Archive for the ‘Tierschutz’ Category

Phosphatprobleme im holländischen Hinterland

Mai 31, 2016

Demo2Interessante Begegnung heute im holländischen Hinterland: Wir sind mit ENAJ, dem europäischen Agrarjournalistennetzwerk unterwegs, Anlass ist das informelle EU-Agrarministertreffen in Holland, das derzeit die Union präsidiert. Teil des Programms ist die Besichtigung des Milchbetriebs von Rick und Joke Lagendijk in Diessen, eine halbe Stunde südlich von Eindhoven.

Demo4Sie haben letztes Jahr einen Stall für 250 Kühe fertiggestellt, Kosten pro Kuhplatz 6000 Euro (inkl vier Lely-Roboter), hoher Kuhkomfort im Kompoststall als Ziel, täglich Weide bei anständigem Wetter und eine jährliche Milchmenge von 1,7 Mio Kilo, die zum Grossabnehmer Friesland Campina geht.

Der Besuch war ausgesprochen interessant, man erfuhr viel als Schweizer in der Milchkrise. Auch in Holland ist die Lage angespannt, der Milchpreis der Lagendijks liegt derzeit bei 25 Cent, vor Jahresfrist waren es gut 10 Cent mehr. Man spürt in der EU die gestiegene Produktionsmenge, nachdem im April 2015 die Quoten aufgehoben worden waren.

Übertrieben jammern über die Preissituation mag der Bauer allerdings nicht, man ist sich in der niederländischen Pampa den rauen Wind des Markts gewohnt. Wer hier überleben will, muss in guten Zeiten vorsorgen, das war letztes Jahr mit Produktionskosten von 31 Cent pro Kilo möglich, heuer zehrt man von den Reserven.

Was Lagendijk deutlich stärker belastet, ist ein anderes Problem. Die Niederlande haben einen notorischen Nährstoffüberschuss, nicht sehr überraschend, angesichts der Intensität mit der hier produziert wird. Lagendijks sind dafür mit potenziell 250 Kühen auf 56 Hektaren Land ein gutes Beispiel.

Die hohe Nährstoffbelastung sorgt für Druck aus der EU und aus dem eigenen politischen Überbau. Konsequenz: Holland muss das Nährstoffaufkommen und in erster Linie die Phosphatbelastung senken. Deshalb hat die Regierung dekretiert, dass die Milchbauern nicht mehr Tiere halten dürfen, als am Stichtag 2. Juni 2015. Das hat viele Milchbauern auf dem falschen Fuss erwischt, weil sie letztes Jahr angesichts der Aufhebung der Quote tief in die Tasche griffen, um ihre Bestände aufzustocken.

Lagendijks sind ein gutes Beispiel: Statt der beabsichtigten 250 Kühe können sie derzeit nur 180 Stück halten. Die Konsequenz ist, dass sie die Kosten für den schönen Neubau nicht vollumfänglich amortisieren können.

Demo1Offenbar geht es zahlreichen anderen Bauern in der Gegend gleich, als nämlich der Konvoi mit den ebenfalls auf dem Betrieb weilenden EU-Ministern seine Rückreise antreten wollte, stellten sich diesem im strömenden Regen etwa 30 protestierenden Milchbäuerinnen und -bauern in den Weg. Sie beklagen sich, dass sie mit ungleich langen Spiessen gegen die Mitbewerber in der EU antreten müssen, haben doch die Kollegen in den Nachbarländern ungleich weniger scharfe Vorschriften bezüglich Nährstoffbelastung, wenn auch in gewissen deutschen Bundesländern durchaus reguliert wird.

Nach langem Hin- und Her wird schliesslich eine Delegation zu den Ministern in den Bus vorgelassen, damit sie ihre Klage deponieren können. Ändern wird sich die Situation erst wieder, wenn die Preise etwas höher steigen, wofür gemäss dem ebenfalls anwesenden CEO von Friesland Campina, Roelof Joosten erste Anzeichen bestehen. Dann nämlich werden es sich die Bauern leisten können, die horrend teuren Phosphorproduktionsrechte zu kaufen, mit denen man die Bestände ausbauen kann. Gegenwärtig gibt es keinen festen Preis, da kaum gehandelt wird, aber man rechnet mit rund 5-6000 Euro pro Kuhplatz.

