Archive for the ‘Milchmarkt’ Category

Die Angst des Präsidenten vor dem Konflikt

Juli 3, 2013

Markus RitterVor wenigen Tagen hat anlässlich der Generalversammlung der Schweizer Agrarjournalisten ein sehr einvernehmliches Gipfeltreffen zwischen de-facto-Agrarminister Bernard Lehmann und Bauernverbandspräsident Markus Ritter stattgefunden.

Die nicht stattfindende Auseinandersetzung zwischen den beiden hat gezeigt, dass man sich weitgehend einig ist über die künftige Ausrichtung der Agrarpolitik. Zwar hat der Bauernverband ein paar Kröten schlucken müssen, aber insgesamt ist der Besitzstand gewahrt und am Schluss werden alle in mittlerer Unzufriedenheit feststellen, dass sie etwa gleichviel haben wie vorher, wie Ritter in einer an Kabarett-reifen Blitzanalyse der Situation auf dem eigenen Betrieb demonstrierte.

Für die fehlende Auseinandersetzung wird aber möglicherweise bald Realersatz geboten. Mitte Juli läuft die Frist für das Referendum, das ein paar desperate Splittergruppen gegen die Agrarpolitik 2014/17 ergriffen haben. Sollten die nötigen 50 000 Unterschriften zusammenkommen, was nicht unmöglich scheint, wenn man die prallvollen Leserbriefspalten in der bäuerlichen Presse als Gradmesser nehmen will, dann steht eine innerbäuerliche Auseinandersetzung auf dem nationalen Parkett, in TV-Arenen und grossflächigen Zeitungsinterviews bevor.

Diese Vorstellung scheint bei Ritter und so vermute ich mal an der versammelten Spitze des Bauernverbands akutes Unwohlsein auszulösen, um nicht von Angstzuständen zu reden. Der Schlachtplan ist bis ins letzte Detail ausgearbeitet, ein “maximaldemokratischer Prozess” mit einer ausserordentlichen Delegiertenversammlung soll den befürchteten Flurschaden in Grenzen halten.

Ich verstehe den Stress nicht ganz. Klar ist es nicht ganz undelikat, wenn sich die Bauern gegenseitig Saures geben, andererseits gibt das Scheinwerferlicht der öffentlichen Aufmerksamkeit den modern denkenden Kräften an der Verbandsspitze Gelegenheit, zu zeigen, dass man das Vertrauen des Parlaments und letztlich des Volkes verdientermassen geniesst; dass man vernünftig genug ist, zu anerkennen, dass keine andere Branche, mal abgesehen von ausländischen Militärflugzeugherstellern und maroden Banken vom Staat derart gut gehalten ist, wie der Primärsektor. Und gleichzeitig zu beweisen dass staatlich geförderte Ökologie und unternehmerischer Erfolg durch Produktion der richtigen Lebensmittel eben kein Gegensatzpaar sein müssen.

Die aktuelle Entwicklung auf dem Milchmarkt zum Beispiel deutet darauf hin, dass cleveres Mengenmanagement für Betriebe mit Fokus auf Produktion deutlich wichtiger sein wird, als die Fixierung auf die Details der Direktzahlungs-Allokation, während eine andere Schicht von Bauern mit der Ökologisierung Bundesgelder optimieren und so ein Auskommen sichern kann. (Bild David Eppenberger)

Mehr oder weniger Milch produzieren reicht nicht

Mai 21, 2013

Fütterungssituation von Schweizer BetriebenIm Schweizer Milchmarkt scheint sich langsam eine Post-Kontingentsausstiegs-Normalität abzuzeichnen. Die gröbsten Exzesse beim Preisdumping sind eingedämmt, die Produktion orientiert sich stärker an den Preisen als auch schon und der vor Jahresfrist noch sich türmende Butterberg ist zu einem Hügelchen geschmort, wie uns der LID dieser Tage vorrechnete

Die Branchenorganisation Milch (BOM) konnte dank tieferer Produktion eine Richtpreiserhöhung durchsetzen, die langsam aber sicher auch wirksam wird. Vermutlich wird diese Preiserhöhung zu einer erneuten Erhöhung der Produktion führen, was wiederum die Produzentenpreise etwas erodieren lassen dürfte, wobei die Ausschläge nach unten kaum mehr derart grob ausfallen dürften wie bis anhin, nimmt doch die Kuhzahl tendenziell ab und lässt sich auf kurze Frist auch nicht beliebig erhöhen. Der Markt beginnt zu spielen und die Akteure scheinen etwas gelernt zu haben. Wenn heute die oppositionelle Big-M eine Medienmitteilung verschickt in der sie uns aufgrund einer Umfrage weis machen will, dass es für die Schweizer Milchproduzenten keine Zukunftsperspektiven gibt, bin ich deshalb völlig anderer Meinung.

