Perlentauchen (1): Etwas für Fleissige

Dezember 16, 2014

LandwirtschaftGuten Abend, es weihnachtet ja sehr und deshalb will man sich als Blogger auch nicht lumpen lassen. Heute gibt’s hier ein Geschenkli, nämlich dieses Buch von Fotograf Markus Bühler-Rasom namens schlicht und einfach “Landwirtschaft Schweiz“.

Das stattliche Werk vereint auf 288 Seiten knapp 200 Bilder Bühlers. Ich hab’s durchgeblättert und es hat sich gelohnt. Die Spannweite der Schweizer Landwirtschaft ist einfach schon enorm. Man findet Trachtenfrauen, Freaks, UnternehmerInnen, Romantiker, Bastler, Schwinger, Kräuterfrauen- und Männer, eine Hufpflegerin, Waldarbeiter usw. und so fort. Insgesamt ein flottes Panoptikum des Primärsektors.

Sehr geeignet ist dieses Buch auch für Leute, die das Landvolk im Verdacht haben, betuliche Subventionsbezüger zu sein, es wird recht eindrücklich widerlegt, dieses Vorurteil, auch wenn die Bilder nicht bewegt sind.

Deshalb sind jetzt auch in diesem kleinen Wettbewerb die Fleissigen unter Ihnen gefragt. Das Buch kriegt nämlich, wer als ersteR rausfindet, der wievielte Beitrag in diesem Blog dies ist. Etwas sei verraten, es sind ein paar mehr als “Landwirtschaft Schweiz” Seiten hat. Viel Glück!

Das Agrar-Bannwäldchen trotzt dem Wandel

Dezember 5, 2014

Auflageentwicklung AgrarpresseOft wird die Zeitungslandschaft als Bannwald der Demokratie gepriesen. Wenn man bei diesem Bild bleiben will, so bildet die Agrarpresse einen kräftiges Bannwäldchen über dem Schweizer Landwirtschaftsidyll, das sich gerade wieder sehr robust gezeigt hat gegen jegliche Sparversuche der weniger bäuerlich gesinnten Politikerinnen und Politiker.

Dieses Bannwäldchen ist nicht nur nach wie vor artenreich sondern auch ziemlich vital, wenn man die Auflagenentwicklung mit derjenigen im publikumsmedialen Bannwald vergleicht, wo einige markante Bäume ziemlich in Schräglage geraten sind, wie obenstehende Tabelle zeigt, wobei die NZZ das etwas bessere Abschneiden vor allem einer Gratisauflage von gut 15’000 Exemplaren oder 12,4 Prozent zu verdanken hat (Tagi 5,1%).

Aber zurück ins landwirtschaftliche Bannwäldchen, dessen Florieren angesichts des ungebrochenen Strukturwandels in der Landwirtschaft umso bemerkenswerter ist. Hier bleibt die “Tierwelt”, kein klassischer Landwirtschaftstitel zwar, aber auf Bauernhöfen gut vertreten, unangefochtener Leader. Die Auflage hat nicht sehr gelitten, deutlich schmerzhafter dürfte hier der am reduzierten Seitenvolumen ablesbare Inseraterückgang sein, auch auf dem Land wandern die Anzeigen ins Internet ab.

Die beiden grossen Wochentitel haben unterschiedliche Entwicklungen hinter sich. Der “Schweizer Bauer” konnte vor zwei, drei Jahren die “BauernZeitung” überholen, die vermutlich noch etwas leidet unter dem Strukturwandel in der Milchwirtschaft und dem Rückgang der früher üblichen Genossenschaftsabos. Insgesamt sind sie nun etwa gleich auf, eine schöne Ausgangslage für einen sportlichen Konkurrenzkampf.

Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung beim “St. Galler Bauer”, der seine Auflage in den letzten acht Jahren um gut 10 Prozent auf 12’133 Exemplare steigern konnte, bei noch rund 3’500 direktzahlungsberechtigten Betrieben. Da hat man es offensichtlich geschafft, dem Strukturwandel ein publizistisches Schnippchen zu schlagen, ähnlich wie die Westschweizer Publikation “Terre et Nature”, die ihre Leserschaft erfolgreich weit über die bäuerlichen Kreise hinaus erweitert hat (und rund 10 Prozent der Exemplare am Kiosk absetzt), was kein leichtes Unterfangen ist.

