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Der Stachel im Fleisch der Industrielandwirtschaft

Januar 13, 2014

FleischatlasPünktlich zum „Davos der Landwirtschaft“, wie die nächste Woche stattfindende Internationale Grüne Woche in Berlin gern genannt wird, hat’s der BUND wieder getan: Die grösste deutsche Umweltschutzorganisation hat der Landwirtschaft zwei mittlere Bomben in den Bauernhofgarten geworfen.

Innert zwei Tagen hat der Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland eine Studie über den Hormoneinsatz in der Mastferkelproduktion und zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung und „Le Monde Diplomatique“ den Fleischatlas 2014 publiziert.

Dazu ein paar secce Bemerkungen (ich habe mir auf Anregung von einer zeitlich knapp dotierten Leserin vorgenommen, weniger episch zu schreiben heuer):

  • Beides sind sehr lesenswerte Publikationen, die wunde Punkte der modernen Landwirtschaft treffen.
  • Der BUND schafft es auch dank offenbar sehr guter Medienkontakte immer wieder, flächendeckend Salz in diese Wunden der Landwirtschaft zu streuen. Wie schon bei den Glyphosat-Babys vor einigen Monaten hagelt es Protest, namentlich gegen die Hormonstudie. Das zeigt, dass sich trotz einiger handwerklich fragwürdiger Punkte in der Studie, die etwa hier kritisiert werden, viele Schafe in der Herde getroffen fühlen. Zurecht, denn
  • die deutsche Fleischproduktion ist zu einem gigantischen Industriesektor herangewachsen, pro Jahr werden etwa gut 58 Millionen Schweine geschlachtet, damit ist unser nördliches Nachbarland der weltweit drittgrösste Produzent nach China und den USA, Spitzenränge nimmt man auch bei der Rindfleischproduktion und den Mastpoulets ein.
  • Fleischatlas TierzahlenDie Industrialisierung des Sektors hat zu einer Konzentration auf allen Ebenen: Immer weniger Produzenten mästen grössere Bestände für grössere Schlachtunternehmen, die ihre Ware zu womöglich immer tieferen Preise an immer grössere Supermarktketten liefern. Deutschland ist nur ein Beispiel für diese Entwicklung. Hier verarbeiten im Schweinesektor gemäss dem Fleischatlas drei Betriebe 55 Prozent des Schlachtwerts, in den USA sind es 10 Konzerne, die 88 Prozent der Schweine verarbeiten (die Grafik rechts zeigt Zahlen für den weltweiten Markt).
  • Diese Entwicklung zieht diverse Probleme nach sich. Um nur einige zu nennen: Höherer Krankheitsdruck in Grossbeständen, steigender Hilfsstoffeinsatz auf den Feldern (für die forcierte Eiweissfutterproduktion) und Stall, Emissionen von Grossbetrieben, Tierschutzprobleme, Lohndruck in Grossschlachthäusern, erhöhter Zeitdruck und zahlreichen Fehlmanipulationen am lebenden Tier in Schlachthäusern, Schwinden von gewerblichen Fleischverarbeitern.
  • Ich staune immer wieder, mit welcher Verve sich die Landwirte und ihre Lobbyorganisationen dagegen wehren, die Probleme überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. In den integrierten Kreisläufen der Grosskonzerne, die Genetik, Futter und Infrastruktur liefern und die Tiere vollumfänglich übernehmen sind sie das schwächste Glied und stehen in extremer Abhängigkeit. Von freiem Unternehmertum, wie sie es sich gerne auf die Fahne schreiben, entfernen sich die sogenannte Urproduzenten immer weiter.
  • Der BUND ist für mich so etwas wie die EMMA einst, als sie dem Feminismus auf die Beine half. Nervt zwar immer wieder, aber für die Bewusstseinsbildung der Landwirte in Deutschland und darüber hinaus extrem wichtig. Ich warte auf den Ausbruch des Agrinismus.
  • Und in der Schweiz dürfte man in Sachen Landwirtschaft ruhig auch etwas mehr Lärm hören von Pro Natura, auch wenn die Verhältnisse noch um einiges idyllischer sind, als in Deutschland. Aber bei weitem nicht problemlos. (Illustrationen aus dem Fleischatlas)
    Fleischatlas Tierzahlen D