Allerdings wird man für eine Milchproduktion mit Perspektiven schon etwas mehr tun müssen, als bei tiefen Preisen weniger und bei höheren mehr zu produzieren. Der Schweizer Markt für Frischmilch ist nach wie vor durch ein Importverbot geschützt. Dieses ist zwar noch nicht grad am Wackeln, aber sowohl im Parlament wie auch in der Branche gibt es mögliche Profiteure und Bestrebungen für die Liberalisierung der sogenannten “weissen Linie”. So haben etwa kürzlich die in der Fromarte zusammengeschlossenen Käser die Prüfung eine Erweiterung des Käsefreihandels auf eine sektoriellen Marktöffnung gegenüber der EU gefordert.

Käme eine solche, würde das den Markt noch einmal kräftig durcheinanderwirbeln. Milch ist Milch ist Milch, und diese ist im europäischen Umfeld definitiv billiger erhältlich als im Inland. Eine Chance hat die Schweizer Milchproduktion dann nur noch, wenn sie sich von derjenigen auf den Spotmärkten in der Nachbarn abheben kann. Zum Beispiel durch hohen Grasanteil bei der Fütterung, ein Erfolgsbeispiel ist die österreichische Heumilchbewegung.

Hierzulande tobt seit langem ein Glaubenskrieg um die “Graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion” (GMF). Ein Bericht im jüngsten “Schweizer Bauer” über eine gleichnamige Tagung an der HAFL in Zollikofen, so heisst das landwirtschaftliche Technikum mittlerweile, zeigt aufschlussreich, wie die Fronten verlaufen. Während die Zollikofer Forscher Peter Thomet sowie Fritz Rothen von IP Suisse und Urs Vogt von Mutterkuh Schweiz vereint für eine “Graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion” plädierten standen Milchproduzentenvertreter Kurt Nüesch und UFA-Mann Samuel Geissbühler auf die Bremse. Das erstaunt nicht, ersterer muss aufpassen, dass er keine Mitglieder verärgert, zweiterer muss schauen, dass die Kraftfutterverkäufe weiter ansteigen.

Deren Niveau ist schon beachtlich, vor allem im Tal, wo der grösste Teil der Milch produziert wird. Wie eine kürzlich publizierte Studie von Agroscope zeigt, füttern hier 50 Prozent der Betriebe weniger als 70 Prozent Gras. Das oft bemühte Argument, Schweizer Milchproduzenten verabreichten nur in homöopathischen Dosen Kraftfutter, ist also in den meisten Fällen ein Märchen. Dabei ist die GMF in der Vollkostenrechnung durchaus konkurrenzfähig, wie der “Schweizer Bauer” eine Vollkostenrechnung von Markus Höltschi, LBZ Hohenrain LU zitiert. Neu will der Bund bei einem Anteil von mindestens 90 Prozent Grasfütterung (Gras, Heu, Grassilage) 200 Franken pro Hektare bezahlen. Zugreifen, würde ich sagen. (Grafik Agroscope/”Schweizer Bauer”)  

Neuer Trend: Internet-Viehschauen

Mai 11, 2013

Kuhwahl BiosuisseHeute eine kleine (unbezahlte) Werbepause. Anlass sind zwei Internet-Viehschauen. Ob das schon ein neuer Trend ist? Demokratischer wärs auf jeden Fall, ob fachfrau/männischer, das ist eine andere Frage. Trotzdem, dies nur als kleiner Einschub vor der Reklame, ich staune schon immer wieder, dass an den grossen Schauen ein einziger Richter das Wetter macht. Wenn der bloss nicht zu stark bearbeitet wird in den Hinterzimmern…

Item, in diesen Fällen hier ist nicht züchterisches Fachwissen, sondern Glück gefordert. Gefragt sind bei den ausgestellten Kühen nicht primär Tiefe im Pansenbereich, gut aufgehängte Euter und ein sauberes Fundament sondern Ausdauer im einen Fall und Aussehen im weitesten Sinn im zweiten Fall.

Biosuisse veranstaltet einen Kuh-Marathon (zu finden bis heute hier, ab Montag hier). Tierschützer gemach, das Vieh wird nicht etwa durch abgesperrte Strassenschluchten getrieben. Die 10 Kühe auf ebensovielen Höfen dürfen zuhausebleiben und werden mit GPS-Sendern ausgestattet. Wer als erste die Marathondistanz von gut 42 Kilometer absolviert hat, ist die Siegerin. Ziel des Anlasses ist aufzuzeigen, dass Bio-Kühe viel draussen unterwegs sind.

