemlich überzeugt, dass die Unkräuter in kurzer Zeit Wege finden, um gegen diese Toxine resistent zu werden. Ein Mix aus allerhand Massnahmen von mechanisch bis chemisch, von guter Fruchtfolge bis richtiger Sortenwahl ist aber sicher erfolgsversprechender als eine Riesenkeule, die es dem Unkraut oder dem Stengelbohrer erlaubt, alle Abwehrmassnahmen auf einen kleinen Ausschnitt des Genoms zu fokussieren. (Bild Michael Becker)

AgReminiszeNZZen aus 13 Jahren (11b): Sommerzeit

Juni 25, 2013

SommerzeitEine lustige Geschichte. Auch dreissig Jahre nach der Einführung der Sommerzeit will dieser Bauer nichts von der seiner Ansicht nach unnötigen Umstellung wissen. Das Vermischte, später zum Panorama umgetauft wurde zu meiner letzten Heimat in der alten Tante: Unglück, Verbrechen, Katastrophen, Himmelsphänomene, Philatelie, Prominente und eben auch hie und da ein Landwirtschaftsthema. Soll keiner meinen, dass NZZ-LeserInnen anders funktionieren als der Durchschnittsmedienkonsument: Wir waren in den letzten Monaten online, wo der Konsum einfach überprüfbar ist, regelmässig die bestgelesene Seite.

AgReminiszeNZZen aus 13 Jahren (3): Heuen

Juni 16, 2013

HeuenKönnte man immer noch bringen, diese Geschichte. Weiss gar nicht, wann ich das letzte mal einen Bauer beim Heumähen mit Motormäher im Flachland gesehen habe. A propos Bild: Keine 10 Jahre ist es her, dass das Farbbild in der NZZ ausser in den Beilagen komplett Tabu war. Unterdessen ist schwarz-weiss eine rare Ausnahme.


Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 75 Followern an