Der Lösungsansatz ist typisch niederländisch. Im Sektor ist Intensitätsreduktion eigentlich nie ein Thema, vielmehr sucht man immer nach technischen oder wie in diesem Fall fiskalischen Lösungen, um die Landwirtschaft im Stadtstaat Holland zwischen einigermassen Nachhaltigkeits-verträglichen Leitplanken zu halten.Demo3

 

Obacht: Ganze Kuh (war) abzuholen

Dezember 24, 2015

Ganz KuhDer Jahreswechsel nähert sich im Galopp, bzw. wohl eher wir uns ihm. Höchste Zeit also, sich um datierten Wandschmuck zu kümmern. Ich empfehle für 16 den bewährten Kalender Ganz Kuh, bebildert vom fotografisch begabten Käser Martin Bienerth aus Andeer.

Natürlich habe ich ein Exemplar zu vergeben, das sobald wie möglich in die Vertikale möchte, vielleicht zu Dir?! Allerdings bräuchte es dafür noch einen kleinen Effort. Das ganze hat ja auch einen politischen Aspekt, sammeln doch rührige Hornfreunde um den Alpen-Zampano Armin Capaul seit längerem Unterschriften für die Hornkuhinitiative, wie es sich wahrscheinlich schon rumgesprochen hat.  Ein paar Tausend fehlen noch bis zu den verlangten 100’000 (aktueller Stand gemäss Website 86’557) und die Deadline Ende März ist nur noch eine Hornlänge entfernt. Mich würd’s freuen, wenn das Begehren zu Stande käme. Wenn man sieht was alles so unterstützt wird mit Bundesgeld, haben die Resthörner alleweil noch ein paar Fränkli verdient, zumal die komplette Kuh ja auch dem schwer kriselnden Tourismus sehr dienlich ist.

Item, wer mir als ersteR ein Föteli von einem möglichst vollen Unterschriftenbogen schickt (adimali@gmx.ch), kriegt den Wandschmuck gratis und franko. Bögen gibts zum Download hier. Wem das zu mühsam ist: Man kann den Kalender zum Solipreis auch bei den Initianten bestellen oder etwas günstiger beim Fona-Verlag. Viel Glück beim Sammeln!

PS. Zunächst mal ein gutes neues Jahr, liebe Leserinnen und Leser! Es hat eine Weile gedauert, bis die ganzen Kühe einen Abnehmer fanden, bzw. der Kalender abgeholt wurde. And the winner is, praktischerweise im eigenen Haushalt, Dimitri Krebs, ich gratuliere herzlich! Und der junge Mann hat noch nicht genug gesammelt, er ist grad damit beschäftigt, das geografisch weitherum beheimatete Publikum am Gymi mit Unterschriftenbögen einzudecken. Auch ein Stück Staatskunde natürlich, z.B. rauszufinden, dass es für jede Gemeinde einen anderen braucht. Was so eine Initiative nicht alles leisten kann. Es fehlen übrigens unterdessen nur noch knapp 10’000 Stück.
Dimi

Coopportunistischer Festtagsschweinebauch

Dezember 16, 2015

Fleisch CoopAn den Festtagen sitzt das Portemonnaie locker, man und frau gönnt sich namentlich was Fleisch angeht etwas Edles zur feierlichen Tafel, es ist ja nicht alle Tage Weihnacht. Interessant deshalb zu schauen, was unsere lieben Grossverteiler da so anpreisen, wie mir heute beim allwöchentlichen Hochgeschwindigkeitsdurchblättern der beiden Detailhandelspostillen aufgefallen ist.

Um es vorweg zu nehmen, Coop enttäuscht diesmal schwer. Ungeachtet der unbestrittenen Verdienste um das Tierwohl und das heimische Schaffen, welche die Basler bei jeder Gelegenheit noch so gerne ins grösstmögliche Schaufenster hängen, erhalten sie heute den Agroblog-Schwarzpeter für das schwächste Schweinebauch-Festtagsinserat 2015.

Das Schweinebauch-Inserat, sollte Ihnen, liebe LeserInnen dieser Begriff nicht geläufig sein, ist die Aktion gewordene Auswahlsendung, die Migros und Coop mal beschränkt auf eine Produktegattung, mal querbeet mit allem (deshalb Schweinebauch) sei’s in den eigenen Blättern oder in den Printmedien placieren. (Die NZZ, das nur am Rande bemerkt, kämpft bis heute umsonst um das Privileg, diese Rabattseiten an Bord zu holen, edle Positionierung hat manchmal auch ihre Schattenseiten).