Zur Erklärung vielleicht noch warum ausgerechnet die Zahlen von 2006: Es sind die ältesten im WEMF-Archiv verfügbaren Auflagebulletins.

Tanzania Tales (2): Masters of the Mobilephone

November 28, 2014

Telephone MastressNeu ist das ja nicht, aber doch immer wieder spannend zu sehen: Das Mobiltelefon hat in Afrika einen längst noch nicht abgeschlossenen, aber schon sehr imposanten Siegeszug hinter sich. In Nordtansania ist das Netz auch im hintersten Krachen am Fusse des Kilimandjaro besser als vielerorts auf der Eisenbahnstrecke Bern-Zürich, und Totalausfälle wie man sie in der Schweiz immer wieder mal erlebt gibt es in Tansania schon gar nicht, was man von der Elektrizität nach wie vor keineswegs behaupten kann, Stromausfälle sind an der Tagesordnung.

Das Handy ist für die Menschen (wie hier für diese Mitarbeiterin von Quality Food Products in Arusha) nicht nur täglicher Begleiter, sondern auch ein Hilfsmittel für die Organisation des Alltags. Die vermutlich wichtigste Neuerung ist das Zahlungssystem M-Pesa, welches von einer kenyanischen Telecomfirma in Zusammenarbeit mit Vodafone bzw seiner afrikanischen Tochter Vodacom entwickelt worden ist. M steht für Mobile, Pesa für Bargeld (in Swahili). Das System ermöglicht Bargeldtransfers ohne dass man über ein Bankkonto verfügen müsste. Das ermöglicht zahlreichen BürgerInnen, die bis anhin vor allem wegen Finanzknappheit sowie fehlenden Bankfilialen oder Geldautomaten keinen Zugang zum Banksystem hatten, ihre Geschäfte bargeldlos abzuwickeln.

Als “Bank” fungiert die Telefongesellschaft. Kioske (siehe Bild unten, das M-Pesa-Logo ist rechts erkennbar), Tankstellenshops und Supermarkets übernehmen die Rollen der Filialen. Dazu braucht es kein Smartphone oder App, denn damit sind die AfrikanerInnen eher noch dünn ausgestattet. SMS genügt. Will zum Beispiel ein Sohn in der fernen Stadt einen Betrag an seine Eltern überweisen muss er nach einmaliger Registrierung in einer der zahllosen Filialen mit einer Einzahlung daselbst dafür sorgen, dass genug Geld auf seinem Konto ist und kann dann via Telefon mit ein paar einfachen Eingaben Geld überweisen, abgesichert ist die Transaktion mit einer PIN. So bezahlt man in Afrika unterdessen auch Gasrechnungen, Schulgebühren und Flüge.

Aber natürlich auch Düngemittel, Kühe und Futter, M-Pesa ist ein ganz wichtiges Hilfsmittel für die Kleinbauern, die weder über Transportmittel noch liquide Mittel für längere Reisen verfügen. Mit Hilfe von M-Pesa erhalten sie eine Möglichkeit, am Wirtschaftssystem teilzunehmen. Das alles funktioniert natürlich nicht auf wohltätiger Ebene, die Betreiber finanzieren sich über ein Abschöpfung von rund 1 Prozent der Summe auf den Transaktionen.

Daneben gibt es weitere spannende Beispiele für die Segnungen der Mobiltelefonie in der Landwirtschaft. Dazu gehört die Information über Marktpreise. Oft variieren die Preise auch in Gebieten von bescheidener Grösse stark. Ein SMS mit den Tagesnotierungen auf 50 Märkten kann da viel zusätzlichen Ertrag bewirken.

M-Pesa-Kiosk

Tanzania Tales (1): Massai Ferguson

November 20, 2014

Massai Ferguson

Vergangene Woche hatte ich das Glück, an einer von IFAJ und Agriterra organisierten Agrarreise durch Tansania teilnehmen zu dürfen. Es war toll, eine wunderbare Truppe, super Novemberwetter, nette Gastgeber und eine landtechnische Reise zurück in die Jugend. Der MF 135 (Allrad) war damals im Emmental das Standardprodukt und der erste Traktor auf dem ich Gas geben durfte, während der 165er den Flachlandgrossbauern vorbehalten war.

