Archive for the ‘Tierhaltung’ Category

Frühlingsweideparade (2): Wie lange noch?

Mai 11, 2015

Monikas Frühlingskuh2Kürzlich hat mich wieder eines dieser tollen Bilder von Monika Schlatter erreicht, versehen mit folgendem Kommentar: “Gestern war Idylle und Erholung pur, ein wunderbarer Tag! – ich ging von Zeglingen (von dort die beiden angehängten Bilder) über Oltingen – Talweiher – Wenslingen nach Tecknau. Nicht nur die blühenden Bäume waren eine Augenweide, sondern auch das Tälchen mit der jungen Ergolz zwischen Oltingen und Talweiher – und überall dieses frische Grün der Blätter im Wald – herrlich.” Wirklich sehr hübsch, danke Monika!

Wie es da so selbstverständlich in der Landschaft liegt, das Idyll, könnte man meinen, es sei geschenkt. Und vor allem, wenn man dieser Tage wieder mal ein bisschen Zeitung las. Nachdem die Landwirtschaftsvertreter dank einer Koalition mit den Grünen notabene das Cassis-de-Dijon-Prinzip gebodigt hatten, war wieder einmal freier Auslauf für die Landwirtschaftsbasher angesagt, zum Beispiel hier und hier. Selbstverständlich stimmte auch noch einer der notorischen Elfenbeinturm-Ökonomen ins Klagelied über die ach so böse Landwirtschaftslobby ein, die sich und ihre Klientel vom Staate stopfen und protektiert subventionsmästen lässt.

Das Cassis-de-Dijon-Prinzip war dabei nur ein prima Vehikel um die alte Leier in Gang zu bringen. Es ist aus meiner Sicht eher ein trojanisches Pferd zur Einfuhr von industriell optimierter Massenware und fetter Margen von Importeuren als ein Garant für Freedom of choice und günstigere Preise für die geschundenen Schweizer Konsumentinnen, die jedes Jahr prozentual weniger ausgeben für ihre Lebensmittel, die aber glaubt man den Kommentatoren, schon in Bälde am Hungertuch nagen dürften, wenn der Bauernlobby nicht endlich das Handwerk gelegt wird. Ähnlich krud wie von dieser Antiagrarfront wird fast nur noch von der Autolobby agitiert, die nachdem das Land zu guten Teilen asphaltiert und mit Tiefgaragen unterkellert ist, immer noch ständig über den an den Rande gedrängten motorisierten Mitbürger lamentiert.

Gerne angeführt wird von den vereinten Agrarliberalisierern der Einkaufstourismus, um den an die Wand gemalten Teufel noch etwas dramatischer wirken zu lassen. Dazu zwei kurze Anmerkungen: Erstens ist Einkaufstourismus primär ein Hobby wie Pedigrohrflechten oder Pferdewetten. Die Schweizerinnen fahren nicht über die Grenze, weil sie ökonomisch dazu gezwungen wären, sondern weil sie gerne flanieren in den attraktiven deutschen, italienischen, österreichischen und französischen Fussgängerzonen, weil es das in der Schweiz (unter anderem dank der Autolobby) kaum gibt und weil sie dort noch das eine oder andere Schnäppchen garnieren können. Zweitens ist es tatsächlich so, dass die Preise ennet der Grenze geradezu grotesk viel tiefer sind als hierzulande, aber das den Bauern in die Schuhe zu schieben ist ziemlich dreist. Das wäre etwa so, wie wenn man den Lokomotivführer für die steigenden Billetpreise verantwortlich machen würde. Auch die Bauern bewegen sich in der Hochpreisinsel Schweiz, kaufen hier ein und bunkern ihre drei Milliarden Direktzahlungen nicht auf dubiosen Konten sondern führen sie mehrheitlich der Wirtschaft zu.

