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Phosphatprobleme im holländischen Hinterland

Mai 31, 2016

Demo2Interessante Begegnung heute im holländischen Hinterland: Wir sind mit ENAJ, dem europäischen Agrarjournalistennetzwerk unterwegs, Anlass ist das informelle EU-Agrarministertreffen in Holland, das derzeit die Union präsidiert. Teil des Programms ist die Besichtigung des Milchbetriebs von Rick und Joke Lagendijk in Diessen, eine halbe Stunde südlich von Eindhoven.

Demo4Sie haben letztes Jahr einen Stall für 250 Kühe fertiggestellt, Kosten pro Kuhplatz 6000 Euro (inkl vier Lely-Roboter), hoher Kuhkomfort im Kompoststall als Ziel, täglich Weide bei anständigem Wetter und eine jährliche Milchmenge von 1,7 Mio Kilo, die zum Grossabnehmer Friesland Campina geht.

Der Besuch war ausgesprochen interessant, man erfuhr viel als Schweizer in der Milchkrise. Auch in Holland ist die Lage angespannt, der Milchpreis der Lagendijks liegt derzeit bei 25 Cent, vor Jahresfrist waren es gut 10 Cent mehr. Man spürt in der EU die gestiegene Produktionsmenge, nachdem im April 2015 die Quoten aufgehoben worden waren.

Übertrieben jammern über die Preissituation mag der Bauer allerdings nicht, man ist sich in der niederländischen Pampa den rauen Wind des Markts gewohnt. Wer hier überleben will, muss in guten Zeiten vorsorgen, das war letztes Jahr mit Produktionskosten von 31 Cent pro Kilo möglich, heuer zehrt man von den Reserven.

Was Lagendijk deutlich stärker belastet, ist ein anderes Problem. Die Niederlande haben einen notorischen Nährstoffüberschuss, nicht sehr überraschend, angesichts der Intensität mit der hier produziert wird. Lagendijks sind dafür mit potenziell 250 Kühen auf 56 Hektaren Land ein gutes Beispiel.

Die hohe Nährstoffbelastung sorgt für Druck aus der EU und aus dem eigenen politischen Überbau. Konsequenz: Holland muss das Nährstoffaufkommen und in erster Linie die Phosphatbelastung senken. Deshalb hat die Regierung dekretiert, dass die Milchbauern nicht mehr Tiere halten dürfen, als am Stichtag 2. Juni 2015. Das hat viele Milchbauern auf dem falschen Fuss erwischt, weil sie letztes Jahr angesichts der Aufhebung der Quote tief in die Tasche griffen, um ihre Bestände aufzustocken.

Lagendijks sind ein gutes Beispiel: Statt der beabsichtigten 250 Kühe können sie derzeit nur 180 Stück halten. Die Konsequenz ist, dass sie die Kosten für den schönen Neubau nicht vollumfänglich amortisieren können.

Demo1Offenbar geht es zahlreichen anderen Bauern in der Gegend gleich, als nämlich der Konvoi mit den ebenfalls auf dem Betrieb weilenden EU-Ministern seine Rückreise antreten wollte, stellten sich diesem im strömenden Regen etwa 30 protestierenden Milchbäuerinnen und -bauern in den Weg. Sie beklagen sich, dass sie mit ungleich langen Spiessen gegen die Mitbewerber in der EU antreten müssen, haben doch die Kollegen in den Nachbarländern ungleich weniger scharfe Vorschriften bezüglich Nährstoffbelastung, wenn auch in gewissen deutschen Bundesländern durchaus reguliert wird.

Nach langem Hin- und Her wird schliesslich eine Delegation zu den Ministern in den Bus vorgelassen, damit sie ihre Klage deponieren können. Ändern wird sich die Situation erst wieder, wenn die Preise etwas höher steigen, wofür gemäss dem ebenfalls anwesenden CEO von Friesland Campina, Roelof Joosten erste Anzeichen bestehen. Dann nämlich werden es sich die Bauern leisten können, die horrend teuren Phosphorproduktionsrechte zu kaufen, mit denen man die Bestände ausbauen kann. Gegenwärtig gibt es keinen festen Preis, da kaum gehandelt wird, aber man rechnet mit rund 5-6000 Euro pro Kuhplatz.

Der Lösungsansatz ist typisch niederländisch. Im Sektor ist Intensitätsreduktion eigentlich nie ein Thema, vielmehr sucht man immer nach technischen oder wie in diesem Fall fiskalischen Lösungen, um die Landwirtschaft im Stadtstaat Holland zwischen einigermassen Nachhaltigkeits-verträglichen Leitplanken zu halten.Demo3

 

EU-Milchbauern demonstrieren gegen sich selber

Juli 10, 2012

In Brüssel haben die im European Milkboard (EMB) vereinigten Milchbauern heute wieder einmal demonstriert. Sie bauten mit Strohballen und Plachen einen kleinen See auf, füllten diesen mit 5000 Litern Milch und liessen diesen unter dem Motto „Die Milch läuft über – die Preise stürzen ab!“ anschliessend symbolisch über- und auslaufen. Die Preise sind in der Tat schlecht, derzeit liegt der europäische Durchschnittspreis für Massenmilch bei rund 25 Cents, das sind noch 30 Rappen pro Kilo und damit gleich wenig wie vor 30 Jahren. Das EMB-Communiqué kommt zum richtigen Schluss, dass der einzige Weg zur Besserung eine Mengenreduktion ist. Eine solche können nur die Milchbauern herbeiführen. Sie heute also gegen sich selber. Selbsterkenntnis sei der schnellste Weg zur Besserung, behauptet der Volksmund. Ich habe allerdings Zweifel, ob das Sprichwort für den Milchmarkt anwendbar ist. Dazu muss man wissen, dass die europäischen Milchbauern nach wie vor über eine Kontingentierung verfügen. Diese soll am 1. April 2015 abgeschafft werden. Wenn man die Entwicklung in der Schweiz als Fallbeispiel zum Vorbild nimmt, dann wird die Abschaffung des Kontingents – sie wurde hierzulande Ende April 2009 vollzogen – den Druck auf die Preise weiter erhöhen, wegen Überlieferung. Die Bauern kann man für diese Entwicklung nicht alleine verantwortlich machen. Die grossen Verarbeiter und der Milchhandel haben ein eminentes Interesse an einer zu hohen Produktionsmenge, da sie den Rohstoffpreis senkt. Aus der Verantwortung nehmen können sich die Milchproduzenten aber nicht, keine Molkerei kann selber ein einziges Kilo Milch selber produzieren. Das Problem ist die trotz hohem Organisationsgrad fehlende Solidarität und der ungenügende Zusammenhalt unter den Produzenten. Wenn es aber den Produzenten nicht einmal in der überblickbaren Schweiz gelingt, die Milchmenge unter Kontrolle zu halten, wie sollte es denn den Europäern gelingen? Wahrscheinlich blüht ihnen mittel- bis längerfristig ein Preis unter 20 Cents, ein Wunder oder Produktionskrisen durch Trockenheit in anderen Weltgegenden mit hoher Milchproduktion vorbehalten. (Bild François Lenoir / Reuters)