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Syngentas grünes Mäntelchen und was drunter ist

September 21, 2013


Diese Woche hat Syngenta ihren „Good Growth Plan“ vorgestellt. Der Papier liest sich wunderbar und im Video mit viel schönem Bildmaterial und Verbalpathos von Seiten des CEO Mike Mack, wird das reich dekorierte grüne Mäntelchen auch optisch leicht tragbar präsentiert (siehe Video oben). Hier die sechs Punkte des Plans:

  1. Nutzpflanzen effizienter machen: Die durchschnittliche Produktivität der weltweit wichtigsten Nutzpflanzen um 20 Prozent steigern, ohne mehr Ackerland, Wasser oder andere Ressourcen einzusetzen
  2. Mehr Ackerland bewahren: Die Fruchtbarkeit von 10 Millionen Hektar degradiertem Ackerland verbessern
  3. Biodiversität fördern: Die Artenvielfalt auf 5 Millionen Hektar Ackerland erhöhen
  4. Kleinbauern Hilfe zur Selbsthilfe bieten: 20 Millionen Kleinbauern erreichen und sie befähigen, ihre Produktivität um 50 Prozent zu steigern
  5. Gute Arbeitsschutzpraktiken vermitteln: 20 Millionen Feldarbeiter in Arbeitssicherheit schulen, insbesondere in den Entwicklungsländern
  6. Engagement für jeden Arbeiter: Auf faire Arbeitsbedingungen im gesamten Netzwerk unserer Lieferkette hinarbeiten

Ich bin immer skeptisch, wenn die Saatgut- und Pestizidmultis plötzlich ihre umwelt- und menschenfreundliche Ader entdecken. Aber überlassen wir das Wort doch noch einmal Mike Mack. Im untenstehenden Video kommentiert er während einer guten Viertelstunde das Jahresergebnis 2012. In dieser Zeit hört man nichts vom oben erwähnten Feuerwerk der Nachhaltigkeit. Hier geht es um Dividend, Balance Sheet, Market Shares, Aquisitions, Price Opportunities, Strategic Crops, und vor allem Percent, Percent, Percent und davor natürlich immer ein Plus.

Das ist nicht erstaunlich, ist doch das Schicksal des Managers primär abhängig vom Jahresergebnis und vom erwirtschafteten Shareholdervalue. Die Bauern und Landarbeiter als wichtigste Stakeholder, die man ja angeblich stärken will, sind für Syngenta, wenn man Mack zuhört, nur als Umsatzgeneratoren interessant, und das heisst dann, wenn sie eingebunden sind in die integrierten Systeme (ein anderer wichtiger Terminus aus dem unteren Video) von Syngenta. Von den Problemen, die der Monokulturanbau der strategischen Pflanzen zur Folge hat, zum Beispiel Erosion oder Superunkräuter, die gegen die Pestizidresistenz erwachsen, hört man von Mack nichts. 

Man verstehe mich nicht falsch. Ich weiss, dass Syngenta keine karitative Organisation ist. Man will Geld verdienen – das ist zurecht nicht verboten -, aber letztlich spielt es keine Rolle, was die Flurschäden sind, solange es das Unternehmen direkt oder indirekt nichts kostet. Dafür ist neben der Strategie auch das Image entscheidend. Mein Fazit nach Konsum der kommunizierten Inhalte und der beiden Videos: Dessen Politur ist das einzige Ansinnen hinter dem „Good Growth Plan“. Das ist mager. Ich würde gerne Taten zugunsten der Nachhaltigkeit sehen, die ihre Spuren im Jahresergebnis hinterlassen, das würde die Glaubwürdigkeit des Plans massiv erhöhen. 

Die schwierige Koexistenz mit Don Santo & Co.

Mai 26, 2013

March against Monsanto EurekaAm Samstag sind in 250 Städten in den USA (im Bild Eureka, Kalifornien) und in weiteren 40 weltweit, darunter Zürich, Zehntausende von Menschen auf die Strasse gegangen. Sie folgten einem Aufruf zum „March against Monsanto„, dem Marsch gegen Monsanto. Der global tätige Saatgut- und Pestizidhersteller mit Sitz in St. Louis, Missouri ist als Marktleader im Bereich der grünen Gentechnik für viele Menschen zum Inbegriff des Bösen geworden. Sie protestierten gegen die Dominanz von GVO-Pflanzen auf amerikanischen Feldern, gegen das politische Lobbying von Monsanto und der Handvoll anderen Unternehmen im Markt und für eine klare Deklaration von „Frankenstein-Food“, wie man Esswaren mit GVO-Bestandteilen -und das werden immer mehr – ennet dem grossen Teich gerne nennt.