Sie machen so als (ländliche) Wirtschaftsförderer mehr aus dem Staatsgeld, als es eine Behörde je selber könnte. Die ihnen übertragenen Aufgaben erledigen sie zudem zu Preisen, für die kein Werkhofangestellter eine Schaufel in die Hand nehmen würde. Wenn man das Kulturland, wie zum Beispiel das obenstehende Idyll durch städtische Grünbewirtschafter oder Gartenbauunternehmen bewirtschaften liesse, käme es teurer, mit Garantie. Und sie würden so ganz nebenbei keine doch mehrheitlich relativ hochwertige Lebensmittel produzieren (deren Preise die Produktionskosten oft nicht decken), sondern höchstens Biomasse für Kompostwerke. Diese Leistung könnte man auch einmal würdigen, statt reflexartig und oft wider besseres Wissen auf die Bauern und Bäuerinnen einzudreschen. Denn das Idyll, es ist nicht geschenkt, sondern Produkt harter Arbeit. Und sind die Vielgescholtenen eines Tages in Grund und Boden geschrieben, wachsen sie auf den vergandeten Flächen nicht einfach so nach, im Fall.

So fertig gepredigt. Nur noch ein kleiner Wunsch an alle Journalistinnen und ÖkonomInnen: Bitte geht vor Eurem ersten Artikel über Landwirtschaft(-spolitik) ein paar Wochen in den Landdienst. (Bild: Monika Schlatter)

 

Frühlingsweideparade (1): Jonas’ Törli

Mai 4, 2015

Weidetor 1So schnell kann es gehen. Schon wieder ist Frühling. Die Weidesaison ist noch etwas gebremst durch die aktuelle Wetterlage aber sie kommt so sicher, wie die letzte Skitour des Winters. Die BauernZeitung (ab Herbst übrigens mein neuer Arbeitgeber) titelt: “Es geit zBärg” und das Gras wächst kräftig. Insgesamt sicher ein guter Moment, um der beliebten Agroblog-Serie Weidetore im In- und Ausland eine weitere schöne Folge anzuhängen.

Diese reich beschrifteten Exemplare stammen von Jonas Ingold, der sie auf einer Wanderung auf den Grossen Aufacker in den Ammergauer Alpen entdeckt. Ich danke Dir herzlich!  Man beachte im unteren Bild die freestylige Kombination von Holz, roh und entrindet, sowie Schmiedeisen, vermutlich ein Recyclingobjekt. Was kann sich ein geschmackloses Gartentöri Schöneres wünschen, als bei der Zweitnutzung durch die umliegende rustikale Natur aufgewertet zu werden? (Bilder: Jonas Ingold)
Weidetor in Bayern

Altes Tiger-Klischee, zum Feiern aufgewärmt

April 12, 2015

StadionMan soll ja nicht unbedingt alte Klischees zementieren, aber eines davon ermöglicht es mir, hier endlich einmal eines meiner an sich eher landwirtschaftsfernen Lieblingsthemen auf den Plan zu bringen: Eishockey und die SCL Tigers. Nach zirka 43 Jahren Fantum und 39 Jahre nach dem ersten, einzigen und (vorläufig) letzten Meistertitel, gab es diese Woche wieder einmal etwas zu feiern: Den Aufstieg in die NLA (für NichtSchweizerInnen: die erste Division). Das haben wir denn auch ausgiebig getan.

HolidayAber zuerst zum alten Klischee von den Langnauern als Bauern. Aufwachsend in Muri bei Bern mit Meisterposter ’76 über der Bettstatt war es nicht immer einfach, Langnaufan zu sein. Wie oft musste man sich anhören, die Bauernknüttel hätten wieder gäbig versagt am Wochenende. Nur ab und zu konnten wir in den Jahren nach dem Meistertitel den verwöhnten Stadtbubis, als die wir sie gerne betrachteten, die Hühner einzutun. Am schönsten war es immer, wenn “wir” im Allmendstadion den Mist führen konnten. So ist mir etwa ein Buebetrickli des legendären Rolf Tschiemer unvergesslich, das vor ausverkaufter Hütte in der Schlussminute in Bern das 3:4 für den damals noch nicht neumödig Tigers heissenden Schlittschuhclub Langnau bedeutete.