Denner wiederum wurde kürzlich von einer Kollegin bei der “Bauern-Zeitung” dabei erwischt, eine österreichische Kuh auf seiner Milchpackung abgedruckt zu haben, eine schöne Pinzgauerin. Nun sucht man in Zusammenarbeit mit der Zeitung ein neues Aushängeschild für die Verpackung. Bemerkenswerterweise ohne Horn. Da tut sich also auch was.

Während der Richter an der Viehschau neben seinem Salär hoffentlich nichts gewinnen kann (ausser Reputation natürlich), winkt den Teilnehmern an den Kuhwettbewerben zwar leider keine Kuh als Preis, aber immerhin Bioferien im einen Fall und ein elektronisches Spielzeug im anderen Fall. Ich wünsche viel Erfolg, sollten Sie Ihr Glück testen wollen.

PS. Natürlich darf man mir zum Dank für diese Reklame jederzeit eine Kuh zustellen, würd’s dann nicht an die grosse Treichel hängen.

Kuhwahl Denner

Agrarpolitik, endloses Drama in 4(-Jahres) Akten

März 22, 2013

Theater im VollbetriebEigentlich ist es ein politischer Alptraum: Vor gut drei Jahren hat das BLW die Grundzüge der Agrarpolitik 2014/17 präsentiert, damals unter dem Label Weiterentwicklung der Direktzahlungen (WDZ). Heute hat das Parlament die Gesetzesvorlage nach dem Verbrauch von Hunderten Tonnen von Papier und unzähligen Sitzungs-, Sessions- und Denkstunden von Herrscharen von Beamten, Politikern, Bauern, Öko- und Fleisch-Lobbyisten sowie Journalisten das Paket in der Schlussabstimmung durchgewinkt. Damit ist die Arbeit noch nicht zu Ende, es beginnt jetzt das vereinte Schleifen an den Verordnungen. Wenn alles gut geht, ist die Reform vier Jahre nach dem Startschuss unter Dach. Der neue Regulations- und Zahlungsrahmen ist dann ab 2014 für vier Jahre in Kraft. Und die Arbeit kann eigentlich grad wieder von vorne beginnen: Das neue Beschäftigungsprogramm für die Agrarbürokratie heisst fast gleich: Agrarpolitik 2018/21.
Das Resultat der aktuellen Reform ist guteidgenössische mittlere (Un-)Zufriedenheit. Die einen lamentieren über eine Schwächung der Produktion, die anderen über eine ökologische Erstarrung im Talgebiet. Das Referendum, mit welchem man namentlich in SVP-Kreisen liebäugelte, ist glücklicherweise gar nicht erst lanciert worden. Es hätte lediglich der politischen Profilierung der Partei gedient, ähnlich wie sie das mit einer nicht enden wollenden Flut von Volksbegehren in der Asylpolitik seit Jahren praktiziert. Der Bauernverband winkte erst am Tag vor der Schlussabstimmung ab und wollte wohl so den politischen Druck aufrecht erhalten, ohne dass die Drohkulisse allerdings sehr glaubhaft gewirkt hätte.
Ein Referendum hätte die nötige Weiterentwicklung unter Beibehaltung von Bewährtem lediglich verzögert und den Bauern mehr geschadet als genützt. Was soll das Stimmvolk von einer Branche denken, die jährlich rund drei Milliarden Franken aus der Bundeskasse absahnt und troztdem nicht zufrieden ist? Hier ist eine gewisse Selbstbeherrschung an der Scholle durchaus angezeigt.
Zum Schluss drängt sich die Frage auf, ob man diesen nicht enden wollenden Zirkus im Vierjahreszyklus nicht etwas einfacher organisieren könnte, im Dienste der Rechtssicherheit für alle Beteiligten und allen voran der Bauern und Bäuerinnen.
Die Antwort ist nein. Die Agrarpolitik ist wie ein Schauspielhaus, AP X/X+3 ist ein Drama mit den immer gleichen vier Akten: Im ersten Akt präsentiert die Administration ihre Vorstellungen, das Publikum klatscht zum kleinsten Teil und buht mehrheitlich. Dann folgt der Auftritt der Gegner und Befürworter, die auf der Bühne wild aufeinander einschreien und Weltuntergansszenarien an die Wand malen, im dritten Akt inszenieren Parteivertreter im Stöckli und der grossen Heubühne einen ritualisierten und etwas zivilisierteren Kampf mit Kartonschwertern, wobei der Ausgang längst abgekartete Sache ist. Dann folgt der Vorhang, begleitet vom bereits bekannten Mix aus Empörung und verhaltenem Applaus im bereits leicht ermatteten Publikum. Der vierte Akt folgt dann hinter den Kulissen, beim gemeinsamen Bier feilschen Politiker und Lobbyisten um die Details der Einnahmenverteilung. Das Stück war auch in der x-ten Vorführung erfolgreich, die Billetteinnahmen blieben unverändert, ja sie haben gar leicht zugenommen, und für die einzelnen Schauspieler bleibt etwas mehr übrig, nimmt doch ihre Zahl ständig ab. Und jedeR weiss, ohne diese Aufführung wären viele der Beteiligten beschäftigungslos und die Weiterexistenz des Theaters gefährdet. (Bild Parlament.ch)