Es ist interessant, dass sich gerade in den sehr technologiefreundlichen USA der Protest unterdessen am lautesten manifestiert. Bisher konnten Monsanto, DuPont und Syngenta – sie kontrollieren gemeinsam 53 Prozent des weltweiten Samenhandels – ihre Marktanteile relativ ungestört und ohne grosse Nebengeräusche ausbauen. Das tat man sehr erfolgreich: 93 Prozent der Soja und 86 Prozent des Maises in den USA werden mittlerweile mit GVO-Saatgut produziert, mit dem Löwenanteil zugunsten von Monsanto.

In der letzten Zeit gab es aber verschiedene Anlässe, mit denen die GVO-Lobby den Bogen im Mutterland der GVO-Mutterlands möglicherweise überspannt hat. Es sind vor allem vier Dinge, welche die gegenwärtige Protestlawine ausgelöst haben:

  1. Als Kalifornien im letzten November über ein Gesetz abstimmte, das eine GVO-Deklaration verlangte, kämpfte Monsanto mit hohem Mitteleinsatz, an vorderster Front und letztlich erfolgreich dagegen, die Befürworter unterlagen im Verhältnis 47 zu 53.
  2. In den letzten Jahren strengte Monsanto in 27 Bundesstaaten 124 Patentverletzungsklagen gegen 410 Bauern und 56 KMUs an und gewann diese praktisch alle (Hier die Begründung des Unternehmens). Insgesamt spülten die Prozesse 23 Millionen Franken in die Kassen des Multis. Dabei geht es meist darum, dass Farmer Samen verwenden, die mindestens eine Verunreinigung mit GVO-Saatgut enthalten, oft ohne davon zu wissen und deshalb auch ohne dafür separat Patentgebühren zu zahlen. Im Moment macht der Fall eines 75-jährigen Farmers Schlagzeilen, der den Fall bis ans Bundesgericht weitergezogen hat, der Entscheid wird für Juni erwartet. 
  3. Im März verabschiedete der US-Senat im vergangenen März unter kräftige Mitwirkung von Lobbyisten im Solde von Monsanto in einer Nacht- und Nebelaktion eine Gesetzespassage, die später unter dem Titel „Monsanto Protection Act“ Karriere machte. Die Gesetzespassage sorgt kurz zusammengefasst dafür, dass GVO-Saatgut selbst dann noch unbehelligt weiter verwendet werden darf, wenn ein Gericht beschliessen sollte, dass dieses aus beispielsweise sicherheitstechnischen Gründen.
  4. Vor wenigen Tagen veröffentlichte die international tätige NGO „Food & Water Watch“ einen Bericht unter dem Titel „Biotech Ambassadors“, die detailiert aufzeigt, wie eng die amerikanischen Behörden und die Saatgut-Konzerne zusammenarbeiten, um die Weiterverbreitung der GVO-Produkte sicherzustellen. Der lange Arm von Monsanto und Co. reicht bis in amerikanische Botschaften weltweit, wo gezielte Beeinflussungsversuche von lokalen Regierungen zum üblichen Instrumentarium gehören, um nur ein Beispiel zu nennen.

Was bedeutet das alles für die Schweiz?  Wir sind aufgrund des 2005 verhängten Gentech-Moratoriums, das noch bis 2017 in Kraft bleiben soll, im Anbau nach wie vor eine GVO-freie Zone. An diesem temporären Verbot wird nun aber kräftig gerüttelt, wahrscheinlich – alles andere wäre eine grosse Überraschung – nicht ohne das kräftige Zutun der Industrie. Der Bund präsentierte im Januar den Entwurf einer Koexistenzverordnung, in der ein Nebeneinander von GVO und konventionellem Saatgut als komplex aber letztlich durchaus handlebares problemloses Unterfangen skizziert wird. Politiker, wie der Berner FDP-Nationalrat Wasserfallen sekundieren und verbreiten ihre Message subtil. Er spricht von einem Forschungsverbot, obwohl die Forschung durch das Moratorium nicht tangiert ist. Gleichzeitig plädiert er auf reichlich naive Weise für Wahlfreiheit, es werde dann schon angebaut, was der Konsument wolle.  

