Archive for the ‘Betriebswirtschaft’ Category

Agrentina (2): „Ein grosser Fan von Glyphosat“

September 1, 2013

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Eduardo Brivio ist Landwirt und „ein grosser Anhänger von Glyphosat“, wie uns der 58-jährige beim gestrigen Besuch in Tandil mit entwaffnender Offenheit mitteilte.

Glyphosat ist der Wirkstoff im Totalherbizid, das unter dem Namen Roundup weltweite Bekanntheit errungen hat. Noch berühmter ist die Resistenz gegen die Substanz, welche der Hersteller Monsanto in Soja und andere Pflanzen eingebaut hat. Diese bewirkt, dass die Sojafelder in jedem Stadium mit Glyphosat gespritzt werden können, wlches dann sämtliches Unkraut vernichtet, nicht aber die Soja.

Die Technologie ist das Flaggschiff der grünen Gentechnologie und als solches in Europa höchst umstriitten, in Argentinien aber mittlerweile flächendeckend im Einsatz: rund 99% der stark gewachsenen konventionellen Sojaproduktion sind hier heute „Roundup-ready“.

Zu den wie erwähnt begeisterten Anwendern gehört auch Eduardo. Für ihn ist Glyphosat ein Fortschritt und die GVO-Technologie ein Segen. Dasselbe gilt für ihn für andere moderne Pflanzenschutzmittel, die in homöopathischen Dosen von wenigen Gramm pro Hektar flächendeckende Wirkung erzielen. Aber auch alte problematische Chemiekeulen wie Atrazin, Paraquat und 2,4-D (einem alten Verwandten des Entlaubungsmittels Agent Orange) setzt Eduardo recht bedenkenlos ein. „Ich bin jetzt 58 und lebe immer noch“, sagt er, um unsere Bedenken vom Tisch zu wischen.

Ich kann das nicht verstehen, aber verurteilen will ich diesen offenen Gesprächspartner, der uns stolz das Giftlager und arglos sene Kanistersammlung zeigt auch nicht. Eduardo steht stellvertretend für eine ganze Generation von Landwirten, nicht nur in Argentinien. Man hat ihnen seit früher Jugend eingetrichtert, dass die natürliche Umgebung der Kulturen eine feindliche ist, deren Angriffe es chemisch zu parieren gilt.

Dabei entwickelt sich eine Art Wettrüsten: Die Natur steckt die Schläge ein und entwickelt Gegenstrategien in Form von Resistenzen sowie neuen Krankheiten und Schädlingen. Längst gibt es gegen Roundup resistente Superunkräuter. Die Industrie tüftelt an neuen Waffen und die Bauern stehen wie Soldaten bereit, um diese einzusetzen. Sie sind in eine Abhängigkeit geraten, aus der sich nur schwierig entrinnen lässt. Früher oder später werden sie vermutlich erkennen müssen, dass der Kampf gegen die Natur nicht zu gewinnen ist und auf eine Kollaborationsstrategie umschwenken. Eduardo wird diesen Schritt kaum noch vollziehen, ich hoffe auf die nächste Generation.20130901-015057.jpg

Ein Kränzchen für Hühnerhirse & andere Artisten

August 2, 2013

Echinochloa crus galliIch bin kein Freund von verniedlichenden Ausdrücken wie Beikraut oder noch schlimmer Ackerbegleitflora. Unkraut ist Unkraut ist Unkraut und die Schäden, die es verursacht sind immens, allein in der USA schätzt man die auf Unkräuter zurückgehenden Ertragsausfälle auf 33 Milliarden Dollar jährlich.

Dennoch oder gerade deswegen habe ich grossen Respekt vor der Anpassungsleistung dieser Pflanzen, die mir kürzlich in einem Artikel der New York Times wieder einmal vor Auge geführt wurde. Ein paar Fakten daraus, die wiederum von der hochinteressanten Website International Survey of Herbicide Resistant Weeds stammen: Es gibt unterdessen 217 Unkräuter, die gegen mindestens ein Herbizid resistent sind. Es gibt gegen 148 verschiedenen Herbizide und 21 von 25 bekannte Herbizid-Angriffspunkte („sites of action“ ) Resistenzen, in 65 Ländern finden sich resistente Unkräuter in 61 verschiedenen Kulturen, es gibt 25 gegen den ehemaligen Hoffnunsträger Glyphosat (wichtigstes Markenprodukt: Roundup von Monsanto) resistente Unkräuter, 2012 gab es auf 50 Prozent der US-Farmen Glyphosate-resistente Unkräuter, ein Jahr zuvor waren es noch 34 Prozent.