JublenHeute ist Langnau längst kein Bauerndorf mehr, sondern ein lebendiges Regionalzentrum mit kräftigem linksgrünen Bevölkerungsanteil (drei von neun GemeinderätInnen, darunter der Präsident sind von der SP) und städtchengerechter Infrastruktur. Aber klar, noch immer ist das Umland bäuerlich-gewerblich geprägt und es war am Donnerstag aus dem Zug schön zu sehen, wie die Subarus und andere Mittelklass-Offroader in einer eigentlichen Sternfahrt dem Zentrum zustrebten, jeder zweite mit einem SCL-Wimpel am Rückspiegel.

2260758_pic_970x641Sowieso war es schön, letzten Donnerstag. Dank dem Tigers-Medienchef Rolf Schlapbach, der in meiner Tigerherzkammer künftig einen Ehrenplatz haben wird, war es mir vergönnt (erstmals) im neuen Stadion zu sein. Und das ausgerechnet an diesem historischen Abend. Das neue Ilfisstadion ist schmuck. Nicht protzig, immer noch ein wenig Viehausstellungscharme dank dem vielen Holz aber Top-Infrastruktur, von aussen nett anzuschauen und innen klein aber fein (6050 Zuschauerplätze) und gute Sicht aufs Spielfeld.

KlausAufstiegsfeierAuch das was auf diesem geboten wurde erfreute das Fanherz, es war kein Spaziergang, aber am Schluss machten wir die Sache dank einem eiskalt abgeschlossenen Konter von Chris “DiDo” DiDomenico und Sekunden später einem Knaller von Lukas “Häsu” Haas (ein Nebenerwerbs-Schafhalter, notabene) unter die Latte alles klar. Vor mir schrieb der Old Shatterhand der Eishockeyberichterstattung, Klaus Zaugg, dessen Texte ich als Dreikäsehoch jeweils im “Sport” (selig) las, eine seiner metaphorisierten Zeilen, die er heute für Watson reinhaut (“Und dann die Erlösung. Eine Szene wie aus einem Hollywood-Film. So wie der tapfere Kapitän John Maynard aus der Ballade von Theodor Fontane sein Schiff doch noch sicher in den Hafen von Buffalo bringt, so errettet nun Chris DiDomenico die Langnauer aus Not und Zweifel...”, ganzer Artikel hier).

AufstiegsfeierAufstiegsfeierDer Jubel war gross, laut, farbig, aber nicht grenzenlos, es war eher eine riesige Erleichterung, die um sich griff. Diese setzte sich nahtlos fort nach dem Spielende. Zuerst fast zaghaft, schön die Mannschaftsfoto abwartend, wagten sich die ersten Zuschauer aufs Spielfeld, um ihren verschwitzten Helden zu gratulieren. Auch ich liess es mir nicht nehmen, auf dem bearbeiteten und vom Spiel stark gezeichneten Feld eine Runde zu drehen und dem Goalie Damiano Ciaccio stellvertretend die Hand zu schütteln. Es war wie ein grosses, wenn auch recht ausgelassenes Familienfest. Auch im Siegestaumel bleibt der niederlagenerprobte Tigers-Fan irgendwie halt doch noch auf dem Boden, schon ein bäuerlicher aber kaum der dümmste Wesenszug. (Unterste vier Bilder ohne Klaus: Berner Zeitung/Hans Wüthrich (eine weitere Clublegende…)) EISHOCKEY, NATIONAL LEAGUE B, NATIONALLIGA B, NLB, LNB, HOCKEY SUR GLACE, AUF/ABSTIEGSRUNDE, LIGAQUALIFIKATION, SAISON 2014/15, SCL TIGERS RAPPERSWIL-JONA LAKERS

Kühe mit Aussicht (auf einen schönen Preis)

März 21, 2015

Kuhbild mit Aussicht kleinZum ersten Regentag seit langem kommt so ein sonniges Kuhbild doch wie gerufen, oder? Geschickt hat es mir Leser Dominik Thali. Er schreibt: “… als ich las, dass Du Kuhbilder sammelst, dachte ich, ich sollte Dir eines schicken, das ich letztes Jahr am Fronleichnamstag auf dem xxx gemacht habe. Der Beweis dafür, dass es Kühe gerne auch mal gemütlich nehmen.” Das ist eine super Idee, lieber Dominik, besten Dank! Er selber sammelt übrigens lieber Fahrradbilder, und betreibt einen sackstarken Blog namens “Velo – das Leben auf zwei Rädern”, wo man noch viel abschauen könnte, beneidenswert hübsch gemacht!