Item, dieser Fleisch-Schweinebauch in der neuesten Coop-Zeitung enttäuscht schwer: Trotz heimischem Topangebot kommt das Rind aus Irland, das Kalb aus Frankreich oder vielleicht (wenn man Schwein hat) aus der Schweiz und das Lamm wie üblich aus very far Übersee. Das alles, vor allem bei Rind und Kalb zu satten um nicht zu sagen horrenden Preisen und ohne jegliche Label. Es lässt sich halt fast mit nichts so schön Marge bolzen, wie mit Importfleisch. Dass man dies mit Ausnahme des Schweines ausgerechnet zu den Festtagen so skrupellos durchzieht ist eine rechte Enttäuschung. Das, ich wiederhole mich gerne, ist Einkaufstourismus, der sich durch nichts unterscheidet von demjenigen der Tausenden von helvetischen Grenzpilgern, über die man sich bei den Grossverteilern zunehmend Sorgen macht.

Deutlich besser schneidet zumindest diesmal die Konkurrenz ab, welche mit Ausnahme des latenten Lamm- und Geflügelproblems (das auch Coop hat) durchwegs auf heimische Ware setzt. Selbst das knochengereifte Fleisch (ziemlich unnötiger Kult, scheint mir, aber offenbar trendig genug, um ihm in beiden Detailhandesblättchen je eine Seite zu widmen) stammt bei Migros aus dem TerraSuisse-Label, während bei Coop nichts deklariert ist, was erneut auf Import und Labelfreiheit schliessen lässt. Korrekturen wie immer willkommen, ein bisschen Reinwaschung könntet Ihr brauchen, werte Coopportunisten…

Fleisch Migros

PS. Hier noch eine kleine willkommene Ergänzung von Monika Schlatter, die regelmässigen Besucherinnen als talentierte Kuhfotografin bekannt sein dürfte. Sie hat mir untenstehendes Bild geschickt und dazu folgendes geschrieben: „Wenn Coop ausländisches Fleisch (wo bleibt dort wohl der Tierschutz…?) von weither „herankarrt“ und derart billig anpreist, wird der Konsument wohl nicht zum teureren Schweizer Fleisch greifen…“ Dem gibt’s nichts beizufügen, ausser vielleicht, dass es langjährigen Beratungsanstrengungen sei Dank doch einen gewissen Prozentsatz von Leuten gibt, die nichtsdestotiefpreis konsequent auf nachhaltiges einheimisches Schaffen setzen, danke Monika!
Monika

Ein Suppenhuhn als Sonntagsbraten…

September 12, 2015

Suppenhuhn…wär doch (wieder) mal was, oder? Dieses Modell stammt von den Fiechter-Sisters, die jeden Freitag auf dem Helvetiaplatz und jeden Samstag in Oerlikon, beides in Zürich zu Markte fahren mit ihren Fleischspezialitäten. Hier sieht man das Huhn in den Töpfen von Frau James vom Reverbmusicblog, die mehr kann als über Sound schreiben!

Das Suppenhuhn ist ja nicht nur lukullisch sondern auch politisch korrekt. Pro Jahr sollte jedeR Eieresserin eins verzehren, es lohnte sich bisher noch jedesmal.

Dieser Post ist übrigens so etwas wie die Fortsetzung der 2012 hier lancierten Aktion „Suppenhuhn in Action“. Hier geht’s zum Post samt ein paar Backgrounds zum Hühnervogel.