„Glyphosat macht Baby tot.“ Ja, das darf man

November 1, 2013

Glyphosat-BabyNach den Ferkeln kürzlich nochmal kurz nach Deutschland: Auch die bäuerliche Szene kann Shitstorm. Seit etwa zwei Tagen tobt auf Twitter und Youtube, in Zeitungen und auf Lobbyportalen agrarische Empörung.  Auslöser ist ein Video des deutschen Bundes für Umwelt und Naturschutz (kurz Bund). Mit diesem Filmchen (oben ein Still unten das Video) illustriert die NGO eine neue Kampagne unter dem Titel „Pestizide. Hergestellt um zu töten„. Im Visier hat Bund dabei primär Glyphosat (besser bekannt unter dem Monsanto-Markennamen Roundup).  Mit der Kampagne will der Bund erreichen, dass der Einsatz von Glyphosat in Hausgärten und die sogenannte Sikkation auf Bundesebene verboten werden. Dabei handelt es sich um die Behandlung von Kulturen kurz vor der Ernte, um so die Abreife zu beschleunigen.

Das Video ist keine Minute lang und zeigt kurz zusammengefasst, wie halb in der Erde eingegrabene Babys zuerst fröhlich mit Dreck und Stecklein spielen, nur um kurz darauf nach drohendem Grollen von einem Sprühflugzeug überflogen und eingenebelt zu werden. Dann der Titel der Kampagne: Pestizide. Hergestellt um zu töten.

Ist das geschmacklos? Ja, indirekt wirft der Bund den Bauern vor, mit ihren Praktiken Babys zu töten. Das ist ein ziemlich starkes Stück, ist doch bis heute ein fundierter Beweis noch ausstehend, dass Glyphosat effektiv Embryonen schädigt. Soweit ich im Bild bin, setzt die Mehrheit der Landwirte Pestizide so ein, dass sie damit weder sich selber noch die Umwelt schädigen, oder sie streben dies zumindest an. Zudem darf man dem Bund und den pestizidkritischen Konsumenten getrost unter die Nase reiben, dass eine Lebensmittelproduktion ohne Pestizide teurer ist. Und dass trotz dem Vorhandensein der Alternative, nämlich Bio, nur eine mickrige Minderheit bereit ist, mehr zu zahlen, um die eigenen Babys zu schützen. Erwähnen muss man in diesem Zusammenhang auch, dass selbst in Bio-Kreisen umstritten ist, ob es möglich wäre, die Welt mit Bio alleine zu ernähren.

Darf man trotzdem eine solche Kampagne machen? Ja, klar. Solange es der Industrie erlaubt ist, mit verharmlosender Propaganda so zu tun, als ob der Profit das nebensächlichste der Welt wäre (wie zum Beispiel hier) und als ob sie stattdessen prioritär die Welt retten und umfassend ernähren möchte, wird es auch einer NGO noch erlaubt sein, polemische PR zu betreiben. Ganz argumentenfrei steht der Bund nämlich keineswegs da, (obwohl man natürlich der Gerechtigkeit halber erwähnen muss, dass auch der Bund Geld verdienen muss, um seine Geschäftsstelle und Kampagnen zu finanzieren). Eine kürzliche Untersuchung des Verbands hat gezeigt, dass 70 Prozent der Urinproben von Konsumenten aus 18 europäischen Städten Glyphosat enthalten. Zudem gibt es zweifelsfrei Probleme mit dem massierten Einsatz des Produkts, vor allem in den Weltgegenden, wo es flächendeckend zum Einsatz kommt, zum Beispiel in Argentinien, wo sich ganze Dörfer im Protest gegen die rücksichtslose Applikation von Glyphosat aus der Luft wehren. Die Pueblos Fumigados (gespritzte Dörfer) sind zu einer kraftvollen Bewegung geworden, die auf dem besten Weg sind, Erfolge zu erringen, zum Beispiel grössere Sicherheitsabstände zwischen bewohnten Gegenden und gespritztem Kulturland. Diese Terraingewinne wurden nur möglich wegen offensichtlicher Zunahme von Gesundheitsschädigungen, zum Beispiel diverse Krebstypen und Fehlgeburten. Daran sind auch wir hier mitbeteiligt, gehört Europa doch zu den grossen Abnehmern lateinamerikanischer Soja.

Also, liebe empörte Bauern und Industrievertreter, nach Abebben der grössten Aufregung empfehle ich, die Energie für die Verminderung und die Verbesserung des Pestizideinsatzes sowie für den Ersatz der Importsoja durch einheimische Eiweissträger einzusetzen (gilt übrigens für die Schweizer Branche genauso). Das Video des Bund wird Euch vorkommen wie ein mildes Herbst-Lüftchen gegenüber dem Orkan, der sich erheben wird, sobald die erste Missbildung eines Embryos durch Glyphosat wissenschaftlich belegt ist.