Freihandel: Downtown macht’s sich zu einfach

März 15, 2013

Jedi-Ritter in the AgrojungleDie “Handelszeitung” hat diese Woche wieder einmal einen alten Klassiker reaktiviert: Landwirtschaftsbashing unter dem Titel “Wachstumsbremse Bauer”. Leider gibts von diesem Artikel online nur eine arg verkürzte Version. Und den Kauf am Kiosk kann ich auch nicht wirklich empfehlen, ist einfach etwas zu dünn die ganze Geschichte. Das Beste ist noch die Grafik auf der Front, wo Bauernpolitiker als uniformierte Muskelprotze (Jedi-Ritter? Private Sicherheitsleute?) posieren, darunter Markus Ritter, Res Aebi und Maya Graf.
Im Artikel wird den Bauern vorgeworfen, dass sie auf Kosten der übrigen Wirtschaft ihre Pfründen verteidigen. Das ist mit Verlaub wohl das Ziel einer jeden Interessengruppe in Wirtschaft und Politik, man denke nur an den kläglich gescheiterten Kampf von Economiesuisse gegen die Abzockerinititative, aber das nur nebenbei. Dass die Bauern hier besonders erfolgreich agieren ist altbekannt und wenn das kritisiert wird, steckt möglicherweise eher Neid als Sorge um wirtschaftliches Wohlergehen dahinter.
Aufgehängt ist die Geschichte am bäuerlichen Widerstand gegen Freihandelsabkommen aller Art. Sie beginnt ausgerechnet mit einer Episode vom Käsemarkt, wo Züger Frischkäse offenbar einen Auftrag in Südkorea verloren hat, da die EU mit dem Land neu ein Freihandelsabkommen ohne Agrarschranken unterhält. Ob es sinnvoll ist, Mozzarella nach Südkorea zu exportieren, muss Züger selber wissen. Käse ist aber das denkbar schlechteste Beispiel, um den Bauern Freihandelsphobie vorzuwerfen, unterhalten wir doch seit einigen Jahren ein solches Abkommen mit der EU in genau diesem Sektor, was der Leser des Artikels aber nicht erfährt, vermutlich hätte das die These tangiert.
Das Resultat des Abkommens ist bekannt. Die Schweiz wird geflutet mit ausländischem Billigkäse und die Exporte steigen in ebendiesem Segment, wo unterirdische Milchpreise bezahlt werden, während die traditionellen Sorten wie Emmentaler und Gruyère stagnieren. Soll mir einer sagen, warum man aufgrund dieser Erfahrungen aus bäuerlicher Sicht mit fliegenden Fahnen für Freihandel eintreten sollte. Zumal Handel und Industrie es ja nach wie vor vollkommen normal finden, dass importierte Produkte in der Schweiz aus reinen Profitgründen mehr kosten sollen, als im umliegenden Ausland, was bekanntlich nach wie vor auch für landwirtschaftliche Produktionsfaktoren gilt.
Item, der Artikel fährt dann fort mit einem Lamento über bäuerliche Widerstände gegen ein Freihandelsabkommen zum Beispiel mit China. Auch hier bin ich mir nicht sicher, ob sich die Landwirtschaft unkommentiert den Schwarzpeter zustecken lassen soll. Wenn ich mir vorstelle, wie die Reaktionen ausfallen, wenn nach dem Fallen der Importschranken der Kassensturz zum ersten Mal Bilder aus chinesischen Schweineställen aussendet, dann ist es vielleicht ganz gut, wenn die Hürden in diesem Bereich etwas höher sind.
Insgesamt macht es sich der Journalist der Handelszeitung zu einfach. Er präsentiert ein Amalgam aus den ewiggleichen klischierten Vorwürfen an die Landwirtschaft (Subventionsforderungen, Abwehrfront, Protektionismus, etcetc.) ohne dass er eineN einzigeN VerterterIn aus der Branche zu Worte kommen liesse. Dafür dürfen Industrievertreter hemmungslos jammern, ganz in Bauernmanier. Schade, dass soviel prominenter Platz im Blatt nicht besser genutzt wird. Denn eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Handelsfragen wäre durchaus wünschenswert, dann müsste man aber die Gesamtrechnung machen, eben beispielsweise unter Einbezug des Schweizer Kostenniveaus und der monetären Bewertung der Leistungen der hiesigen Landwirtschaft, auch vor dem Hintergrund von offenbar breit erwünschtem Landschaftsschutz und allerlei Lebensmittelskandalen.