Zurück zu den Kühen und Dominiks Bild. Die drei x stammen natürlich von mir, es gibt nämlich einen Quiz. Wer mir zuerst sagt, auf welchem relativ bekannten Hoger die gemütlichen Kühe die Aussicht geniessen, der erhält einen Preis. Kleiner Tipp: Wenn man bzw. die beiden Braunvieh-Ladies ein bisschen weiter nach vorne rücken würden, sähen sie Wasser…

Das KuhbuchJetzt zum Preis, empfohlen von einer der ausgewiesensten Expertinnen weitherum (merci!). Er heisst ganz schlicht “Das Kuhbuch – Von schönen Kühen, seltenen Rassen und dem Wohl der Tiere” von Annette Hackbarth und ist natürlich ein …. Kuhbuch. Es ist ein abwechslungsreiches, umfangmässig mit 128 Seiten gut bewältigbares und journalistisch gemachtes Werk (kein Zufall, ist doch die Autorin Journalistin), das ohne Anspruch auf Vollständigkeit aber mit punktuellem Tiefgang berichtet von Domestikation, Kuhkomfort, heilige Hornträgerinnen, Alp, Schlägen und Rassen, IKuh, einem Kuhpapst etc. Das alles dekoriert mit 150 schönen Bildern. Positiv aufgefallen ist mir auch, dass eine Simmentalerin den Titel ziert, für mich unter Einbezug aller Faktoren eigentlich die zukunftsträchtigste Kuh. Viel Glück beim Raten!

Wintercowpics (2): Thüringen-Punjab, inkl. Quiz

Februar 27, 2015

L1010663Das sieht zwar nicht wirklich aus wie ein Winterkuhbild, ist aber immerhin ein im Winter gemachtes Bild von einem Teil meiner Herde; mit einem Buch von Agrarjournalistenkollege Fritz Fleege aus Deutschland.

Er war über vier Jahrzehnte Redakteur der deutschen “BauernZeitung” und hat viel erlebt. Den milchwirtschaftlichen Teil seines Erfahrungsschatzes hat er nun unter dem Titel “Menschen, Milchvieh, Melkroboter” zwischen Buchdeckeln herausgegeben. Das hat sich gelohnt. Die “Begegnungen in 38 Ländern auf fünf Kontinenten” auf knapp 300 Seiten führen in alle Weltgegenden, darunter Thüringen und Punjab, immer mit Fokus auf die Milchwirtschaft, die Menschen, die sie betreiben und natürlich die Kühe.

Da erfährt man allerhand, zum Beispiel, dass nicht nur im Appenzell, sondern auch in Indien Kuhfladen getrocknet, gesammelt und gestapelt werden. Oder wie begehrt Guernseykühe von den französischen Kanalinseln schon im 19. Jahrhundert waren. Oder wie eine junge Generation russischer Milchbauern die Bestände aufstockt. Oder wie die Viehzüchter in Argentinien von “Sojeros” verdrängt werden.

Das alles ist sehr journalistisch aufgemacht, es gibt lange Lesestücke und Kurzfutter und viel Bildmaterial. Diesen Eindruck unterstützt auch die Reklame, die den Leser auf einigen Seiten begleitet. Aber hat mich irgendwie nicht gestört, ist ja auch ein Teil der Realität, zu sehen, wie heute Melkkarusselle angepriesen werden.

Das Buch kann man hier bestellen, aber natürlich auch gewinnen. Wie gesagt, es gibt viele Kühe im Buch. Viele, viele Holsteins aber zum Glück auch noch ein paar andere. Diese hier zum Beispiel. Die erste korrekte Antwort holt den Preis, viel Glück!