Heute sind sie längst von unseren Äckern verschwunden, in Tansania findet man die beiden Schlachtrosse aber unbeirrt im Einsatz, wie diese Bilder zeigen. Der untere ist zwar nicht mehr gut angeschrieben, aber es dürfte sich dabei um einen 135-er handeln, Spezialisten mögen mich korrigieren.

Zu den Massey Fergusons in Ostafrika gibt es eine lustige Geschichte: Die Massai sind nicht nur traditionsreiche und stolze Rinderzüchter, sondern offenbar auch grosse Anhänger der ebenso traditionsreichen Traktormarke deren Wurzeln bis ins Jahr 1847 zurückreichen. Deshalb heisst der in Tansania weit verbreitete Schlepper im Volksmund Massai Ferguson. Als mir jemand diese Anekdote erzählte dachte ich, wow, wenn jetzt ein Massai käme auf einem MF, das wär cool, 10 Minuten später wars soweit, ein Viertel des Traktors ging wegen nervösem Kamerahandling verloren, aber das wichtigste war ja der Massai auf dem Massey. Die Massai tragen übrigens passend zum motorisierten Untersatz aus Autopneus gefertigte Sandalen.

MF3Damit nun nicht der falsche Eindruck entsteht, es verkehrten in Tanzania nur die beschriebenen Modelle hier noch zwei Gegenbeispiele. Ein neuerer MF Typ 375 auf einem Kalenderblatt…

MF4…und ein ebensolcher im Strasseneinsatz. Insgesamt sind die Antiquitäten aber zahlenmässig immer noch deutlich im Vorsprung.

MF2

Eingesandtes (2): Loiretal-Appenzell-Georgien

November 12, 2014

Loiretal2Das hier ist jetzt wieder altbewährt: Eingesandtes aus dem Reich der vorzugsweise behornten Kuh. Top-Korrespondentin Monika Schlatter schickte mir dieses Exemplar aus dem Loiretal mit folgendem Kommentar: “Kürzlich verbrachten wir eine Woche an der Loire und haben dabei ausser Schlössern und Gärten auch Kühe angetroffen. Die beigefügten Fotos sind aus Villandry.Was es für Kühe sind, weiss ich leider nicht – sehr befremden tun mich die ‘halben’ Hörner.”

In der Tat ein merkwürdiges Bild diese Hörner. Ich wusste auch nicht recht weiter. Zum Glück gibt’s noch Twitter, wo Aufklärung durch den Experten Thomas Mc Alavey auf dem Fuss folgte:

Da sind wir froh, gibt es noch die heile Welt im Appenzell, wo Monika kurz darauf weilte und irgendwo zwischen Waldstatt und St. Peterzell fündig wurde, dort wo die Kirche noch mitten im Dorf steht (links von der Telefonstange) und die Kühe noch einen Muni dabei haben.
Appenzöll

Dazu als kleiner Kontrast noch ein letzter Helgen von meinem Kumpel und Waldreiseunternehmer Georg, der zum Glück zugunsten eines guten Kuhbilds ab und zu auch den Wald verlässt. Er präsentierte mir den untenstehenden Helgen in Rätselform. Ich tippe schwer auf Georgien, wo er kürzlich weilte, aber die Lösung steht noch aus. Bei Bedarf korrigiere ich nach. Danke den FotoreporterInnen und dem Experten! (Bilder Monika Schlatter, Georg von Graefe)
Georgien

Eingesandtes (1): Bauland aus Bauernhand

November 8, 2014

bauland_web designedIn vielen Blättern gibt es das schöne Autorenkürzel (einges.). Dabei handelt es sich nicht etwa um Ernst Ingo Gessler oder eine andere Persönlichkeit, sondern um die Abkürzung für “eingesandt”. Das gibt es neuerdings auch im Agroblog.

Dieser Tage erreichten mich besorgte Zeilen eines Naturfreunds, der sich über eine Medienmitteilung des Schweizer Bauernverbands aufregte. Diesen Beitrag will ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser nicht vorenthalten:

Der Schweizer Bauernverband will die Ernährungssicherheit in die Bundesverfassung aufnehmen. Dafür hat er eine Volksinitiative eingereicht. Dann das Kulturland muss vor Gewässerräumen und Buntbrachen verschont werden (damit noch mehr Überschüsse produziert werden können). Gleichzeitig gibt der SBV der Bauernschaft den Tipp, bei Kulturlandverkäufen noch etwas zuzuwarten, weil in Kürze via parlamentarischen Weg beim Kulturlandverkauf die Steuern optimiert werden können. Eine nicht mehr zu überbietende Doppelmoral.