Mittleres Erdbeben & ein Lehrstück am Milchsee

Februar 1, 2013

Medienkonferenz der SMP am 1.2.13Für die normalerweise eher träge vor sich hin drehende landwirtschaftliche Verbandswelt gleicht der Doppelrücktritt an der Spitze der Schweizer Milchproduzenten (SMP) einem mittleren Erdbeben. Der Präsident nimmt ausserterminlich den Hut und der 45-jährige Direktor, dessen Posten als Lebensstelle gedacht war, kündigt 20 Jahre vor dem geplanten Termin. Bei genauerem Hinsehen ist die personelle Palastrevolution aber nur der vorläufige Tiefpunkt beim Abrutschen des einst mächtigsten Landwirtschaftsverbands in die Bedeutungslosigkeit.
Als er noch Zentralverband der Schweizer Milchproduzenten hiess – böse Zungen sprachen vom Zentralkomitee der Milchwirtschaft -, machte er das (preislich dauerhaft gute) Wetter für die damals noch deutlich zahlreicheren Mitglieder.
Diese Zeiten sind längst vorbei. Innerhalb von wenigen Jahren ist die Marktmacht geschwunden, die SMP sind vom Politbüro zur gut dotierten Werbe- und Marketingagentur der Milchbranche geworden. Die zu vielen Mitgliederorganisationen, welche die Hoheit über die Preisbildung mehr schlecht als recht in die Hand genommen haben, scherten sich in den letzten Jahren keinen Deut mehr um die unter Ägide von Peter Gfeller und Albert Rösti gefassten Beschlüsse, im Gegenteil, sie hintertrieben sie und brachten die beiden willigen Verbandschefs an den Rande des Nervenzusammenbruchs, was sie denn anlässlich der Medienkonferenz von heute auch ausführlich dokumentierten. Dass sie nun geballt abtreten, dürfte mit dem Bedeutungsverlust des Verbands aber mindestens so viel zu tun haben, wie mit dem illoyalen Verhalten der Regionalfürsten.
Ganz nebenbei ist die Geschichte auch ein kleines Lehrstück in Sachen Agrarökonomie: Ein geschützter und krass asymmetrischer Markt wird geöffnet. Den verbliebenen rund 25000 Milchbauern stehen vier Verarbeiter und zwei Detailhändler gegenüber. Dazwischen hat sich eine Schicht von Milchhändlern etabliert, die – es ist zwar egoistisch aber nicht verboten – die Betriebe mit den grössten Mengen entlang von Autobahnen herauspicken und eine schonungslose Mengenstrategie fahren. Diese Profiteure der neuen Marktordnung werden nun allenthalben als Übeltäter an den Pranger gestellt. Damit machen es sich die klagenden Milchbauern (und die scheidenden Verbandsspitzen) allerdings etwas einfach.
Die Händler und die ihnen liefernden Bauern verhalten sich opportunistisch, so wie es für die Player in relativ freien Marktwirtschaften üblich ist. Die Milchbauern, die heute teilweise unter ihren Einstandskosten liefern, würden wohl liebend gerne einen besseren Preis lösen. Wenn sie aber individuell ihre Menge senken, nützt ihnen das gar nichts, wie Albert Rösti heute selber festgestellt hat. Deshalb bolzen sie weiter, auch weil es für sie keine alternativen Absatzmöglichkeiten gibt. Der Rücktritt von Gfeller und Rösti ist deshalb auch ein Eingeständnis, dass es dem SMP nie auch nur ansatzweise gelungen ist, die angedachten Alternativen mit höherer Wertschöpfung umzusetzen. Dies wird auch den Nachfolgern kaum gelingen, dem Verband kann man deshalb keine bessere Zukunft prognostizieren.