Das sind imposante Zahlen. Noch fast eindrücklicher als die Herbizidresistenzen sind aber andere Werkzeuge aus der Trickkiste des Unkrauts: Zum Beispiel die Anpassung an die Kulturpflanze, optisch und punkto Lebensraum. Als Beispiel wird die Hühnerhirse (Barnyard Grass, Echinochloa crus-galli) erwähnt, die sich dem Reis angepasst hat, indem beispielsweise die untersten Blätter farblich von pink zu grün mutierten und die Blätter ganz generell schmäler wurden, so dass sie im Feld gar nicht mehr als artfremd auffällt. „The biotech folks would have no clue about how to make one plant look like another plant“, sagt voller Respekt ein Evolutionsbiologe im Artikel dazu. Gleichzeitig gelingt es den Unkräutern immer wieder, das angestammte Habitat zu verlassen und in einem neuen zurecht zu kommen. Im Falle der Hühnerhirse war die Umstellung von trockener Umgebung in die wassergeschwängerte Reisanbau-Umgebung erfolgreich.

Was lernen wir daraus? Im Wettrüsten mit den Unkräutern ist die Einführung neuer Herbizide vermutlich nicht die nachhaltigste Strategie. Das zeigt sich daran, dass gegen Neuentwicklungen wie Dicamba oder 2,4D mit denen Monsanto und Dow den Erfolg von Roundup zu kopieren versuchen, schon wieder resistente Kräuter gewachsen sind. Ähnliches gilt übrigens auch für den Kampf gegen Schädlinge der tierischen Art, wie dieser Artikel zeigt.

Im oben erwähnten Artikel plädieren Experten, bei der Bekämpfung neu einen stärker Evolutions-fokussierten Weg zu nehmen, ähnlich wie bei Bakterien. Genauer ausgeführt ist das nicht, erwähnt wird das Beispiel eines Winterroggens, der die Unkräuter einerseits mit Schattenwurf und andererseits mit pflanzeneigenen Toxinen bekämpft. Ich bin ziemlich überzeugt, dass die Unkräuter in kurzer Zeit Wege finden, um gegen diese Toxine resistent zu werden. Ein Mix aus allerhand Massnahmen von mechanisch bis chemisch, von guter Fruchtfolge bis richtiger Sortenwahl ist aber sicher erfolgsversprechender als eine Riesenkeule, die es dem Unkraut oder dem Stengelbohrer erlaubt, alle Abwehrmassnahmen auf einen kleinen Ausschnitt des Genoms zu fokussieren. (Bild Michael Becker)

AgReminiszeNZZen aus 13 Jahren (11b): Sommerzeit

Juni 25, 2013

SommerzeitEine lustige Geschichte. Auch dreissig Jahre nach der Einführung der Sommerzeit will dieser Bauer nichts von der seiner Ansicht nach unnötigen Umstellung wissen. Das Vermischte, später zum Panorama umgetauft wurde zu meiner letzten Heimat in der alten Tante: Unglück, Verbrechen, Katastrophen, Himmelsphänomene, Philatelie, Prominente und eben auch hie und da ein Landwirtschaftsthema. Soll keiner meinen, dass NZZ-LeserInnen anders funktionieren als der Durchschnittsmedienkonsument: Wir waren in den letzten Monaten online, wo der Konsum einfach überprüfbar ist, regelmässig die bestgelesene Seite.

AgReminiszeNZZen aus 13 Jahren (3): Heuen

Juni 16, 2013

HeuenKönnte man immer noch bringen, diese Geschichte. Weiss gar nicht, wann ich das letzte mal einen Bauer beim Heumähen mit Motormäher im Flachland gesehen habe. A propos Bild: Keine 10 Jahre ist es her, dass das Farbbild in der NZZ ausser in den Beilagen komplett Tabu war. Unterdessen ist schwarz-weiss eine rare Ausnahme.

Leicht verschämtes Hoch auf Hors-Sol

Mai 18, 2013

Cherrytomaten Hors-SolEs war böse, als wir junge Agronomiestudenten waren. Von Hors-Sol wollten wir gar nichts wissen. Die bodenlose Anbaumethode mit Pflanzen im Substrat war der Inbegriff der Industrialisierung des Gemüsebaus.