Wenn man allerdings das oben beschriebene Vorgehen der Marktleader in den USA und zahlreichen anderen Staate aus der Nähe betrachtet, ist eher davon auszugehen, dass diesen weniger an Koexistenz und Wahlfreiheit denn an Dominanz gelegen ist. Ich sehe keinen Grund anzunehmen, dass die Industrie in der Schweiz – sollten die Tore einmal geöffnet sein – zimperlicher vorgehen sollte, als in den USA und überall sonst, wo man sie mit offenen Armen empfangen hat. (Bild Facebookseite von March against Monsanto

Bienen und Pestizide: To Bee or not to Bee

April 1, 2013

More than honeyDie Bienen sind bekanntlich wichtige Haustiere. Nicht primär wegen des Honigs, der auch nicht zu verachten ist, aber vor allem wegen ihrer Tätigkeit als Bestäuberinnen. Ein Drittel von allem, was wir essen, gäbe es ohne Bienen nicht, heisst es im Film „More than Honey“, einem gefeierten Werk von Regisseur Markus Imhoof, der kürzlich dafür den Schweizer Filmpreis für den besten Dokumentarfilm erhalten hat. Auch Einstein wusste schon, wie wichtig die kleinen Summerinnen sind, prognostizierte er doch, dass vier Tage nach dem Verschwinden der Bienen die Menschheit das Zeitliche segnen wird.
Sollte das wirklich stimmen, dann sähe es für unsereinem nicht sonderlich rosig aus. Die Bienenvölker weltweit leiden unter einem nur zum Teil erklärbaren Massensterben, das bereits 10000 von Völkern die Exixtenz gekostet hat, darunter auch vielen in der Schweiz. Die Varroa-Milbe ist eine der berüchtigsten Sterbehelferinnen.
Unbestritten ist unterdessen auch, dass Insektizide mitverantwortlich sind für das Bienensterben, genauer gesagt die Neonicotinoide, welche primär zur Beizung von Saatgut verwenendet werden. Die wichtigsten Produkte auf dem europäischen Markt sind „Cruiser“ von Syngenta (Wirkstoff Thiametoxam), sowie „Gaucho“ (Imidaclopric) und „Poncho“ (Clothianidin) von Bayer.
So richtig unter Druck kamen die Substanzen erstmals vor knapp fünf Jahren, als nach der Ausbringung von gebeiztem Maissaatgut durch das unverdächtige amtliche deutsche Julius-Kühn-Institut zweifelsfrei Clothianidin als Ursache eines flächendeckenden Bienentsterbens im süddeutschen Raum festgestellt wurde. Diese Erkenntnis hat sich seither mehrfach bestätigt, zuletzt im Januar, als die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA zum gleichen Schluss kam. Das Resultat: Die Industrie reagierte wie ein Rumpelstilzchen nach Bekanntwerden seines Namens. Die Studie auf der Basis von Studien sei offensichtlich unter politischem Druck und übereilt verfasst worden, sie sei der EFSA unwürdig tobte der Syngenta-COO John Atkin und drohte mit einem Verlust von 50000 Stellen, sollten die EU-Mitgliedstaaten einem Verbot zustimmen, was bisher nicht geschehen ist.
Nur gut zwei Monate später hat man es sich in den Zentralen der Pestizid-Multis offenbar noch einmal anders überlegt. Was letzte Woche als Medienmitteilung verbreitet wurde, gleicht einem indirekten Schuldeingeständnis. Man wolle zu einer Deblockierung der Situation beitragen, heisst es in einem gemeinsamen Communiqué. Als Massnahmen werden untermalt von salbungsvollen Worten desselben Aktin unter anderem mehr Blumenrabatten am Rande von intensiv bebauten Äckern, ein Monitoringprogramm und die „zwingende Umsetzung von strikten Massnahmen zur Reduktion des Expositionsrisikos für Bienen“ propagiert.
Da werden dem Publikum Neonicotinoide in die Augen gestreut: Bayer und Syngenta versuchen hier die Kohlen aus dem Feuer zu holen, indem sie auf Zeit spielen (Monitoring von Fakten, die längst auf dem Tisch liegen) und den Schwarzen Peter an die Bauern weiterspielen, die sich gefälligst bemühen sollen, die Bienengifte fachgerecht auszubringen, was aber offensichtlich auch bei bestem Wissen und Gewissen praktisch unmöglich ist, Blumenstreifen hin oder her. Der beste Kommentar zu dieser Geschichte kommt von Alice Jay, die für das Kampagnen-Netzwerk Avaaz kürzlich 2,5 Millionen Unterschriften für das Verbot der erwähnten Substanzen sammeln half: „Die Pestizidindustrie mit dem Schutz von Bienen zu beauftragen ist so, wie wenn man den Fuchs den Schutz des Hühnerhauses übertragen würde“, sagte sie laut dem „Guardian“ zum Engagement von Bayer und Syngenta. (Bild aus „More than Honey“)

PS. Kleine Korrektur: Einstein habe ich falsch zitiert: nicht vier Tage sondern vier Jahre nach den Bienen werden die Menschen ableben, immer noch beunruhigend genug. Besten Dank für den Hinweis, Monika Schlatter!