Wettbewerbskuh

PS. Sollten Sie via die neueste Ausgabe von Zeitpunkt erstmals auf diesen Blog gekommen sein (für alle Nicht-ZeitpunktleserInnen, ich habe dort einen Artikel über die Agrarinitiativen geschrieben), dann sind Sie vielleicht jetzt ein bisschen enttäuscht. Aber ich bin eben nicht nur ein “Polizist für agrarpolitische Correctness”, wie es dort heisst (wer das wohl erfunden hat…), sondern auch ein Kuhbildsammler- und -bücherbesprecher, Weidetorbeobachter, AgrInnovationssucher, AgVocate etc. Aber keine Angst, die Agrarpolitik kommt dann schon auch wieder zum Zug. Unterdessen können Sie ja ein bisschen im Archiv blättern.

Wintercowpics (1): From Latsch to Goldau

Februar 23, 2015

Latsch1aBack to a category that was neglected a little bit these last few months: Cowpic of the week. That’s why I come up with two today. One is from Latsch a little bit above Bergün, worlds best place for wintertourims, nice in Summer, too. The place is cool because the through road is closed and instead used as a great sledge run in winter due to snow, although there wasn’t very much of it this year.

Plus there is hardly any ugly monstrous tourism architecture, instead you find plenty of old houses, typical for the Region. I know, it sounds like I’m paid by them, but I do it for free, also because they have a great train museum and a fancy natural ice rink and mainly because they have plenty of freerange cows, like the one you see on the pic. And great farm shops that I wrote about a few times, just put Bergün into the search mask. Anyway, don’t miss it if you ever drive by towards ugly St. Moritz…

The second pic below is from Goldau, a place that I know much less, except for that it’s built on the masses of a massive landslide in 1806 and that they have quite a cool zoo. It’s called Tierpark Goldau and amongst plenty of other animals they herd some Evolène cows, a rare race from the village of the same name in the Val d’Hérens, Wallis, where the famous race of the same name comes from. Evolène and Hérens look quite the same, are both good fighting cows, but Evolène is reddish-white while Hérens is black as the night. Thanks a lot for the pics to Markus Richner (top) and Monika Schlatter!
Goldau2

“Wir haben es satt!” vs. “Wir machen euch satt!”

Januar 21, 2015

Berlin3Alle Jahre wieder: Dieser Tage steht in Berlin die Grüne Woche auf dem Programm, heuer schon zum 80. Mal. Fast schon ähnlich traditionell ist die Demonstration “Wir haben es satt”, die am vergangenen Samstag ihrerseits das Fünfjährige feiern konnte.

Berlin5Wie in allen Lebensbereichen der aufgeklärten kapitalistischen Gesellschaften ist auch im Demonstrationsbereich Wachstum wichtig. Deshalb schätzten die Organisatoren, eine bunte Koalition von Bioverbänden, Tierschützern, Umweltschutzorganisationen und Freihandelsgegnern die Teilnehmerzahl grosszügig auf 50’000.

Berlin4Das mag etwas hoch gegriffen sein, aber es war nichtsdestotrotz eindrücklich zu sehen, wie viele Leute “es” satt haben. Das Neutrum steht in erster Linie die Agrarindustrie und daraus primär die Massentierhaltung, die in letzter Zeit in Deutschland arg unter Druck geraten ist. Zur Mobilisierung beigetragen haben neben dem üblichen Grundrauschen von Tierschutzprotesten diverse Skandale (von denen mit Neuland einer auch ein IP-Label betraf), eine etwas gar marktschreierische Artikelserie in der “Zeit” über multiresistente Keime (“Die Rache aus dem Stall”) und das Tierhaltungsverbot gegen den skrupellosen Grossmäster Adrianus Straathof, ja so heisst der leider.

Berlin7Stark empört ist man in Deutschland in weiten Kreisen aber auch über die Verhandlungen zum Abkommen Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP), auch weil es die einheimischen Spezialitäten gefährden könnte, wie der Agrarminister kürzlich einräumen musste. Darin sehen viele Deutsche weit über das linke politische Spektrum hinaus einen weiteren Beweis für agrarimperialitische Ambitionen der USA, zu denen auch der weiterhin hohe Druck in Sachen GVO-Saatgut gezählt wird.