Ich bin älter geworden und will hier 25 Jahre später ein leicht verschämtes Plädoyer für die Kulturtechnik placieren. Natürlich ist die im Hüsli im idyllischen Pflanzblätz unbegrenzt wurzelnde rare Tomate immer noch ein Ideal, aber zu fest idealisieren sollten wir es nicht.

Cherrytomaten Hors-Sol2Für die Tomate ist das Schweizer Klima, besonders in Jahren wie heuer, eine Grenzlage. Ohne Gewächshaus ist ein Tomatenproduzent heute chancenlos gegen die ausländische Konkurrenz. Und unter Dach macht ein Anbau im Substrat durchaus Sinn. Das ist mein bescheidenes subjektives Fazit einer Exkursion der Schweizer Agrarjournalisten ins Seeland, an der ich heute teilnahm.

Auf dem Betrieb von Thomas Hurni und Adrian Tschachtli in Kerzers erhält man einen guten Einblick in die Gemüse- und Beerenproduktion, neuester Stand. Von Gartenromantik ist da wenig mehr geblieben. Wer im Rennen um Grossverteiler-Regalplatz mithalten will, muss die Produktion mindestens ein Stück weit industrialisieren. Dabei machen geschlossene Kreisläufe wie Hors-Sol Sinn. Die Nährstoffapplikation kann genau dosiert werden, überschüssige Flüssigkeit wird aufgefangen und gelangt zurück in die Verteilzentrale. Das Substrat besteht aus Kokosfasern und das einzige was nicht rezykliert werden kann ist die Plastichülle der Substratballen und die synthetische Schnur, die verwendet wird, um die Tomaten hochzubinden im Gewächshaus, wie Hurni erläuterte.

Himbeeren Hors-SolDer Anbau im Boden soll hier nicht schlechtgeredet werden, aber auch dieser sieht nicht aus wie Grosis Gärtli, und die Nährstoffproblematik ist weniger kontrollierbar, mit entsprechenden potenziellen Auswirkungen auf das Grundwasser. Hurni und Tschachtli bauen übrigens auch Beeren im Hors-Sol-Verfahren an, mit denselben Vorteilen. Oben ein Himbeerenbestand, unten Erdbeeren in Hochlage mit ergonomisch idealer Position für die PflückerInnen.
Erdbeeren Hors-Sol

Hyperaktivität im Traktorenmuseum

April 18, 2013

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Noch nie habe ich in meinem Leben an einem einzigen Tag so viele Traktoren gesehen, wie heute in Serbien. Sie waren omnipräsent im Strassen- und Landschaftsbild. Es wurde an diesem sommerlich warmen Frühlingstag gepflügt, geeggt, gesät (Mais), gedüngt und gespritzt, was das Zeug, beziehungsweise die Traktorachse hielt. Die durchschnittliche Mototisierung liegt weit unter 50 PS und manch eine Komposition neigte sich ob dem angehängten Gewicht bedrohlich nach hinten Richtung Pony-auf-den-Hinterbeinen-Position.
Die mit Abstand am weitesten verbreiteten Marke ist IMT (siehe z.B. das Modell oben und unten), die Abkürzung für Industrija Mašina i Traktora Beograd, welche seit 1955 auch Massey-Ferguson-Lizenz-Traktoren produziert. Daneben verkehren allerlei Ein-und Mehrachser, die jedem Freund alter Landmaschinen das Wasser in die Augen treiben würde.
Die Erneuerungsrate ist vermutlich eher bescheiden, der serbische Kleinbauer schweisst lieber 15 mal, als einen neuen Schlepper anzuschaffen. Das hat natürlich primär ökonomische Gründe, die Traktorflotte im Land zeigt aber auch, wie langlebig Traktoren bei guter Pflege sind. Nicht nur deshalb kann ich jedem Schweizer Bauern eine Reise hierhin nur warm empfehlen.

