Posts Tagged ‘Rindfleisch’

Agrentina (3): CFK, die Meistgehasste

September 3, 2013

Christina Fernandez de KirchnerSeit ein paar Tagen fahre ich durch Argentinien, und wenn es eine Konstante gibt im Gespräch mit den Bauern, dann ist es der omnipräsente Hass auf die Praesidentin Cristina Fernandez de Kirchner, die sich in Anlehnung an den ehemaligen amerikanischen Präsidenten gerne CFK nennen laesst.

Was steckt dahinter? Die Ursachen liegen gut 10 Jahre zurück: Ihr Ehemann Nestor, in dessen Fussstapfen Cristina 2007 in quasi dynastischer aber demokratisch bestaetigter Erbfolge trat, machte die Landwirtschaft 2002 zur Milchkuh: Nach einer dramatischen Wirtschaftskrise führte Argentinien zum wiederholten Male eine massive Abwertung der Landeswährung Peso durch. Die Leitwährung, der US-Dollar war neu nicht mehr gleich stark, sondern viermal so viel wert wie der einheimische Peso.

Dadurch erlebten die Cashcrops – mit Abstand am wichtigsten ist die Soja – einen Boom, weil deren Export durch die Abwertung massiv erleichtert wurde. Von dieser Hausse wollte sich der Staat eine Scheibe abschneiden und führte happige Exportsteuern ein, die sich bis heute gehalten haben. Die Soja beispielsweise wird bei der Ausfuhr mit nicht weniger als 35 Prozent besteuert, fuer Rindfleisch wiederum betraegt der Tarif meinen Angaben zufolge gut 20 Prozent (PS. Falsche Angabe, es sind 15 Prozent für Frischfleisch und 5 Prozent für Konserven). CFK versuchte 2008 eine weitere Erhöhung einzuführen, scheiterte aber an den empörten Protesten der Bauern und letztlich im Parlament.

Mit dem tarifären Aktivismus wollte die Regierung mit Hilfe der boomenden Agrarindustrie einen Teil der aufgrund der Wirtschaftskrise(n) stark gestiegenen Sozialkosten finanzieren und gleichzeitig die Inlandversorgung sichern. Letztlich lief diese Politik aber ins Leere und führte namentlich im Rindfleischsektor dazu, dass argentinische Investoren neu in Paraguay und Uruguay die besseren Marktbedingungen ausnützen, was mit dazu geführt hat, dass Argentinien in der Rangliste der Rindfleischexporteure stark verloren hat und dass, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, heute Weizen eingeführt werden muss, da die Bauern die Kultur aufgrund der Exportsteuern meiden.

Was mich erstaunt, ist, dass sich die Bauern politisch gegen die eher absurd anmutenden Regulierungen nicht besser wehren (können). Ich war vor meinem Besuch davon ausgegangen, dass der Agrarsektor aufgrund seiner Bedeutung für die nationale Wirtschaft der Regierung die Traktandenliste diktieren wuerde. Dem ist aber nicht so. Wie mir ein Agrarfunktionär heute abend sagte, ist der politischer Lobbyismus der Landwirte tradidtionell schwach. Sie hätten sich nie um die Politik gekümmert, erklärte er. Das ist auch eine Spätfolge der Militärdiktatur, eine Phase, in der man am besten fuhr, wenn man die Faust, wenn überhaupt, am besten nur im Sack machte. Das rächt sich nun. Mir kam mein altes Lieblingssprichwort in den Sinn: Die Hunde – in diesem Fall die Bauern – bellen, die Karawane – hier CFK und ihre Equipe – zieht weiter. Zumindest bis 2015, wenn die nächsten Präsidentschaftswahlen anstehen. (Bild abc.com)

Agrentina (1): 3 sehr verschiedene Quereinsteiger

August 30, 2013

Damian ColucciArgentina, was für ein magisches Versprechen, was die Landwirtschaft angeht. Aber auch viele Negativschlagzeilen in letzter Zeit: Eine Invasion von Agrochemie-getriebenem Sojaanbau, eine Präsidentin, die mit üblen Exportsteuern die einheimischen Produzenten ruiniert sowie Fleischkonsumenten, die ihre karnivoren Qualitäten vernachlässigen und immer weniger Rindfleisch essen.