Wir haben es sattDass sich auch die Parteien, allen voran die Grünen diese wachsende Volksbewegung zu nutzen machen wollen, versteht sich von selber. Sie marschierten angeführt vom Co-Fraktionschef Hofreiter und Alt-Landwirtschaftsministerin Künast weit vorne in der Demonstration mit. Die Grünen haben als erste politische Formation erkannt, dass der Unmut über den Zustand der Land- und Ernährungswirtschaft weit über den linken Rand des politischen Spektrums hinausreicht. Und haben Erfolg damit. Ein klares Indiz dafür ist, dass mittlerweile nicht weniger als sechs von total 14 Landwirtschaftsministerinnen und -Ministern in den Bundesländern grün sind. Dazu kommen drei SozialdemokratInnen und eine Vertreterin der Linken.

Berlin9Im Nachgang zur Demonstration hat mir eine deutsche Kollegin verdankenswerterweise Zutritt zu einer gut gesicherten Veranstaltung der Grünen im eindrücklichen Parlamentarierbürogebäude Paul-Löbe-Haus verschafft. Dort wurde das Thema “Fleisch für die Welt?” debattiert. Am Pranger standen in Reden und Workshops nicht nur die Billigexporte von Fleisch nach China und – derzeit aus politischen Gründen unterbunden – nach Russland. “Die Land- und Ernährungswirtschaft ist die einzige im Land, die es sich leisten kann teuer zu importieren (z.B. Bioprodukte) und billig zu exportieren”, sagte der Biolandwirt und Landwirtschaftssprecher der grünen Fraktion, Ostendorff. So etwas, ergänzte er, wäre in jedem anderen Sektor undenkbar.

Wir machen euch satt3In der Tat sind die Verhältnisse recht drastisch. Trotz den kriselnden Exportanstrengungen sind die Preise etwa für Schweinefleisch derzeit tief im Keller, für das Kilo Schlachtgewicht erhält der deutsche Mäster bei konstanten oder steigenden Futterpreisen noch 1.25 Euro, vor Jahresfrist lag dieser noch bei ebenfalls schon knapp kostendeckenden 1.80. Ähnlich prekär ist die Lage bei der Milch, wo derzeit flächendeckend unter 30 Cent pro Liter ausgezahlt werden. Hier droht mit der Aufhebung der EU-Milchquote per 1. April eine weitere starke Zunahme des Preisdrucks. Grossen Anteil an diesen Verhältnissen hat in Deutschland auch der auf Discount fixierte Detailhandel, wo Milch und Fleisch zu Schleuderpreisen über die Theke gehen. Er könne nicht verstehen, wieso sich die Bauern von der Agrarindustrie derart vor sich hinschieben liessen, sagte der ebenfalls anwesenden Biobauer und grüne nordrhein-westfälischen Landestagsabgeordneten mit dem markanten Namen Norwich Rüsse.

Wir machen euch satt1Das ist eine durchaus legitime Frage. Sie richtet sich an die konventionellen Grossmäster und -milchproduzenten, die in den letzten Jahren unter starkem ökonomischem Druck und gemäss dem Motto “wachse oder weiche” massiv investiert und haben. Diese sind aber keineswegs bereit, die Grünen als Kampfgenossen zu akzeptieren. Stattdessen sind sie unter dem Leitspruch “Wir machen euch satt!” schon am Samstagvormittag zu einer eigenen Demo aufmarschiert, um sich gegen die ihrer Meinung nach unsachliche und -qualifizierte Meinungsmache gegen die moderne Tierhaltung zu wehren.

Sie gehen nämlich nicht zu Unrecht davon aus, dass sie für eine Mehrheit der Bevölkerung weiterhin nachfragegerecht produzieren, auch wenn Politik und Medien jetzt grobes Geschütz auffahren. In der Tat machen nämlich 50’000 “Schwalben” vor dem Kanzleramt im Kampf gegen die Agrarindustrie noch keinen ökologischen Sommer. Otto und Ottilie Normalverbraucher im nördlichen Nachbarland betrachten billige Nahrungsmittel und vor allem Fleisch nach wie vor als Menschenrecht. Ansonsten wären die Discounter längst eingegangen. Wie dünn das politische Eis für ernährungstechnische Bevormundung ist, mussten die Grünen unlängst am eigenen Leib erfahren. Der nicht sonderlich radikale Vorschlag eines “Veggiedays” in deutschen Kantinen brachte ihnen harsche Kritik und mutmasslich umfangreiche Stimmenverluste ein. Im vergangenen Herbst wurde die Idee des fleischlosen Tages dann ziemlich sang- und klanglos wieder begraben, beziehungsweise schlecht verdaut ausgeschieden. (Unterste zwei Bilder: Tatjana Kren, Video: Thomas Wengenroth/stallbesuch.de)