Einen Guten Appetit allerseits! (Bild Helen James)

PS. Herzlichen Dank für diese Ergänzung samt Hühnerwurstbild zum Beitrag von Thomas Muff aus Härkingen!
„Wir sind hier im Einfamilienhausquartier und halten uns unsere 4 – 6  Hühner, auf Ostern brüten wir gerne unsere Küken selber aus. Auch schon haben wir einen Güggel nachgenommen, aber als der Nachwuchs da war durfte er dann die Herde wechseln, war dann doch nicht so quartiertauglich…auf jeden Fall sein Geräuschpegel nicht. Nun ja, die Altehennen hatten wir bis anhin gekocht…als ein Kollege mich zu einem Wurst- und Rauchkurs mitnahm, entstand die Idee, die Althennen zu verwursten (Bratwurst). Dass sie platzsparender gelagert werden können, paarweise aufgetaut werden und einige Personen weniger Hemmungen haben das Fleisch zu essen sind nur ein paar der Vorteile aus meiner Sicht.“
Suppenhuhnwurstbild klein

 

VollMundiges Versprechen, plötzlich zeitlos

September 1, 2015

Migros vorherKleines Aperçu aus dem Plakatwald: Mit viel Getöse hat Migros vor gefühlten drei Jahren die Greening-Kampagne Generation M lanciert. Sie besteht aus 61 Versprechen an die Jugend. Unter anderem hat man Jay, dem Bub auf der Strohballe dannzumal im Weltformat die Einführung der hohen Schweizer Tierwohl-Standards auf allen tierischen Importen bis 2020 versprochen.

Seit einigen Tagen ist Jay wieder stark präsent auf den Plakatwänden. Er ist etwas gealtert, markiert keck den Jungbauer samt Hund und Kuh. Das Sprüchli ist aber im Kern unverändert. Ausser zwei kleinen aber wichtigen Details: Die Jahreszahl fehlt und statt von „hohen Schweizer Tierwohl-Standards“ ist nurmehr von „Schweizer Tierschutz-Vorschriften“ die Rede.

Fazit: Offenbar ist man sich bei der Migros nicht mehr so sicher, ob das ambitiöse Ziel tatsächlich in den nächsten fünf Jahren zu erreichen ist, obschon man sich auf der Website unverändert optimistisch gibt. Dass sich die Verantwortlichen in der Migros-Zentrale am Zürcher Limmatplatz plakativ nicht mehr so weit zum Fenster raus lehnen mögen ist ein Indiz dafür, dass die Umstellung nicht so leicht zu bewerkstelligen ist, wie ursprünglich erwartet, was der Schweizer Landwirtschaft an sich kein schlechtes Zeugnis ausstellt.

Aber Obacht, für Euphorie besteht keinerlei Grund, sind doch die Schweizer Tierschutz-Vorschriften nicht berauschend, ich möchte daran erinnern, dass etwa im Rindermastbereich Auslauf-lose Vollspaltenbodenbuchten nach wie vor erlaubt sind, um nur ein Beispiel zu nennen. Deshalb braucht es für „hohe Tierwohl-Standards“ die Labels. Somit wird das Versprechen der Migros an Jay nicht nur punkto Zeitpunkt unverbindlicher, sondern auch inhaltlich verwässert.

Migros nachher

„Alpgeschichten“: Ein Juchz auf die Bergblogger

Juli 6, 2015

Hühner1Sie müssen jetzt nicht grad dem Tierschutz anläuten, liebe Leserinnen und Leser. Hier handelt es sich nicht etwa um eine neue Form der urbanen Qualhühnerhaltung sondern lediglich um eine Transportkiste, immerhin mit Aussicht. Sie hilft, die gefiederten Freundinnen und Eierproduzentinnen des Menschen auf die Alp zu transportieren. Die Menschen sind in diesem Fall Efraim und Martina.

SimmentalerliDie beiden bewirtschaften diesen Sommer (er zum wiederholten, sie zum ersten Mal) die Alp Steistoos der Familie Wampfler zwischen Lenk und Lauenen im Berner Oberland. Warum ich Ihnen das alles erzähle? Efraim (an den sich vielleicht einige erinnern, weil er mal mit diesem genialen Bild einen Preis im Agroblog-Wettbewerb abgezügelt hat) hat mir kürzlich wie folgt geschrieben:

 Hühner4„Ich gehe seit einigen Jahren im Obersimmental zBärg, dieses Jahr machen wir neben dem Käsen auch noch beim Alpgeschichten-Blog mit. Seit ein paar Jahren organisiert die Dachmarke Schweizer Alpkäse diesen Blog. Es ist eine schöne Art, Werbung für Alpkäse zu machen und die acht deutschsprachigen und zwei welschen Alpen zeigen dieses Jahr verschiedene Seiten der Alpwirtschaft auf. Da gibts Politisches (bei Haueter Christian von der Alp Morgeten zum Beispiel) aber auch einfach viele schöne (Kuh-)Bilder und Berichte aus dem Alltag zwischen dem Waadtland und Glarnerland. Ich finde: Wenn sich da Älpler schon die Mühe machen, den Laptop auf den Berg schleppen und mit den steifen Fingern über ihren Alltag berichten, dann solls doch auch von möglichst vielen Leuten gelesen werden. Darum rühre ich jetzt in meinem privaten und weniger privaten Umfeld ein wenig die Werbetrommel dafür. Magst du den Blog vielleicht auch deinen agrophilen Blog-Lesern schmackhaft machen? Irgendwo ein Plätzli für einen Link in einem Nebensätzli? Und falls man den Platz in deinem Blog mit einem Stück Käse oder einer Führung durch Stall und Käserei kaufen kann, da würden wir uns sicher einig…“

Dem gibt’s eigentlich fast nichts mehr beizufügen. Ausser, dass ich Ihnen liebe LeserInnen die Blogs sehr empfehlen und Dir Efraim natürlich herzlich danken möchte. Du kommst meiner letzthin in dieser Spalte waltenden Schreibfaulheit mit Deinem tiptoppen Text sehr entgegen und willst mir erst noch Käse dafür geben. Das freut mich natürlich und ich werde mir diesen gerne abholen. Ich bin ja als Journalist komplett unbestechlich, aber mit Alpkäse, sorry, lieber Presserat…

Ach ja, und da waren ja noch die Hühner, hier zur Beruhigung der allfällig erhitzten Gemüter noch das Bild nach dem Ausladen aus der Transportbox, da kannst selbst Du nichts gackern, Hansuli Huber, oder? Zwei von ihnen haben übrigens via Blogwettbewerb noch neue Namen erhalten: Fridah und Kokkoh. Als Preis gibt’s je ein Spiegelei. Das ist doch eine schöne Alpgeschichte.

Hühner2

 

„Wir haben es satt!“ vs. „Wir machen euch satt!“

Januar 21, 2015

Berlin3Alle Jahre wieder: Dieser Tage steht in Berlin die Grüne Woche auf dem Programm, heuer schon zum 80. Mal. Fast schon ähnlich traditionell ist die Demonstration „Wir haben es satt“, die am vergangenen Samstag ihrerseits das Fünfjährige feiern konnte.

Berlin5Wie in allen Lebensbereichen der aufgeklärten kapitalistischen Gesellschaften ist auch im Demonstrationsbereich Wachstum wichtig. Deshalb schätzten die Organisatoren, eine bunte Koalition von Bioverbänden, Tierschützern, Umweltschutzorganisationen und Freihandelsgegnern die Teilnehmerzahl grosszügig auf 50’000.

Berlin4Das mag etwas hoch gegriffen sein, aber es war nichtsdestotrotz eindrücklich zu sehen, wie viele Leute „es“ satt haben. Das Neutrum steht in erster Linie die Agrarindustrie und daraus primär die Massentierhaltung, die in letzter Zeit in Deutschland arg unter Druck geraten ist. Zur Mobilisierung beigetragen haben neben dem üblichen Grundrauschen von Tierschutzprotesten diverse Skandale (von denen mit Neuland einer auch ein IP-Label betraf), eine etwas gar marktschreierische Artikelserie in der „Zeit“ über multiresistente Keime („Die Rache aus dem Stall“) und das Tierhaltungsverbot gegen den skrupellosen Grossmäster Adrianus Straathof, ja so heisst der leider.

Berlin7Stark empört ist man in Deutschland in weiten Kreisen aber auch über die Verhandlungen zum Abkommen Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP), auch weil es die einheimischen Spezialitäten gefährden könnte, wie der Agrarminister kürzlich einräumen musste. Darin sehen viele Deutsche weit über das linke politische Spektrum hinaus einen weiteren Beweis für agrarimperialitische Ambitionen der USA, zu denen auch der weiterhin hohe Druck in Sachen GVO-Saatgut gezählt wird.