Höchste Zeit also für einen Augenschein. Der nächste Woche stattfindende Kongress des Internationalen Agrarjournalistenverbands IFAJ (mehr folgt) war mehr als ein guter Grund, die weite Reise unter die Flügel zu nehmen. Ich bin einige Tage vorher aufgebrochen, um mit meinem alten Agrarjournalisten-Kumpel David Eppenberger und Romano Paganini, einem jungen, nach Argentinien ausgewanderten Schweizer ein paar Betriebe zu besichtigen. Nach zwei Tagen in der Pampa ist mir aufgefallen, dass fast alle, die wir besucht haben ausserlandwirtschaftliche Quereinsteiger waren.

Das hat auch damit zu tun, dass man Landwirtschaft in Argentinien on the Job lernt. Die Landwirtschaftsschulen sind für Agronomen vorgesehen, aber eine Lehre in unserem Sinne existiert nicht. Zudem ist die Landwirtschaft hier ein Eldorado für Anhänger des freien Markts. Auf die Frage, ob sie der Staat in irgendeiner Weise unterstütze, pflegten die Bauern in bitteres Gelächter auszubrechen. Das Gegenteil sei der Fall, hiess es übereinstimmend. Die schmalen Gewinne an der Scholle würden systematisch abgeschöpft, um der klammen Bürokratie zugeführt zu werden. Die Bauern reagieren unterschiedlich auf diese Situation.

Damian am Säen mit sechs PferdenDamian Colucci (Bild ganz oben) ist 33 und lebt gemeinsam mit seiner Frau Mariana den Prinzipien von Masanobu Fukuoka nach. Der 2008 verstorbene japanische Permakultur-Vorreiter war seinerseits Quereinsteiger und wurde nach seiner Tätigkeit als Mikrobiologe zum Bewirtschafter. Kurz zusammengefasst propagierte er eine Landwirtschaft der Gelassenheit. Möglichst wenig Intervention, Pflanzen und Tiere dazu ertüchtigen, dass sie auch ohne Agrochemikalien gut gedeihen, innerbetriebliche Ernährungssouveränität und ein minimaler Maschinenpark. Er sät seine rund 70 Hektaren Acker mit Pferdegespannen (siehe Bild links, maximale Tagesleistung 5-6 Hektaren, Pflug maximal 1 ha pro Tag). Der Stadtbub Damian ist in Buenos Aires aufgewachsen, pilgerte als junger Mann zu Fukuoka und konnte dank finanzieller Unterstützung durch den Vater vor 12 Jahren in die Landwirtschaft einsteigen. Neben den Tieren aus seiner Weidemast verkauft er Mehl aus der eigenen Mühle, Eier und ab und zu andere Produkte.

Edit und Pedro AlemanGanz anders arbeiten Edit und José Aleman (Bild Mitte), die südlich von Mar del Plata in der Pampa humeda (feuchte Pampa) Gemüse anbauen. Sie versorgen mit ihrem Gemüse die Grossmärkte in Buenos Aires und Mar del Plata. Vor 30 Jahren sind sie als praktisch mittellose Einwanderer aus Tarija in Bolivien nach Argentinien gekommen, heute bewirtschaften sie einen DSC03887intensiven Gemüsebetrieb von 30 Hektaren Grösse und haben sich dank ihrer Tüchtigkeit laut ihrem Nachbarn Mario, dem lokalen Gemüsebauberater ein stattliches Vermögen erarbeitet. Die Alemans stehen für ein interessantes Phänomen. In der Region Mar del Plata beherrschen Bolivianer mittlerweile einen Grossteil des Gemüsegeschäfts. In Tellerwäscher-, beziehungsweise Salatschneiderkarrieren haben sie sich von Landarbeitern zu Besitzern hochgearbeitet und in dieser Funktion die vorher marktbeherrschenden Italiener abgelöst.