Kleine Reminiszenz an die Jekami-Zucht

Januar 18, 2013

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Dieser Tage ist mir ein schönes Kuhbild in den virtuellen Briefkasten geflattert, also eigentlich ein Bild von einem Kuhbild (merci Lukas!). Die Jubiläumsplakette zum 110-jährigen des Viehzuchtvereins Herrliberg verkörpert für mich eine schwer vom Aussterben bedrohte Kultur: Die Jeder-kann-mitmachen (Jekami)-Viehzucht.
Ich habe schöne Bilder im Kopf von den Viehschauen im Emmental. Nach nächtelangem Kuhputzen und -rasieren folgte am Morgen der von wildem Glockengeläut angefeuerte Sternmasch aller übermütigen Gemeinde-Kühe auf den Parkplatz vor dem “Rössli”. Meist musste man trotz improvisierten Zäunen noch 1, 2 ausgebüchsten Chuelis im Wald nachjagen. Dann folgte die endlose Jurierung von Experten in weissen Mänteln, ein schweres Mittagessen und gegen die Melkzeit band man die unterdessen lautstark muhenden Kühe wieder los. Diese hetzten dann stampedipede dem Stall zu, während wir mit leichter Schlagseite versuchten, die Pace mitzuhalten.
Nicht, dass es die klassischen Viehschauen nicht mehr gäbe, aber deren Zahl und diejenige der aufgeführten Kühe hat stark abgenommen. Die Viezucht wird zunehmend zu einem Geschäft für Spezialisten, die an amerikanisch inspirierten glamourösen Galashows ihre vierbeinigen Juwelen vorführen. Der Durchschnittsmilchbauer konzentriert sich derweil auf Gebrauchskreuzungen und es fehlt ihm oft die Zeit, ganze Tage auf dem Viehschauplatz zu verbringen.
Das kann man bedauern, aber letztlich ist diese Entwicklung symptomatisch für die generelle in der Landwirtschaft und deren ökonomische Zwänge. Was bleibt ist die Viehschau als Folkloreveranstaltung für Städter und es sind die Plaketten, wie diejenige aus Herrliberg. Wenn ich Euch wäre, liebe Antiquitätenhändler, würde ich langsam anfangen, diese zu horten. (Bild Lukas Egli)

Emmentaler: Verzögerungstaktik & Nebelpetarde

Dezember 29, 2012

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Mir als Halb- und Heimwehemmentaler lag das Schicksal des dort beheimateten Grosslochkäses schon immer am Herzen. Deshalb schmerzt es in ausländischen Super- und anderen Lebensmittelmärkten immer wieder leicht auf der Brust des Käsepatrioten. Entweder finden sich dort zu junger und übel zusammenvakuumierter Schweizer Emmentaler oder jede Menge Imitate des Originals. Dieser Tage gab es Anschauungsunterricht im Tirol, wo einer dieser Märkte rund ein halbes Dutzend solcher Kopien österreichischer Herkunft anbot (siehe Bilder). Das erinnert mich immer wieder daran, wie sorglos man es in der Schweiz vergeigt hat, den Emmentaler rechtzeitig ursprungstechnisch und markenrechtlich zu schützen. Wie stark der Name des Produkts ist, beweist ja gerade die Flut der Imitate.
Item, dieser Zug ist längst abgefahren, was bleibt ist der Fokus auf den inländischen Markt. Das Bild, das sich dort bietet ist allerdings eher noch erbärmlicher, als dasjenige im ausländischen Supermarkt. Ich will jetzt hier nicht noch einmal die altbekannten Fakten auftischen. Natürlich wurde der Emmentaler in Unionszeiten missbraucht als Mengenventil und eine Strukturbereinigung war unerlässlich. Das ist aber noch lange kein Grund, ihn jetzt komplett in den Boden zu fahren. Kürzlich hat sich die leider seit Anbeginn zerstrittene und zu wenig entschlossen geführte Sortenorganisation endlich einen Ruck gegeben und grossmehrheitlich beschlossen, beim Bundesrat Allgemeinverbindlichkeit für eine dringend notwendige Mengensteuerung zu beantragen. Der zuständige Agrarminister Schneider-Amman übt sich seither im Lavieren. Die jüngst ins Leben gerufene Task-Force Emmentaler ist ein für ihn typischer Weg, das Fällen eines Entscheids zu verschleppen. Zu dieser Verzögerungstaktik dürften zwei Gruppierungen massgeblich beigetragen haben. Da wäre erstens die Economiesuisse, die sich aus wettbeweblicher Sicht gegen Allgemeinverbindlichkeit ausgesprochen hat. Diese Stallorder scheint den Bundesrat zu beeindrucken, aber wenn seine Vorgänger ebenso folgsam auf diese falschen Freunde der Landwirtschaft gehört hätten, stünde der Bauernstand deutlich schlechter da, als es heute der Fall ist, darauf wette ich ein schönes Kälbli. Dass man Geld nicht auf einem Käseplättli servieren kann, wird man bei der Economiesuisse erst merken, wenn dereinst das letzte Dorf seine letzte Emmentalerkäserei verloren hat.
Die zweite Bremserfraktion stammt aus der Branche selber. Die Handelsfirmen Lustenberger & Dürst (L&D) und Bürki sowie ein paar ihnen zuliefernde Emmentalerkäser bekämpfen die Allgemeinverbindlichkeit ebenfalls. Das Motiv der ehemaligen Mitglieder der Käseunion: weil sie im Moment über ein ausgewogenes Verhältnis von Produktion und Absatz verfügen, fürchten sie die Mengenbeschränkung. Das mag auf den ersten Blick nachvollziebar sein, zeugt aber von mangelndem Weitblick und Solidarität. Wie das (Erfolgs-)Beispiel Gruyère zeigt, kann nur eine stramme Mengenführung über die ganze produzierte Menge funktionieren. Wenn L&D-Geschäftsführer Gander jetzt davon ausgeht, dass ein fortgestzter Zusammenbruch der restlichen Emmentaler-Branche seine vertikal integrierte Wertschöpfungskette “in der alle von der Kuh bis zum Verkaufspunkt weltweit eine Allianz bilden und am gleichen Strick ziehen” mittel- bis längerfristig nicht tangieren wird, dann ist das ein frommer Wunsch. Recht hat Gander dort, wo er strengere Produktionsbedingungen im AOC-Pflichtenheft fordert. Dass er dies nun aber mit der Mengenbeschränkung in Zusammenhang bringt, ist eine Nebelpetarde, mit der er die wahren Absichten zu verschleiern sucht.
Unter dem Strich bleibt für den zögerlichen Bundesrat aus dem Bernbiet nur ein Entscheid, um zu retten, was zu retten ist: Allgemeinverbindlichkeit beschliessen ohne mit Palaver Zeit zu verlieren. Anschliessend kann die Branche zeigen, dass sie mit dem Steilpass etwas anzufangen weiss, inklusive traumhaft schönem Abschluss mit Gander und Bürki in der Sturmspitze zum Beispiel.