Wir haben es sattDass sich auch die Parteien, allen voran die Grünen diese wachsende Volksbewegung zu nutzen machen wollen, versteht sich von selber. Sie marschierten angeführt vom Co-Fraktionschef Hofreiter und Alt-Landwirtschaftsministerin Künast weit vorne in der Demonstration mit. Die Grünen haben als erste politische Formation erkannt, dass der Unmut über den Zustand der Land- und Ernährungswirtschaft weit über den linken Rand des politischen Spektrums hinausreicht. Und haben Erfolg damit. Ein klares Indiz dafür ist, dass mittlerweile nicht weniger als sechs von total 14 Landwirtschaftsministerinnen und -Ministern in den Bundesländern grün sind. Dazu kommen drei SozialdemokratInnen und eine Vertreterin der Linken.

Berlin9Im Nachgang zur Demonstration hat mir eine deutsche Kollegin verdankenswerterweise Zutritt zu einer gut gesicherten Veranstaltung der Grünen im eindrücklichen Parlamentarierbürogebäude Paul-Löbe-Haus verschafft. Dort wurde das Thema „Fleisch für die Welt?“ debattiert. Am Pranger standen in Reden und Workshops nicht nur die Billigexporte von Fleisch nach China und – derzeit aus politischen Gründen unterbunden – nach Russland. „Die Land- und Ernährungswirtschaft ist die einzige im Land, die es sich leisten kann teuer zu importieren (z.B. Bioprodukte) und billig zu exportieren“, sagte der Biolandwirt und Landwirtschaftssprecher der grünen Fraktion, Ostendorff. So etwas, ergänzte er, wäre in jedem anderen Sektor undenkbar.

Wir machen euch satt3In der Tat sind die Verhältnisse recht drastisch. Trotz den kriselnden Exportanstrengungen sind die Preise etwa für Schweinefleisch derzeit tief im Keller, für das Kilo Schlachtgewicht erhält der deutsche Mäster bei konstanten oder steigenden Futterpreisen noch 1.25 Euro, vor Jahresfrist lag dieser noch bei ebenfalls schon knapp kostendeckenden 1.80. Ähnlich prekär ist die Lage bei der Milch, wo derzeit flächendeckend unter 30 Cent pro Liter ausgezahlt werden. Hier droht mit der Aufhebung der EU-Milchquote per 1. April eine weitere starke Zunahme des Preisdrucks. Grossen Anteil an diesen Verhältnissen hat in Deutschland auch der auf Discount fixierte Detailhandel, wo Milch und Fleisch zu Schleuderpreisen über die Theke gehen. Er könne nicht verstehen, wieso sich die Bauern von der Agrarindustrie derart vor sich hinschieben liessen, sagte der ebenfalls anwesenden Biobauer und grüne nordrhein-westfälischen Landestagsabgeordneten mit dem markanten Namen Norwich Rüsse.

Wir machen euch satt1Das ist eine durchaus legitime Frage. Sie richtet sich an die konventionellen Grossmäster und -milchproduzenten, die in den letzten Jahren unter starkem ökonomischem Druck und gemäss dem Motto „wachse oder weiche“ massiv investiert und haben. Diese sind aber keineswegs bereit, die Grünen als Kampfgenossen zu akzeptieren. Stattdessen sind sie unter dem Leitspruch „Wir machen euch satt!“ schon am Samstagvormittag zu einer eigenen Demo aufmarschiert, um sich gegen die ihrer Meinung nach unsachliche und -qualifizierte Meinungsmache gegen die moderne Tierhaltung zu wehren.

Sie gehen nämlich nicht zu Unrecht davon aus, dass sie für eine Mehrheit der Bevölkerung weiterhin nachfragegerecht produzieren, auch wenn Politik und Medien jetzt grobes Geschütz auffahren. In der Tat machen nämlich 50’000 „Schwalben“ vor dem Kanzleramt im Kampf gegen die Agrarindustrie noch keinen ökologischen Sommer. Otto und Ottilie Normalverbraucher im nördlichen Nachbarland betrachten billige Nahrungsmittel und vor allem Fleisch nach wie vor als Menschenrecht. Ansonsten wären die Discounter längst eingegangen. Wie dünn das politische Eis für ernährungstechnische Bevormundung ist, mussten die Grünen unlängst am eigenen Leib erfahren. Der nicht sonderlich radikale Vorschlag eines „Veggiedays“ in deutschen Kantinen brachte ihnen harsche Kritik und mutmasslich umfangreiche Stimmenverluste ein. Im vergangenen Herbst wurde die Idee des fleischlosen Tages dann ziemlich sang- und klanglos wieder begraben, beziehungsweise schlecht verdaut ausgeschieden. (Unterste zwei Bilder: Tatjana Kren, Video: Thomas Wengenroth/stallbesuch.de)