Weideskilift (2): Der Traktor als Pistenbully

Januar 15, 2015

SkiliftDer heutige Tag wäre ideal geeignet, um den Einstieg in die Agrarpolitik ’15 zu nehmen. Der Bundesrat hat seinen Gegenvorschlag zur Ernährungssicherheitsinitiative des Bauernverbands präsentiert. Er gleicht praktisch wie ein Ei dem anderen dem Initiativtext, der augenfälligste Unterschied ist, dass der Bundesrat einen Artikel 102a und der Bauernverband einen 104a will. Für den Bauernverband ist das ein beachtlicher Erfolg, obwohl er in seiner Medienmitteilung natürlich nicht einfach uneingeschränkt zufrieden sein kann, das wäre politisch auch unklug.

Unter dem Strich bleibt mein Fazit unverändert: An der aktuellen Agrarpolitik wird sich mit dem neuen Artikel, so denn einer kommt, angesichts der schwammigen Formulierungen hüben wie drüben nichts ändern (müssen), womit sich die Frage in den Raum drängt, wozu die ganze Übung?

Antworten gerne in der Kommentarspalte, unterdessen präsentiere ich anstatt zu spekulieren lieber eine Fortsetzung des letzten Posts. Als Reaktion darauf hat mir Ueli Aeschbacher diese tollen Bilder von seinem Weideskilift geschickt, samt diesem aufschlussreichen Text:

Chruse-Lift in Kappelen in den Wynigenbergen:
Wir sind  14 Bauernfamilien (na gut 13 Bauernfamilien, mich zähle ich dann schon eher zu den Hobbybauern) mit 45 Kindern im Alter von 3 bis 13 Jahren in den Wynigenbergen welche vor ein paar Jahren einen Kleinskilift vom Typ Borer-Star angeschafft haben und ihn seither betreiben. Der Lift hat eine Länge von 200 m, die Seilführung ist freihängend mit Bügeln, ein sogenannter ‚Händschefrässer‘. Einen rund 40 Meter breiten Streifen entlang des Auftiegs präparieren wir mit einem Same-Traktor mit Doppelrädern vorne und hinten, vierfach mit Schneeketten ausgerüstet und am Front-Dreipunktanbau mit einer uralten Holzwalze ausgerüstet. Erstaunlicherweise klebt der Schnee am Holz nicht und wir schaffen es immer, eine tolle Piste herzurichten. Letzte Woche hatten wir bereits 6 sehr schöne Skitage und dies auf 800 müM. Im Sommer grasen auf der Piste OB-Mutterkühe und Lamas. Der Name Chruse-Lift stammt von der Liegenschaft auf dem Bild ersichtlich (Anm. dies ist mein Zuhause).  Die Ortsteil heisst Kappelen in der Gemeinde Wynigen. Der Lift lief bis 2011 in Valchava im Münstertal.

Ganz herzlichen Dank, lieber Ueli, eine schöne Geschichte. Wünsche Euch, dass Ihr die Holzwalze heuer (und in den kommenden Jahren) noch ein paarmal ausfahren könnt! (Bilder: Ueli Aeschbacher)
Skilift2

 

 

 

Schwungvolle Hommage an den Weideskilift

Januar 5, 2015

Top of the LiftEs guets Nöis, liebe Leserinnen und Leser! Es ist noch etwas früh im Jahr für Agrarpolitik, drum zum Auftakt etwas fürs Gemüt: Voralpenskilifte auf landwirtschaftlichem Dauergrünland, von rührigen Engagierten gepflegte Überlebenskünstler im Kampf gegen den Klimawandel.