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Die wundersame Genesung des Milchmarkts

Dezember 5, 2012

Milchmarkt im WinterSo schnell kann es gehen. Kaum hat im Land der Winter Einzug gehalten, präsentiert sich nicht nur die Landschaft zumindest im Gebirge im neuen Kleid, sondern auch der Milchmarkt. Offenbar übersteigt die Nachfrage mittlerweile das Angebot an Molkereimilch, laut dem Landwirtschaftlichen Informationsdienst bedingt durch einen Produktionsrückgang um lediglich 3 bis 5 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode. Gründe dafür sind die mangelhafte Qualität des im Sommer eingebrachten Futters und die sinkende Kuhzahl, dies wiederum eine Reaktion auf die schrittweise abgebauten Preise seit der letzte Knappheit im Dürrejahr 2007, das auch den Schweizer Produzenten eine Hausse bescherte.
Die Folgen sind wie folgt: Die Bauern verlangen wenig überraschend nach einem höheren Milchpreis, gemäss der “Bauernzeitung” um deren 5 Rappen. Die Chancen für eine Erhöhung scheinen aber gering. Derweil hat sich der Preis für sogenannte Spotmilch – also solche, die ausserhalb der Abnahmeverträge zwischen Produzentenorganisationen und Verarbeitern gehandelt wird – massiv erhöht, gemäss derselben Quelle um nicht weniger als 15 Rappen. Laut dem “Schweizer Bauer” – der Artikel ist online leider nicht erhältlich – liefern die POs mittlerweile so wenig wie möglich im Vertragsrahmen, um daneben möglichst viel auf dem Spotmarkt zu verkaufen.
Die Entwicklung bestätigt ein paar alte Weisheiten:
1. Der Grat zwischen Über- und Unterproduktion ist schmal. Aus meiner Sicht sollte dies die Produzenten und ihre Organisationen in der Überzeugung bestärken, die Menge straffer zu kontrollieren und dabei enger zu kollaborieren.
2. Die Verarbeiter kaufen in der Knappheit lieber zu teure vertragslose Milch ein, um sich nicht längerfristig zu höheren Preisen zu verpflichten. Sie gehen, so nehme ich an, davon aus, dass spätestens das Frühjahr eine neue Milchschwemme bringen wird. Ob die Rechnung aufgeht, wird sich zeigen. Möglicherweise bleibt die Knappheit ein länger anhaltendes Phänomen, denn eine einmal gesenkte Kuhzahl lässt sich nicht so mir nichts, Dir nichts wieder eröhen.
3. Die Produzenten und ihre Organisationen geben relativ wenig auf Vertragstreue und pflegliche Beziehungen mit den Verarbeitern, sobald sie die Möglichkeit auf kurzfristigen Gewinn sehen. Natürlich habe ich Verständnis, dass jeder so viel wie möglich mit Spotmilch verdienen will. Allerdings dürfte man konsequenterweise beim nächsten Unterzug der Verarbeiter, er wird kommen, nicht allzu laut aufjaulen.
4. Trotz der verbesserten Marktsituation ist die Position der Branchenorganisation Milch nicht wirklich gefestigt worden. Der erfolgreiche Abbau des Butterbergs mittels Zwangsabgaben der Produzenten sei früher aus Produzentenhand deutlich günstiger bewerkstelligt worden, heisst es hinter vorgehaltener Hand. Und die Segmentierung, eines der Hauptinstrumente aus der BOM bewährt sich auch in der Knappheit nicht, weil die Verarbeiter den C-Milch-Anteil, also den Teil der Milch den sie unter dem Weltmarktpreis einkaufen, nach wie vor Aufrecht erhalten, dies, so heisst es im Artikel des LID, weil sie in den letzten Jahren Kanäle für Billigmilch-Verwertung aufgebaut haben, die sich nur mit Spottpreis-Rohstoff weiterhin bedienen lassen.
Bleibt zum Schluss noch eine Frage: Wer sitzt am Schluss mit abgesägten Hosen unter der Kuh? Auch wenn das Bild suggeriert, dass es der Bauer sein wird, möchte ich dafür noch nicht die Hand in die heisse Milch legen. (Bild LID)