Damit trifft der Einsender tatsächlich einen wunden Punkt in Brugg. Im Stile von Wanderpredigern prangern die Vertreter des Bauernverbands bei jeder Gelegenheit den Kulturlandverlust an. Tunlichst vermeidet man aber, die Mitverantwortung der bäuerlichen Landverkäufer (und -überbauer) für die Zersiedelung zu thematisieren; im Gegenteil, man gibt ihnen sogar noch Tipps, wie sie unersetzbare Grundlage ihres Berufsstands möglichst gewinnbringend verscherbeln bzw. vergolden können. Das ist unter dem Aspekt der Interessenvertretung nachvollziehbar, aber es macht sich einfach extrem schlecht, wenn man sich mit erhobenem Zeigefinger der einen Hand tagein tagaus über das Schäufelchen der anderen beschwert, während man stets selber die andere Hand am Bedienungshebel für den Baggerarm hat. Dass dann in Leserbriefen und anderen bäuerlichen Protestkundgebungen die Gewässer-Renaturierungen und Ökoflächen als Sündenböcke hinhalten müssen ist eine groteske Verdrehung der tatsächlichen Probleme. (Bild Rus2Swiss Immobilien, Bearbeitung durch Red.)

Nachwachsende Zugkraft: sauber, schön, still

Oktober 29, 2014

Rossarbeit2Neulich weilte unsereinem für einen Artikel über Pferdearbeit im Bernbiet. Das ist ja an sich schon ein gutes Setting, dazu kam noch das Wetter und ein sehr netter Empfang im Dieterswald bei David Michel, ein recht perfekter Vormittag war das.

Jungbauer Michel ist erst 28 und ein pragmatischer Pionier der modernen Pferdearbeit. Er entwickelt zusammen mit seinem deutschen Kollegen Christoph Schmitz, einem Tüftler par excellence neues Gerät ohne Aufbaumotor. Man stelle sich zum Beispiel vor: eine Rundballenpresse mit Antrieb von einer einzigen Achse am Vorderwagen. Nicht schlecht. Wer’s nicht glaubt möge diese Facebookseite ein bisschen genauer unter die Lupe nehmen, dort gibt’s ein Filmli dazu.

Mir gefällt, wie Michel ohne viel Aufhebens und ideologische Scheuklappen zurückgekehrt ist zu einer reduzierten Motorisierung, die zwar in der heutigen Zeit, wo ein 100-PS-Traktor als mittelgross gilt, ein bisschen exotisch wirkt, aber so ziemlich ideal den Anforderungen an eine nachhaltige Landwirtschaft entspricht.

Rossarbeit5Wenn man übrigens bei Michel genau hinschaut, sieht man noch einen 30-jährigen Laverda-Hangmähdrescher im Wagenschopf. Das sei eines seiner Hobbys, meint er verschmitzt lächelnd. Das zeigt auch, dass der Pferdearbeit Grenzen gesetzt sind, die die Wiederentdecker des Hafertraktors bestens kennen und für solche Fälle gerne auf das bewährte Werkzeug zurückgreifen. Das gilt übrigens auch für ihre Pferdegeräte, dort profitiere man von der jahrzehntelangen Arbeit grosser und kleiner Landmaschinenfirmen, sagt Michel. Die nebenstehende Sämaschine ist ein gutes Beispiel dafür.

Gefreut war auch, wie Michel mit seinen Pferden umgeht. Eingespannt waren am Pflug, ein antikes, aber noch immer sehr brauchbares Modell der Firma Althaus, Jurek (rechts) und Princess. Beide charakterisierte der Pferdebauer mit träfen Worten. Er weiss haargenau, wie und wo er sie einsetzen kann, was ihre Mödeli sind und ihre Stärken. Nach getaner Arbeit sagt er ihnen merci. Ich auch, danke für den interessanten Besuch! (Bild mitte pferdezugtechnik.de) Rossarbeit4a

Was im Nestlé alles so ausgebrütet wird

Oktober 23, 2014

L1010109Letzte Woche habe ich wieder mal den “Blick” gelesen, und es hat sich gelohnt. Mehr jedenfalls als die Lektüre des Schwesterblatts, die ich mir unterdesssen als Pendler fast allabendlich zumute.

