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Die Fasnacht als Konsumenten-Fiebermesser

März 11, 2014

Fleischindustrie„Die drei scheenschte Däg“ (für Nicht-Basler: die Fasnacht) sind noch in vollem Gang. Endlich hab ichs mal an den Morgeschtraich geschafft. Die brutal frühe Tagwache – punkt vier am Montagmorgen wird abmaschiert – hat sich gelohnt: Ein nur auf den ersten Blick chaotisches durcheinander paradieren von farbenfrohen Cliquen, die sich allenthalben auf Brücken, Boulevards und in engsten Gässchen kreuzen, ein Feuerwerk von Kreativität und viele fröhliche, wenn auch öfters ziemlich müde Menschen.

Fast jede dieser Cliquen führt eine sogenannte Laterne mit. Das ist ein bisschen untertrieben umschrieben, denn dabei handelt es sich oft um übermannsgrosse Leuchtkästen, deren Wände mit primär politischen und ätzend sarkastischen bis zynischen Messages aller Art dekoriert und beschriftet sind. Heuer dick im Kurs: Der Verbotsstaat, der den Baslern ziemlich auf die Nerven zu gehen scheint, der (amerikanische) Schnüffelstaat und die eigene Politikerkaste in den reichlich vorhandenen Fettnäpfen.

BienensterbenDiese in hunderten von freiwilligen Arbeitsstunden in den Cliquenkellern brikollierten Laternen sind nicht nur optisch spektakulär, sondern auch politisch interessant, man darf sie sicher so als eine politische Fiebermesser betrachten. Deshalb nahm’s mich natürlich wunder, ob auch die Landwirtschaft Fett abkriegt. Und wurde prompt fündig. Am meisten scheint die Fasnächtler das Bienensterben zu beschäftigen, es ist mir etwa drei mal begegnet. Hier das drastischste Bild, welches den Einsatz von Pestiziden thematisiert (Basel ist dafür sicher nicht der ungeeignetste Ort), auf der anderen Seite der Laterne prangte eine gekreuzigte Biene. Zwei weitere Laternen kritisierten den übermässigen Fleischkonsum (siehe Bild ganz oben).

Beeindruckt hat mich auch das kunstvolle Maskenschaffen. Aber bitte, liebe Nicht-BaslerInnen, nennen Sie eine Maske hier nie Maske, es sind in der strengen Fasnachts-Nomenklatur nämlich Larven! Hier waren die Nutztiere gut vertreten. Stellvertretend hier eine Kuh, daneben gab es nicht zu knapp Schaffe, Hühner und wenn ich mich richtig erinnere, mindestens ein Kamel.
Kuhmaske

Eine verheerende Bilanz und ein paar Vorbehalte

März 9, 2012

Zufälle gibts. Heute war ich auf dem schönsten Bauernhof im Kanton Zürich. 140 arrondierte Hektaren und ein toller Rebberg. Kein Wunder gabs Konflikte, als die kantonale Gesundheitsdirektion den Gutsbetrieb der psychiatrischen Anstalt Rheinau 1998 in Pacht gab. Im Gezerre setzten sich schliesslich die bio-dynamischen Bewirtschafter um den Kuhfreund und ehemaligen grünen Kantonsrat Martin Ott durch. Das hat sich ziemlich bewährt. Das Unternehmen Fintan floriert, schafft Mehrwert sowie Wurst aus der eigenen Metzgerei und hat, vor allem, eine Herde mit 60 behornten Kühen im Laufstall, über die Ott ein schönes Buch geschrieben hat, das hier auch schon zur Sprache kam. Aber zurück zum Zufall. Just am selben Tag flattert mir ein Mail von einem alten Freund und Bauern in die Box (merci Ürsu!). In der Beilage das neueste Themendossier des Pro-Natura-Magazins, welches sich nur mit Landwirtschaft befasst. Der Titel des Hefts lautet  „Agrarreform: Umsichtige Landwirte zeigen den nachhaltigen Weg“. Ich habe kurz darin geblättert und worauf stosse ich? Einen Beitrag über den erwähnten Gutsbetriebe Fintan. Dieser illustriert einen Artikel, der mich ziemlich in den Bann gezogen hat. Dort wird der Schweizer Landwirtschaft eine absolut desaströse Energiebilanz vorgerechnet. Die Energieeffizienz beträgt 0,4. Pro produzierter Kalorie werden mehr als zwei reingesteckt. Das muss jedem Verfechter eines hohen Selbstversorgungsgrad zu denken geben, denke ich. Betriebe wie Fintan mit bescheidenem Viehbestand (0,7 DGVE) und dem Verzicht auf synthetische Dünger und Pestizide dürfen hier durchaus als Vorbild dienen. Eine gewisse Vorsicht mit radikalen Schlussfolgerungen für die Schweizer Landwirtschaft ist allerdings geboten. Wer nun für eine Vollbremsung plädiert, muss zuerst nachweisen, dass die Produktion im Ausland, auf die wir dann in vermehrtem Masse angewiesen wären, energetisch effizienter ist. Das mag für Peperoni aus Marokko zutreffen, aber zum Beispiel bei der Milch aus Deutschland oder beim Schweinefleisch aus Holland oder Dänemark bin ich mir da schon etwas weniger sicher.
PS. Eigentlich wollte ich ja hier ein bisschen über neue Hornfacts berichten, das ist nun aufgeschoben, aber etwas möchte ich schon noch sagen, ein Laufstall mit 60 zufrieden scheinenden Kühen und daneben einem Weidli voll galoppierender Kälber, das ist schon ein schöner Anblick.