Übers Neujahr hat’s unsereinem ins Appenzell verschlagen. Das erwies sich als Glücksfall. Es schneite wie fürs Guinessbuch und das bedeutete unerwartet rassige Saisoneröffnung an den Liften in Oberegg, Heiden und Grub. Ich habe alle drei getestet: Es waren Traumverhältnisse. Pulver gut, manchmal mit etwas Grasnarbe oder ein paar Steinen, aber das gehört dazu zum Feld-, Wald- und Wiesenskilift.

AuslegeordnungDazu überall sehr nette Bedienung mit überreichtem Bügel und Verpflegungsmöglichkeiten, eine Wirtschaft ist selten fern im Appenzell und in Heiden gab’s sogar eine Skiliftkappe zu kaufen. Mit der mache ich jetzt Reklame, allerdings nützt es grad nicht so viel, weil die Saison zumindest vorläufig leider schon wieder vorbei ist. Der unnötige Regen vom letzten Wochenende hat der Schneepracht in allen drei Gebieten den Garaus gemacht, hoffen wir, dass die Traumtage um Sylvester nur der Anfang einer Topsaison waren!

Sonne im LiftDer Lift in Heiden: Hart an der Nebelgrenze.

JumpImmer schön: Bauernhof auf der Piste.

Toddlers on SkiVoralpenskiarenas sind ideales Territorium für Familien, zum Beispiel hier in Grub.

StacheldrahtWer braucht da hochalpines Naturspektakel? Stacheldraht ausser Dienst in Oberegg.

Perlentauchen (2): Ganz Kuh fürs Ganz Jahr

Dezember 23, 2014

Kalender1(New: English translation below.)
Gerne vergisst man ja, sich selber etwas zu schenken zu Weihnachten. Da hätte ich jetzt was ganz Schönes: Der Kalender “Ganz Kuh” aus dem Faro Verlag. Der Wandbehang erfreut nicht nur während 12 Monaten mit dekorativen Kuhbildern sondern tut ganz nebenbei auch noch Gutes für die behornte Kuh. 5 Franken vom Kaufpreis gehen an die Inititanten des Volksbegehrens “Für die Würde der landwirtschaftlichen Nutztiere” der IG Hornkuh, für welches jetzt Unterschriften gesammelt werden.

Kalender2Die Volksinitiative verlangt Direktzahlungen für horntragende Kühe oder in Bundesbeamtendeutsch: “Er (der Bund, Red.) fördert mit wirtschaftlich lohnenden Anreizen Produktionsformen, die besonders naturnah, umwelt- und tierfreundlich sind; dabei sorgt er insbesondere dafür, dass Kalender3Halterinnen und Halter von Kühen, Zuchtstieren, Ziegen und Zuchtziegenböcken finanziell unterstützt werden, solange die ausgewachsenen Tiere Hörner tragen.” Das Begehren hat im Gegensatz zu zahlreichen anderen Initiativen, die gegenwärtig die Administration beschäftigen Horn und Fuss und ist deshalb durchaus unterstützungswürdig.

Bestellen kann man/frau das bildstarke Werk von Fotograf Philipp Rohner und Martin Ott bei Alfred Schädeli (alfred.schaedeli@fibl.org) zum Preis von Fr. 28.- (zuzüglich Versandskosten). Ein Exemplar gibt es hier als Geschenk, aber natürlich nur, wenn die Wettbewerbsfrage richtig beantwortet wird. Diese lautet wie folgt: Wie viele der rund 600’000 Milchkühe erreichen in der Schweiz das 10. Altersjahr? Ich wünsche viel Glück beim Raten. Ein kleiner Tipp: es sind weniger als die Hälfte, leider.

And a little translation for english speaking participants: To win this beautiful calendar, you have to guess how many of the 600’000 Swiss milk cows reach their 10th anniversary. It’s clearly less than 50% unfortunately. If you want to buy the calendar, please contact alfred.schaedeli@fibl.org. The price is 28 Swiss franks (plus shipping). 5 franks go to the Swiss Horncow Initiative, a political movement that collects signatures for a popular vote on direct payments for cows with horns (ca. 90% of Swiss cows are de-horned when approx 3 week old calves).
GanzKuhKalender2015_cmyk


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