Das Interview mit Hans Jöhr, Head of Agriculture von Nestlé, enthält ein paar aufschlussreiche Aussagen, die zeigen, wie der Multi tickt, und das ist für die Bauern auch in der Schweiz nicht uninteressant.

Hier ein paar markige Worte des 59-jährigen Managers, der aus dem Bernbiet einst nach Brasilien auswanderte, um dort den Traum vom Farmen zu realisieren. Danach machte er den Dr. der Wirtschaftswissenschaften, gründete ein Beratungsbüro und wechselte schliesslich vor 14 Jahren zum Grosskunden der weltweiten Landwirtschaft. Dazu ein paar Kommentare.

Jöhr zur Landwirtschaft im Allgemeinen:
“Ich bin ein Bauersohn und war selber Bauer. So habe ich gelernt, wie viele Fehler man machen kann, wenn man nicht vorsichtig umgeht mit natürlichen Ressourcen wie Boden und Wasser. Wir haben teilweise grosse Fehler gemacht in der Vergangenheit. In vielen Ländern konnten wir aber eine Wende einleiten.”

Das sind bemerkenswert selbstkritische Bemerkungen, die man aus den Teppichetagen von Grossunternehmen selten hört. Allerdings gelingt es Jöhr dann mühelos, die übers Haupt gestreute Asche zu einem Lorbeerkranz zu formen.

Zur Korrektur der Fehler und zur Nachhaltigkeit als Exportschlager:
“Zusammen mit Fritz Häni, dem Vater von IP Suisse, habe ich Richtlinien für eine nachhaltige Landwirtschaft aufgebaut. Alle haben gesagt, das kostet zu viel und verlangten, dass wir einen Business Case entwickeln. Das haben wir dann getan. Wir haben Danone und Unilever ins Boot geholt und die Plattform für nachhaltige Landwirtschaft gegründet. Heute gehören über 60 der grössten Lebensmittelverarbeiter dazu. Das ist ein Exportschlager für die Schweizer Landwirtschaft. Wir haben die Nachhaltigkeit, die wir bei uns kennen in der ganzen Welt verbreitet.”

Ehrlich gesagt ist mir ein ziemliches Rätsel, wovon Jöhr hier spricht. Dieser Exportschlager ist mir noch nie begegnet und eine “Plattform für nachhaltige Landwirtschaft” mit dem geschilderten Hintergrund ist zumindestens im Internet nicht aktenkundig. Schade, dass der Blick-Mann hier nicht nachfragte.

Zu Fairtrade:
“Das ist nicht zwingend der richtige Weg. Man muss aufpassen, dass man nicht die Zertifizierer oder den Handel bezahlt, sondern dass das Geld wirklich zu den Bauern kommt.”

Gut gebrüllt, bäuerlicher Löwe, das sind wahre Worte aber würde in diese Aufzählung nicht auch Jöhrs Arbeitgeber gehören? Aber natürlich, wes Nescafé ich trink…

…und weiter auf die Frage, ob das bei Fairtrade nicht der Fall sei:
“Leider nicht unbedingt. Man kann sogar Armut zertifizieren mit solchen Labels.”

Zu den eigenen Handelsbedingungen für die Bauern:
“Letztes Jahr haben wir mit über 300’000 Bauern Ausbildungen gemacht. Das ist kein karitativer Beitrag, sondern wir befähigen die Bauern, bessere Qualität zu liefern. (…) Unter Umständen zahlen wir 30 oder 40 Prozent höhere Preise als der Markt.”

Das gilt allerdings nur für das eine Prozent Nespresso-Kapselkaffeeproduzenten, wie Jöhr etwas weiter unten einräumt. Gerade hier aber ist die Verarbeitermarge derart astronomisch, dass die Differenz zwischen Ladenverkaufspreis und Produzentenpreis etwa 6 mal grösser ist als beim durchschnittlichen konventionellen Kaffeehandel, ungeachtet der 30 bis 40 Prozent Zuschlag, die Jöhr erwähnt.
Zur Illustration die grobe Rechnung:
Nespresso: Füllmenge 5 Gramm pro Kapsel, Kapselpreis 50 Rappen -> Kilopreis Fr. 100.- , Produzentenpreis Fr. 5.60 (Weltmarktpreis von Fr. 4.-/kg plus 40% Zuschlag)). Differenz zum Produzentenpreis: Fr. 94.40.
Konventioneller Kaffee: Kilopreis Fr. 19.- (Migros, gehobenes Sortiment Caruso), Differenz zum Produzentenpreis: Fr. 15.-.
Soviel zum Thema Fairtrade bei Nestlé.