Die Rechnung für das GVO-Fieber folgt später

März 18, 2012

Vor Kurzem hat der International Service for the Acquisition of Agri-biotech Applications (ISAAA), ein unter anderem von Bayer und Monsanto gesponsertes Propagandavehikel, die neuesten Zahlen für den weltweiten Anbau von GVO-Kulturen präsentiert (siehe ganz unten). Eine Traumkurve für jeden Wachstumsfreund: In nur einem Jahr hat die Fläche mit gentechnisch veränderten Pflanzen in den 29 Anbauländern um 8 Prozent oder 12 Millionen ha auf 160 Millionen ha zugenommen. Somit werden nun 10 Prozent der weltweiten ackerbaulich nutzbaren Flächen mit der neuen Technologie bewirtschaftet. Die Karte oben zeigt, dass der Schwerpunkt der Entwicklung in Nord- und Südamerika sowie Indien und China liegt, während Europa (inklusive Russland), Afrika und Ozeanien nach wie vor relativ dünn bis gar nicht auf gentechnisch verändertes Saatgut setzen. Die Skepsis namentlich in Europa ist denn auch einer der wichtigen Punkte im ISAAA-Report über die letztjährige Entwicklung (runterscrollen). Dabei klammert man sich an jeden Strohhalm, so wird unter dem Titel „A change of heart in Europe“ unter anderem über einen Brief von 41 schwedischen Professoren berichten, die sich über die Arroganz der Policymaker gegenüber den GVO-Kulturen beschweren. Dieser Blog wird kaum in den Genuss einer hoffnungsvollen ISAAA-Erwähnung kommen, denn meine Skepsis gegenüber der GVO-Bewegung ist unverändert. Erstens wird sie getrieben von ein paar Multis, deren Manager primär die Jahresabschlüsse im Auge haben und nicht, wie sie in pathetischen Reden immer wieder gerne behaupten, die Ernährungssicherheit und das Wohlergehen der bäuerlichen Strukturen. Dafür braucht es nämlich keine Gentechnologie, sondern prioritär ein Bündel von Anstrengungen bei Governance und Logistik. Diese leisten Bayer, Monsanto, Syngenta und Co. zwar schon, aber wiederum nur im Interesse ihrer Shareholder. So versuchen sie ähnlich wie die Rohstoffmultis wie etwa Glencore, entlang der Wertschöpfungskette einen möglichst grossen Teil zu integrieren – Lieferung von Saatgut und Pestiziden, Abnahmeverträge und Weitervertrieb – und so ihre Margen zu verbreitern, während die Bauern noch als mehrbessere Knechte fungieren. Südamerika ist ein gutes Beispiel für diese Entwicklung. Ein grosses Problem am GVO-Fieber ist auch die mangelnde biologische Nachhaltigkeit. Um die hohen Entwicklungskosten möglichst rasch wieder einzuspielen, forciert man einzelne Sorten und damit die Bildung von Resistenzen, wie man beim Herbizid Roundup bereits schön erkennen kann. Gleichzeitig wird an die regionalen Bedingungen angepasstes Saatgut verdrängt und die Abhängigkeit der Bauern von den GVO-Lieferanten erhöht. Sie sind gezwungen, jedes Jahr neues Hybridsaatgut zu kaufen, da die Ernte nicht für die Wiedersaat verwendet werden kann. Insgesamt ein höchst ungemütlicher Cocktail, den die ISAAA und ihre Sponsoren da zusammenköcheln, aber die negativen Auswirkungen werden sich erst mit einigen Jahr(zehnt)en Verzögerung in aller Deutlichkeit zeigen. Dannzumal werden die Shareholder ihre Scherflein längst am Trockenen haben und die Kosten des GVO-Fiebers den jeweiligen (maroden) Staaten und den Entwicklungsorganisationen übertragen. Wetten? (Tabelle und Karte ISAAA, Grafik LID)