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Grundfragen beim Quinoa-Dreschen in Tiraque

Juni 5, 2014

QuinoaIm letzten Herbst war ich kurz in Bolivien für den Besuch in einem FiBL-Projekt. Dort habe ich nach langen Jahren meinen Studienkollegen Johannes Brunner wieder getroffen. Er arbeitet seit einiger Zeit in Südamerika und schreibt von dort aus ab und zu einen Rundbrief für Zuhausegebliebene und andere Interessierte. Sein Editorial ist hochinteressant. Es tangiert eine der Kernfragen der (Land-)Wirtschaft: Wieviel Technisierung, Rationalisierung und Professionalisierung macht Sinn? Wem dient sie? Wer verdient daran? Wer wird glücklich dabei?

Auf der Reise in die holländische Schweineindustrie zum Beispiel habe ich mich oft gefragt, woher eigentlich der omnipräsente Wachstumsdruck kommt. Profitieren tun leider nicht primär die Bauern, auch wenn jetzt im Fall des Dreschens gewisse Vorteile der Mechanisierung nicht von der Hand zu weisen sind. Aber lesen Sie selber. Ich bringe den Text integral, inklusive Werbespot für Johannes‘ Arbeitgeber, denn die Art, wie Interteam arbeitet, scheint mir sinnvoll. Merci für den spannenden Text und das Abdruckrecht Johannes!

„Vor kurzem konnte ich in Tiraque bei der Ernte einer Parzelle Quinoa mithelfen. Die Bauernfamilie hatte die Pflanzen bereits geschnitten und auf der Parzelle pyramidenförmig aufgeschichtet, damit die Rispen trocknen konnten. Diese legten wir nun in zwei Reihen auf eine Zeltplane und liessen sie nochmals eine Stunde trocknen. Danach fuhr Roberto mit seinem Auto mehrmals über die Rispen, bis sich die kleinen Körner von den Pflanzen gelöst hatten. Nach einigen Überfahrten wendeten wir sie und das Dreschen konnte wiederholt werden. Nachdem wir diese Prozedur mehrmals durchgeführt hatten, entfernten wir die Stängel von der Plane und siebten den zurückgebliebenen Rest in zwei Durchgängen mit einem Sieb mit Lochgrösse 4mm und später 2mm.

Danach brachte die Bäuerin das Mittagessen: Maiskörner, Weizenbrei und Frischkäse. Am Nachmittag kam Wind auf und wir konnten mit seiner Hilfe und der Wurfschaufel die Körner von den Resten der Spreu und den Unkrautsamen trennen. Gegen Abend lag vor uns ein pyramidenförmiger Haufen kleiner, golden glänzender Körner von etwa 150 kg aus einer Fläche von 20 Aren, den wir in drei Säcke füllten. Alle waren müde und sehr glücklich. Während der ganzen Arbeit fühlte ich mich mit meinen Vorfahren verbunden, obwohl ich beim Garben binden und Puppen stellen nie dabei war. Zeit und Effizienz gerieten in den Hintergrund, in den Vordergrund rückten Gespräche und die Aufmerksamkeit auf die Windstärke.

Meine Idee mit einer Holzkonstruktion die Trocknung der Rispen zu beschleunigen, wurde mit Neugier aufgenommen. Gleichzeitig machte ich mir Gedanken über meine eigene Vorstellung von Fortschritt und Entwicklung. Dabei stellte ich fest, dass ich Armut mit Mangel an Materiellem, mit Langsamkeit und Ineffizienz identifiziere. Sofort schlage ich deshalb Geräte und Technologien vor, damit die Bauern schneller und mehr Quinoa ernten können. Doch sind mir die Folgen nicht bewusst? Statt dass es den Familien besser geht, wird die Gemeinschaft durch Konkurrenz zerstört. Einige Betriebe wachsen auf Kosten von andern, die ihren Boden am Schluss verkaufen und abwandern.