Noch einmal ganz anders ist das Profil von Pablo, der uns seinen Familiennamen nicht mitgeteilt hat. Er nennt 10 Hektaren Land sein eigen und ist nicht ein eigentlicher Bewirtschafter sondern ein Dienstleister für die Bauern. Er hat Platz für 3000 Stück Vieh, besitzt aber kein einziges. Landwirte in der Umgebung liefern ihm gut 200 Kilo schwere Tiere, die er auf 320 bis maximal 350 Kilo aufmästet, bevor die Tiere dann in eines der Schlachthäuser der Region gebracht werden. Für seine Dienste lässt er sich mit 3 Peso pro Kilogramm Zuwachs abgelten, das sind rund 20 Prozent des Preises, den die Bauern pro Kilo Lebendgewicht im Schlachthof erhalten. Als Zahlung nimmt er auch Mais und Getreide von den Bauern entgegen. Die Überschüsse aus diesen Lieferungen lässt er dann zu Futtermitteln verarbeiten. Pablo informiert uns im breitesten kalifornischen Slang, ist er doch als Sohn eines Arztes teilweise in den USA aufgewachsen. Für den smarten Unternehmertyp ist die Landwirtschaft ein gutes Geschäft, sollte es nicht länger rentieren, würde er wohl emotionslos das Business wechseln. Das einzige, was ihn mit Damian verbindet, ist dass beide mit den in Argentinien am weitesten verbreiteten Rassen Black Angus und Hereford arbeiten.

Pablo, die Alemans und die Coluccis: Alle drei stehen sie für typische Phänomene in der argentinischen Landwirtschaft. Ersterer für die Industrialisierung der Landwirtschaft, für die auch die radikale Ausbreitung des Cashcrop-Anbaus namentlich der (GVO-)Soja im letzten Jahrzehnt ein typisches Beispiel darstellt. Zweitere für die Chancen, die sich in der zwar staatlich vernachlässigten aber gleichzeitig völlig liberalisierten Landwirtschaft für tüchtige Leute bieten und Letztere für die Reaktion auf Industrialisierung und Rationalisierung: Den Weg in die Selbstversorgung verbunden mit dem Rückzug in die Einsamkeit der grenzenlos gross scheinenenden Pampas.

Pablo, owner of a feedinglot

Importgüggeli fliegt dem Rind um die Karnivohren

März 31, 2012

Der Branchenverband Proviande hat am Freitag die neueste Fleischstatistik veröffentlicht. Ergebnis: Der Konsum ist noch einmal angestiegen, um 0,8 Prozent auf 53,74 Kilo pro Person. Schweinefleisch ist nach wie vor der Leader, hat aber leicht verloren. Derweil ist Geflügel der Trendsetter, im Privathaushalt noch stärker als in der Ausserhausverpflegung und liegt erstmals an zweiter Stelle vor dem Rindfleisch. Was die Handelsbilanz angeht ist Rindfleisch geschwächt worden, die Importe haben um über 10 Prozent zugenommen. Der Inlandanteil beträgt aber nach wie vor über 80 Prozent. Ganz anders beim Poulet: hier werden 49,2 Prozent eingeführt. Das Fazit? Obwohl unterdessen ziemlich unbestritten ist, dass eine flächendeckende Ernährung der Menschheit längerfristig nur mit einer geringeren Fleischproduktion zu bewältigen ist, haben Herr und Frau Schweizer im Schnitt beim eigenen Ernährunsverhalten noch nichts geändert. Dass ausgerechnet das Pouletfleisch zulegt, zeigt zwei Dinge. Erstens wird rotes und fetthaltiges Fleisch von den Konsumenten, die sich um ihre Gesundheit sorgen nicht durch Gemüse, sondern durch Magerfleisch ersetzt. Zweitens sind ernhährungstechnische Fragen wichtiger als die Sorge um Umwelt und Tierwohl. Pouletfleisch erfordert einen hohen Getreide-Kalorieninput und die Importgüggeli wachsen grossmehrheitlich in industrieller Haltung. Wenn die Poulets in der Schweiz produziert werden, stammt ein Grossteil des Futters aus Importen, es ist also auch nicht wirklich Schweizer Fleisch. Etwas Gutes hat der Pouletfleisch-Boom aus meiner Sicht trotzdem: Es ist mehrheitlich ein derart geschmacksarmes Produkt, dass es dereinst, wenn die Fleischersatzforscher und -produzenten weitere Fortschritte machen, locker durch Tofu oder andere Substrate ersetzt werden kann; Hauptsache es hat ein bisschen Tandoori- oder Currysauce dran. Wobei das natürlich für die im Blitztempo vor sich hinwachsenden Masthybriden kein grosser Trost ist.
Was mich übrigens etwas wundert ist, dass sich Proviande nicht die Mühe nimmt, den Labelanteil auszuweisen, das scheint die Branche nach wie vor wenig zu interessieren. Wenn jemand dazu Zahlen hat, bin ich ein dankbarer Abnehmer. (Bild und Grafik Proviande)