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Landgrabbing & GMO: Unheimliches Powercouple

März 28, 2013

Olivier CombastetManchmal fragt man sich ja als Blogger im warmen Büro, ob die Positionen, die man so vertritt, zum Beispiel die kritische gegenüber GVO in der Landwirtschaft und dem Phänomen Landgrabbing, effektiv mit der realen Situation übereinstimmen. Der Film „Dritte Welt im Ausverkauf (Planete à vendre)“ hat mich nur aus diesem Grund beruhigt, bestätigte er doch fast die ganze Palette von Argumenten, die ich hier schon mehrmals ausgebreitet habe. Im übrigen bietet dieser sehenswerte 90-minütigen Dokumentarstreifen, den man zumindest bis heute unter diesem Link anschauen konnte,  vor allem Gründe zur Beunruhigung. 
Die Protagonisten im erwähnten Film sind je ein Landgrabber aus Indien und Frankreich. Sie stehen symptomatisch für eine ganze Branche, die sich in diesem Business etabliert hat. In den letzten zehn Jahren sind in Entwicklungsländern 80 Millionen Hektaren Land verpachtet oder verkauft worden, das entspricht der landwirtschaftlichen Nutzfläche von Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und Italien zusammen. Die Pachtverträge sind oft 50-jährig oder länger.“Dritte Welt im Ausverkauf“ zeigt, wie es in diesem Geschäft zugeht. Agrounternehmer wie der Inder Ram Karuturi oder Investoren mit viel Kapital im Rücken, wie der Franzose Olivier Combastet  (siehe Bild oben) kaufen und pachten Flächen. Dazu gilt es zunächst die Behörden und Besitzer zu überzeugen. Ein schönes Beispiel dafür ist hier zu sehen, wo Karuturi in seinem Privatflugzeug einen eingeschüchtert wirkenden äthiopischen Provinzpolitiker einseift. Ein Blick in diesen Ausschnitt genügt, um zu wissen: Korruption ist hier Tür und Tor geöffnet.Leidtragende ist die Lokalbevölkerung, die nicht nur ihr Land verliert, sondern beispielsweise auch die Fusswege. Neue Jobs gibt es nur sehr beschränkt, denn die Bewirtschaftung ist stark rationalisiert und die Unternehmer sichern sich ab gegen sämtliche Risiken, so lässt etwa Combastet mit seiner Sparte Campos Orientales in Uruguay die Feldarbeit von Subunternehmern erledigen, aus finanziellen Gründen, wie er freimütig zugibt.
Die Bewirtschaftung erfolgt sowohl beim Rosenkönig Karuturi wie auch bei Combastet praktisch durchwegs in Monokulturen, letzterer setzt in Uruguay und Argentinien flächendeckend auf GVO-Soja und arbeitet hier, was wenig überrascht, eng mit Monsanto zusammen. Er testet in Zusammenarbeit mit der Herstellerin verschiedene Roundup-ready-Sorten und setzt dann flächendeckend auf diesen Kultivar. Hier hat sich eine unheilige ländliche Zweckehe, ein unheimliches Powercouple gebildet. Die Landbesitzer, häufig ahnungslos was Landwirtschaft betrifft, überlassen die agronomische Seite des Business mehr oder weniger einem Multi. Monsanto und verwandte Firmen übernehmen diese Rolle als polygamistische Braut noch so gerne, kombiniert mit einer vertikalen Integration von Saat bis Abfüllung auf das Schiff in den Häfen an der Atlantikküste, wo dann die Trauzeugen von Glencore und andere Rohstoffhändler die Ware übernehmen.
Insgesamt kein gefreutes Amalgam. Der Widerstand ist schwach organisiert und lastet meist auf den Schultern von Einzelmasken oder kleinen NGOs, wie der Film auch zeigt.
Zum Schluss noch ein bereits einmal verlinktes Video, das zeigt, dass auch Schweizer Firmen kräftig mitmischen in diesem höchst problematischen Business. Wenn wir nach dem Bankenstress heute von möglichen Problemen im Rohstoffhandel reden, prognostiziere ich schon mal das nächste Klumpenrisiko für unser Land: Landgrabbing. (Videostill aus „Dritte Welt im Ausverkauf)