Perlentauchen (2): Ganz Kuh fürs Ganz Jahr

Dezember 23, 2014

Kalender1(New: English translation below.)
Gerne vergisst man ja, sich selber etwas zu schenken zu Weihnachten. Da hätte ich jetzt was ganz Schönes: Der Kalender „Ganz Kuh“ aus dem Faro Verlag. Der Wandbehang erfreut nicht nur während 12 Monaten mit dekorativen Kuhbildern sondern tut ganz nebenbei auch noch Gutes für die behornte Kuh. 5 Franken vom Kaufpreis gehen an die Inititanten des Volksbegehrens „Für die Würde der landwirtschaftlichen Nutztiere“ der IG Hornkuh, für welches jetzt Unterschriften gesammelt werden.

Kalender2Die Volksinitiative verlangt Direktzahlungen für horntragende Kühe oder in Bundesbeamtendeutsch: „Er (der Bund, Red.) fördert mit wirtschaftlich lohnenden Anreizen Produktionsformen, die besonders naturnah, umwelt- und tierfreundlich sind; dabei sorgt er insbesondere dafür, dass Kalender3Halterinnen und Halter von Kühen, Zuchtstieren, Ziegen und Zuchtziegenböcken finanziell unterstützt werden, solange die ausgewachsenen Tiere Hörner tragen.“ Das Begehren hat im Gegensatz zu zahlreichen anderen Initiativen, die gegenwärtig die Administration beschäftigen Horn und Fuss und ist deshalb durchaus unterstützungswürdig.

Bestellen kann man/frau das bildstarke Werk von Fotograf Philipp Rohner und Martin Ott bei Alfred Schädeli (alfred.schaedeli@fibl.org) zum Preis von Fr. 28.- (zuzüglich Versandskosten). Ein Exemplar gibt es hier als Geschenk, aber natürlich nur, wenn die Wettbewerbsfrage richtig beantwortet wird. Diese lautet wie folgt: Wie viele der rund 600’000 Milchkühe erreichen in der Schweiz das 10. Altersjahr? Ich wünsche viel Glück beim Raten. Ein kleiner Tipp: es sind weniger als die Hälfte, leider.

And a little translation for english speaking participants: To win this beautiful calendar, you have to guess how many of the 600’000 Swiss milk cows reach their 10th anniversary. It’s clearly less than 50% unfortunately. If you want to buy the calendar, please contact alfred.schaedeli@fibl.org. The price is 28 Swiss franks (plus shipping). 5 franks go to the Swiss Horncow Initiative, a political movement that collects signatures for a popular vote on direct payments for cows with horns (ca. 90% of Swiss cows are de-horned when approx 3 week old calves).
GanzKuhKalender2015_cmyk

Die Kälber sind die neuen Hähne

Juli 20, 2014

Schwarzbuntes Closeup2Diese hübschen Close-ups von meiner treusten Kuhbildlieferantin laden geradezu ein zu etwas Schleichwerbung. Seit gut einem Jahr schreibe ich jetzt beim bioaktuell, dem Leader im Bioagrarmedienmarkt, der zugegebenermassen klein ist.

Mein letzter Artikel (das ganze Heft 6/14 findet sich bald hier) handelte von den Kälbern aus der Biomilchproduktion, die zu rund zwei Dritteln im konventionellen Kanal vermarktet werden. Warum ist das so? Der Hauptgrund: die Nachzucht der modernen Milchrassen – und hier kommen wir jetzt zu den Schwarzbunten – ist für extensive Mast, wie sie für Bio obligatorisch ist, unbrauchbar. Sie werden ohne massiven Milchpulverinput, wie er in konventioneller Kälbermast üblich und bei Bio verboten ist, schlicht nicht fleischig genug.

So weit wie in Neuseeland, wo solche für die Milchnachzucht nicht benötigten Kälber reihenweise und amtlich bewilligt direkt nach der Geburt getötet werden (hier ein interessanter Blogbeitrag eines Kollegen) sind wir in der Schweiz noch nicht. Eine Schwarzziffer gibt es, aber es ist sicher noch keine grosse Zahl von Kälbern.