Im Hochland Boliviens können die Menschen mit diesem Entwicklungsmodell nichts anfangen. Arm ist der Mensch, der den Kontakt zum Boden verloren hat, der keinen Boden besitzt, in dem er seine Angehörigen begraben kann, der dadurch beseelt ist und den Lebenden Nahrung und ein Dach über dem Kopf bietet. Arm ist der Mensch, der seinen Boden verkauft oder spekuliert und in die Stadt zieht auf der Suche nach einem scheinbar besseren Leben. Arm bin ich, der glaubt diesen Menschen unseren Fortschritt bringen zu müssen, obwohl ich weiss, dass damit nur Macht und Geld in den Händen weniger konzentriert wird.

Genau dieser Problematik ist sich Interteam bewusst und arbeitet deshalb auf der Ebene von Mensch zu Mensch, um langsame, dafür nachhaltige Lern- und Entwicklungsprozesse auf Vertrauensbasis aufzubauen, in denen Menschen ihre eigenen Lebensvisionen selbstbestimmt realisieren können. Die Arbeit von Interteam entpuppt sich damit auch als Werkstatt für die Kreation neuer Impulse für die Schweiz, weil unsere Partner unsere linearen Entwicklungsmodelle hinterfragen. Die Bauern und Bäuerinnen Boliviens lehren mich, dass wir in der Schweiz in dieser Hinsicht noch viel Entwicklungshilfe benötigen.“ (Bild Johannes Brunner)

 

Boliviagronomia (1): Das Fleisch und sein Preis

August 27, 2013

Metzgereischild in La PazSeit ein paar Tagen bin ich in Südamerika. Die ursprünglich geplante Argentinienreise konnte ich dank glücklicher Fügung und einem zufälligen Pausengespräch im Gartenrestaurant des FiBL um ein paar Tage in Bolivien erweitern (es lohnt sich eben, eine gute Kantine zu haben, liebe NZZ-Chefetage…).

Die Bolivianer sind, das wage ich jetzt einmal ohne Statistiken vorliegen zu haben, recht fanatische Fleischesser. Wann immer man einkehrt oder privat isst, gibt es zuerst Suppe und in der muss es Fleisch haben. Zum Hauptgang noch einmal, das ist keine Frage. Und dann meistens nicht zu knapp. Dies gilt auch für biologische Bauern. An einem Kongress zum nachhaltigen Landbau mit Agroforstsystemen kam ich am Vorabend in den Genuss der Vorbereitungen des Menus vom nächsten Tag. Auf dem Tisch lagen unter anderem 25 Poulets, Heerscharen von Würstchen, jede Menge Rindfleisch und mindestens eine ganze Sau.

Das dieser hohe Konsum nicht ohne Nebenwirkungen funktionieren kann, zeigte sich schon im Anflug auf die Landwirtschafts-Hochburg Santa Cruz de la Sierra, wo ich umsteigen musste auf dem Weg nach La Paz. Aus der Luft erkennt man die volle Wirkung der Agrarindustrie: Abholzung, gigantische Sojafelder und riesige Stallkomplexe, wo vor allem Hühner und Schweine gemästet werden. Die Beobachtungen waren nicht zufällig. Wer immer mir begegnete in den darauffolgenden Tagen bestätigte, dass mit dem Wald immer noch umgesprungen wird, als ob man ihn jederzeit problemlos ersetzen könnte und wenn man auf das Thema Tierhaltung zu sprechen kam, verdrehten alle die Augen.

Unterdessen bin ich in Argentinien angekommen. Als erstes ist mir ein Buch mit dem martialischen Titel: „Schlecht ernährt – wie uns die argentinische Agrarindustrie umbringt“ in die Hand gefallen, das schon im Vorwort die exakt identischen Mechanismen schildert. Das mag etwas gar drastisch ausgedrückt sein. Aber die Fehlentwicklungen im südamerikanischen Primärsektor scheinen definitiv nicht nur ein Klischee zu sein.
Mal comidos en Argentina