Cheese-Awards: Vielfalt und Preis-Inflation

September 29, 2012

Am Freitag habe ich mich auf den Weg nach Bellinzona gemacht, nichts weniger als die Oscar-Night des Schweizer Käseschaffens war angesagt: Die Swiss Cheese Awards, ein Anlass der alle zwei Jahre stattfindet und dies bereits zum achten Mal. Leider hatte ich nur wenig Zeit, aber die paar Stunden waren intensiv. Es war eine eindrückliche Leistungsschau des Schweizer Käseschaffens mit viel positiven Eindrücken und ein paar Abstrichen. Aber der Reihe nach.
Auf der Piazza del sole unterhalb von einem der drei Stadtschlösser in der Tessiner Metropole herrschte am späteren Nachmittag reges Markttreiben. Die Vielfalt ist eindrücklich, Stand reiht sich an Stand, stellvertretend oben Seniorchef Hans Aschwanden von der gleichnamigen Bergkäserei in Seelisberg UR mit seiner Partnerin Vreni und unten (leider unscharf und mit unsichtbarem Angebot, wann kaufe ich endlich eine rechte Kamera?) meine alte Freundin und Ex-Chefin Claude Liengme und ihr Partner Hans-Peter Furrer, ein Gruyère-Crack aus Les Reussilles BE.
Mitten drin eine Bühne auf der eigentlich Landwirtschaftsminister Schneider-Ammann hätte referieren sollen, er schaffte es aber wegen einer Beerdigung nichts ins Tessin, weshalb der heimliche Landwirtschaftsminister Lehmann das Referat des Chefs verlas. Erster Abstrich: An einem Publikumsanlass sollte es nicht tönen, wie an der Versammlung eines Käservereins. Das ganze war zu technisch und die nicht fachkundige Besucherschar hätte man mit einem emotionalen Referat über den kulturellen Wert des Schweizer Käses wohl besser bedient. Aber die Musik war schön.
Später traf sich die versammelte Branche in einem eher trostlosen aber hübsch dekorierten Betonklotz zur Award-Night. Eine Jury aus mehreren Gruppen hatte am Tag zuvor nicht weniger als 714 Käse verkostet, ein schöner Beweis für den kulinarischen Reichtum im Käsebereich. Die Spannweite reichte in 27 Kategorien vom Emmentaler AOC via “übrige Alpkäse” (vielleicht nicht grad der geglückteste Kategoriename, man stelle sich einen Oscar für “übrige Schauspieler” vor), Blauschimmelkäse  bis zu den nicht mehr kategorisierbaren Innovationen. Es gab also nicht weniger als 27 Sieger auszuzeichnen. Das ist viel, es wäre ungerecht zu sagen zuviel, denn ein Hartkäse kann schlicht nicht mit einem Frischkäse verglichen werden. An einer Getränkedegustation vergleicht man schliesslich auch nicht Bordeaux mit saurem Most. Aber eben, 27 Gewinner gebührend zu würdigen, das braucht Können. Das ist aus meiner Sicht nicht ganz geglückt. Am Schluss war das Publikum derart ermüdet und hungrig, dass es kaum mehr einen rechten Applaus zu Stande brachte. Dem Vernehmen nach ist das jedesmal dasselbe, vielleicht könnte mans ja ein bisschen besser verteilen und dazwischen mal ein bisschen Käse servieren, zum Beispiel ein Teller mit ein paar Gewinnern drauf. Aber alles in allem: Chapeau Käsebranche.

 


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