Jöhr zum Thema Gentech:
“Es kann ein Werkzeug sein. Wir gehen differenziert vor. Eine Technologie kann Vor- und Nachteile haben. Persönlich habe ich das Gefühl, dass Gentechnologie bereits überholt ist. Sowohl in der Pflanzenzucht wie bei der Tierzucht gibt es heute Methoden mit denen man den Bauern besser helfen kann.”

Das sich Jöhr derart klar distanziert von grüner Gentechnologie ist sehr interessant. Für mich ein klares Indiz, dass die Kosten-/Nutzenrechnung für ein Grossunternehmen mit GVO-Ware nicht aufgeht. Möglicherweise ist diese Aussage einer der Gründe, wieso das Interview sehr schnell wieder runtergenommen wurde bei Blick. Ich habe mich via Twitter beim Boulevardblatt nach der Ursache erkundigt, habe aber nie eine Antwort erhalten:

Schliesslich Jöhr zur biologischen Landwirtschaft:
“Bio kann für die Bauern eine gute Lösung sein, wenn die Konsumenten willens sind, die höheren Preise zu zahlen. In der Schweiz ist das der Fall. Man kann nicht ein Rezept aus der Schweiz oder aus Westeuropa auf die ganze Welt anwenden und sagen, es müsse alles Bio werden. Die biologische Landwirtschaft braucht mehr Ressourcen. Zudem ist sie sehr wissensintensiv, in Ländern mit vielen Analphabeten funktioniert sie nicht.”

Da muss ich nicht nur berufeshalber widersprechen, erstens sagt niemand, es müsse alles Bio werden (mit 50 Prozent wären wir schon recht zufrieden…), zweitens braucht die biologische Landwirtschaft zwar pro Ertrag mehr Ressourcen, geht aber mit diesen so schonend um, dass sie verwendbar bleiben und drittens funktioniert sie bestens mit Analphabeten, wie zahlreiche Produzenten und Projekte in Entwicklungsländern täglich beweisen. Die Aussage von Jöhr zeigt, dass Multis wie Nestlé Anbauvorschriften, die sie nicht selber diktieren, ein Dorn im Auge sind, da sie mit einem gewissen Kontrollverlust über die Bauern einhergehen. Das soll wiederum nicht heissen, dass sie es grundsätzlich schlecht meinen mit den Produzenten, denn die Firma ist auf das bäuerliche Knowhow (auch von Analphabeten) angewiesen, um die Rohstoffversorgung zu sichern, ohne Kaffeeproduzenten nützt die schönste Reklame mit Bräutigam Clooney nichts.

 

Herbstkuhwoche (3): Gastweidetorgeschichte

Oktober 11, 2014

WeidetorgeschichteHeute zum Abschluss der Herbstkuhwoche fast eine Art Countryroadmovie. Namensvetter Adrian Dietrich hat mir diese kleien Bildgeschichte mit folgendem Kommentar zugeschickt: “Hier noch ein “ohne Worte” zum Thema: Weidetore wären eigentlich zum schliessen da…”

Danke herzlich für den ersten Weidetoregastbeitrag! Auf Nachfragen hat mir Adrian dann noch ein paar Worte nachgeschoben und verraten, dass er im Berner Oberland einen Betrieb bewirtschaftet (mit einer sehr sehenswerten Website übrigens) und dass die Kühe unterdessen wieder sicher versorgt sind. Da bin ich froh und wünsche Glück in den Stall! (Bilder: Adrian Dietrich)

Herbstkuhwoche (2): Waldweide

Oktober 7, 2014

WaldküheWaldweide ist ja an sich ein Tabu, da verboten hierzulande. Der Wald ist eine eigentliche heilige Kuh in der Schweiz und grundsätzlich ist das gut. Jetzt müsste man nur noch den Schutz des offenen Weide- und Ackerlandes ähnlich hermetisch gestalten.

Aber ich will jetzt gar nicht politisieren. Nur danken, liebe Monika, für ein weiteres tolles Bild. Avec vache qui rit, nota bene. (Bild: Monika Schlatter)


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