Wenig Grund zum Feiern nach Elefanten-Adoption

Juli 30, 2012

Vergangene Woche haben die australischen Regulierunsbehörden die zweitletzte Hürde für eine Elefanten-Adoption aus dem Weg geräumt. Das nun noch notwendige Plazet durch die chinesischen Behörden dürfte nur noch eine Formalität sein. Danach wird Glencore gemeinsam mit zwei kanadischen Partnern den Getreidehändler Viterra übernehmen können. Viterra ist im Handel und der Lagerung von Getreide, die rund zwei Drittel des Umsatzes von gut 8,3 Milliarden USD im vergangenen Jahr ausmachten, aber auch im Verkauf von landwirtschaftlichen Produktionsfaktoren wie Dünger und der Lebensmittelverarbeitung engagiert, also sehr vertikal entlang der ganzen Wertschöpfungskette.
Das verstärkte Engagement von Glencore (Umsatz 2011: 186 Milliarden USD) in der Landwirtschaft ist eine der strategischen Stossrichtungen von Konzernchef Glasenberg. In einer Medienmitteilung rühmt der Rohstoffhändler mit Sitz in Baar bei Zug voller Euphorie die positiven Perspektiven, die sich durch die Übernahme für die Bauern auf tun werden. Ich bin da weniger optimistisch. Grundsätzlich beobachte ich die Aktivität der Rohstoffhändler mit Argwohn. Ihr Geschäftskonzept ist die Ausbeutung von Rohstoffen auf Kosten der Bürger der betroffenen Länder (einmal abgesehen von einer dünnen Crème de la crème an der Spitze dieser Staaten). Der Wertschöpfungsanteil, der in diesen Ländern verbleibt ist minim, dafür die Umweltbelastung gigantisch. Ich bin mit vielen weit besser informierten Experten überzeugt, dass diese Firmen der Schweiz, wo viele von ihnen ihren Hauptsitz haben noch viele Probleme bescheren werden. Probleme, welche die Aber-Millionen von Steuereinnahmen in Zürichsee-Gemeinden wie Rüschlikon längerfristig in den Schatten stellen werden.
Warum sollten sich diese Gesellschaften in der Landwirtschaft anders verhalten? Ihre Präsenz deutet darauf hin, dass sie sich vom Engagement an der Scholle raschen Gewinn versprechen. Dieser wird nicht bei den Bauernfamilien, sondern in Baar in der Kasse klingeln. Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche. Möglicherweise werden einige Farmer dabei profitieren, aber mit Garantie wird eine grössere Zahl bei dieser Industrialisierungstendenz in der Landwirtschaft auf der Strecke bleiben. Schon heute sind viele von ihnen zu Angestellten von Glencore degradiert worden, bewirtschaftet das Unternehmen doch weltweit bereits 270 000 Hektaren selber.
Das grosse Problem ist, dass man Landwirtschaft nicht im gleichen Stil betreiben kann, wie das Banken- oder Rohstoffgeschäft. Es braucht ein langfristiges, nachhaltiges Engagement, das die Bodenfruchtbarkeit höher gewichtet, als das nächste Halbjahresergebnis. Diese Denkweise traue ich den Glencore-Managern nicht zu. (Bild WinterforceMedia)

Bergheimatliche Gefühle für Widerborstige

April 29, 2012

Seit Jahren versuche ich in dieser Endlos-Spalte so unübersehbar an meinem Image zu schleifen, dass ich endlich eine Homestory in der Agrarpresse kriege. Nun, ich verstehe diese Blätter, dass sie mich bisher konsequent ignoriert haben, ist ja eine harte Konkurrenz und die will man nicht noch freiwillig ins Scheinwerferlicht stellen. Die ganze Agrarpresse? Nicht ganz. Zwar haben mich die „Bergheimat-Nachrichten“ nicht grad im Pijama im Schlafzimmer abgelichtet, das würde kaum in das Konzept des schlichten und informativen Verbandsorgans passen. Aber immerhin haben sie mir ein paar Zeilen gewidmet, was mich natürlich sehr gefreut hat. Deshalb, aber nicht nur deshalb, will ich der Herausgeberin des Blattes, der Bergheimat, jetzt auch einmal ein Kränzli winden. Die „Gemeinnützige Gesellschaft zur Förderung kleiner und mittlerer Bio-Bergbauernhöfe“ ist 1973 gegründet worden. Heute hat sie über 200 Mitgliederbetriebe, mit Schwerpunkten – logischerweise – in den gebirgigen Teilen des Landes. Zur Bergheimat gehören aber auch über 1000 nicht bauernde Mitglieder (zu denen ich auch seit längerem gehöre) und Gönner, die es der Organisation ermöglichen, die bäuerlichen Mitglieder mit Betriebshelfern und zinsfreien Darlehen zu unterstützen, zum Beispiel für Bauprojekte. Dieses gemeinnützige Tun ist überlebenswichtig für die oft wenig ertragsreichen Betriebe in den Randregionen. Die Bergheimat ist auch Mitglied bei Biosuisse, dem Dachverband der Öko-Bauern. Und nicht das einfachste. Die Berheimätler legen Wert auf die reine Lehre, so wehrten sie sich nach Kräften, als Biosuisse – letztlich erfolgreich – UHT-Milch unter dem Knospenlabel zulassen wollte. Die widerborstigen Siedler von der Berheimat sind Pioniere. Viele von ihnen haben aufgegebene Heimetli, die längst als unrentabel galten, wieder in Betrieb genommen. Für diese im besten Sinne konservative Sisyphusarbeit haben sie meinen Respekt. Beim Suchen des Artikels ist mir übrigens noch der Einzahlungsschein für den Jahresbeitrag 12 in die Finger gefallen. Ein schöner Zufall, der Obulus folgt bald.