Trotzdem zeigt das Phänomen der verschmähten Biokälber, dass die moderne Milchproduktion in diesem Punkt alles andere als nachhaltig ist. Das gilt auch für die konventionelle Mast von Milchtypen, die dafür nicht geeignet sind, da sie sehr hohen Futterinput benötigen. Wenn man nicht in die gleiche Bredouille geraten will, wie die Eierproduzenten mit den getöteten Eintages-Hähnen, sollte die Branche umgehend fleischbetontere Milchstiere einsetzen, damit würde man etwas Milch verlieren, könnte aber gleichzeitig ein potenzielles Reputationsrisiko entschärfen. (Bilder Monika Schlatter, besten Dank!)
Schwarzbuntes Closeup

Die unzichtbaren Schweine van Holland

Mai 24, 2014

L1000414Letzte Woche war ich in Holland für die sogenannte Innovative Pig Production Tour, organisiert von holländischen und belgischen Agrarjournalistenkollegen und dem neuen europäischen Verband ENAJ. Die Visite war interessant aber ernüchternd. Innovativ heisst in Holland in erster Linie effizienter und rationeller, Nachhaltigkeit bezieht sich ausschliesslich auf Ökonomie.

Sneak previewDie Tour führte uns durch die südlichen Regionen Brabant und Limburg, wo ein Grossteil der 12 Millionen holländischen Schweine lebt (zum Vergleich: 1,5 Mio. in der Schweiz). Das würde man aber nicht merken, wenn man’s nicht wüsste. Man sieht nichts, hört nichts und riecht (fast) nichts von den Tieren. Klar sind die zahllosen Ställe auffällig, aber es könnte gerade so eine ausgedehnte Gewerbezone sein, die sich über Dutzende wenn nicht hunderte von Quadratkilometern erstreckt, wobei es den Holländern recht gut gelingt, ihre industrielle Tierhaltung mit Alleen, Baumgruppen, Wasserflächen, dekorativen Ponys und gepflegten Backsteinhäuschen zu kaschieren.

Agroblogger and pigGeruchlich ist man weitgehend abgeschottet von den Realitäten, da die Ställe, zumindest die Neueren und das sind die meisten, obligatorisch mit Luftwaschanlagen ausgestattet sein müssen, die nicht nur die Ammoniak- sondern auch die Feinstaubbelastung senken. Die Ställe, die wir besichtigt haben sind auch räumlich weitgehend abgeriegelt von der Aussenwelt. Aus hygienischen Gründen sind Besucher nur sehr restriktiv zugelassen und grössere Besuchergruppen wie die unserige, 25 Personen umfassende, sind logistisch praktisch nicht handlebar, da man vor dem Stallzutritt duschen muss.

WindowshotSomit ist man auf die Durchblicke von aussen angewiesen. Dazu bieten die 26 fürs Publikum zugelassenen Sichtställe (Zichtstal) Hand, beziehungsweise Auge. Was man da präsentiert bekommt ist nicht schockierend, aber auch nicht erfreulich. Haltung auf absolut minimalem Tierschutzniveau, unstrukturierte Buchten, kaum Beschäftigungsmöglichkeiten und – mit Ausnahme von Betrieben im Promillebereich – keine Einstreu.

Behind the windowEs geht mir nicht darum, die Holländer an den Pranger zu stellen. Ein Grossteil der Schweizer Schweine lebt unter ähnlichen Bedingungen, im EU-Vergleich ist das Haltungsniveau in Brabant, Limburg und Gelderland eher überdurchschnittlich. Was mich frappierte waren die Dimensionen, zwar kannte man die Verhältnisse aus Erzählungen und Fachmedien, aber wenn man dann vor einer Batterie von 90 Meter langen, fensterarmen bzw. -losen Hallen steht und weiss, dass darin Tausende von Schweinen gezeugt, ausgetragen, geboren, gesäugt und gemästet werden, dann ist das schon eindrücklich bis schaudererregend, selbst für einen Abgebrühten wie mich. Economies of scale am lebenden Objekt mit nüchternem Fokus auf Effizienz und Rentabilität – industrielle Landwirtschaft eben. Da leben wir schon noch ein bisschen im Heidiland.
Wartestall