Gute Frage: Kann Bio die Welt ernähren?

März 28, 2012

Vor ein paar Tagen ist mir ein Prospekt des Hilfswerks Biovision ins Haus geflattert. Dieses wurde vom renommierten Schweizer Insektenforscher Hans Rudolf Herren gegründet und hat sich das Empowerment der Kleinbauern in der dritten Welt mit Hilfe von Biolandbau auf die Fahne geschrieben. Dort setzt Biovision an, weil 70 Prozent der Nahrungsmittel weltweit von Subsistenzlandwirten produziert werden. Soweit ich es beurteilen kann, haben die Projekte von Biovision Hand und Fuss. Man arbeitet mit einfachen Projekten: Mischkulturen, Schnellkomposter, geschlossene Kreisläufe auf den Betrieben. Nun postuliert die Organisation in ihrem Prospekt, dass Bio die Welt ernähren kann. Trotz meinem Respekt für die Seriosität der Arbeit von Herren und seinem Team sei die Frage erlaubt: Kann Bio wirklich die Welt ernähren? Hätte ich die korrekte Antwort parat, wäre mir ein Professorenpösteli an der ETH wohl sicher. Auf der Suche nach der richtigen Replik fand ich im Internet einen interessanten Artikel der linken deutschen „Tageszeitung“ aus dem Jahr 2008. Darin kommen Agrarexperten laut dem Autor zu  folgendem Schluss: „100-prozentig konventionell kann man die Menschheit nicht ernähren, ohne unvertretbaren Schaden anzurichten – aber 100 Prozent Öko geht auch nicht“. Dieselben Experten empfehlen eine wohldosierte Mischung von ökologischem und konventionellem Landbau. Wo immer möglich auf hofeigene Dünger setzen, mit Leguminosen den Stickstoffeintrag fördern und wo nötig mit synthetischen Düngern nachhelfen. Eine vollständige Umstellung von ganzen Drittweltländern auf Biolandbau würde diese noch tiefer in die Abhängigkeit von (meistens nicht biologisch erzeugten) Importen drängen, denn die Erträge sind im Biolandbau, das schleckt keine Geiss weg, tiefer. Umgekehrt ist die intensive konventionelle Landwirtschaft für die Kleinbauern ebenfalls kein vielversprechender Weg: Sie laufen Gefahr, sich mit Pestiziden zu vergiften, ihre Böden auszulaugen, in finanzielle Abhängigkeiten zu geraten und am Schluss mit abgesägten Hosen dazustehen. Gerade heute ist mir in der „Bauernzeitung“ ein Artikel aufgefallen, der dies exemplarisch zeigt. In Argentinien, so berichtet Auswandererin Marianne Winkelmann aus der Region Entre Rios, haben die Bauern grosse Probleme mit der GVO-Soja, einem teuren Produkt aus dem Hause Monsanto. Nachdem man 10 Jahre herbizidresiste Roundup-Ready-Soja gesät hat, sind die Felder heuer überwuchert mit dem Unkraut namens Rama Negra, dieses ist nämlich unterdessen resistent gegen den Roundup-Wirkstoff Glyphosat. 
Entscheidender als die Frage, ob Bio die Welt ernähren kann ist wohl diejenige, wie sich der Mensch künftig ernähren will, denn unbestrittenermassen kann die Welt auch die doppelte Menge Menschen ernähren. Allerdings wird dies sehr schwierig, wenn der Fleischkonsum, der für die Produktion bis zu 20mal mehr Fläche braucht als die Erzeugung pflanzlicher Kalorien, weiter ansteigt. Das Problem ist aber, dass mit steigendem Wohlstand, und diesen wollen wir niemandem in der zweiten und dritten Welt missgönnen, so sicher wie das Amen in der Kirche ein erhöhtes Bedürfnis nach Auto-Mobilität und Fleisch einhergeht.