Kornelkirschen holen Ordner ab

August 24, 2015

Bestechungsgeschenk

Wenn so etwas vor der Türe steht ist einer wie ich natürlich schnell bestochen. Drum hat Elisabeth Oakeshott gewonnen (herzliche Gratulation!) und die Einmachbibel “eingemacht, selbstgemacht, feingemacht” (sie letzten Post) eine neue Heimat.

Das Objekt der Begierde bzw. Bestechung sind stilecht eingemachte Kornelkirschen “aus dem Garten eines liebenswürdigen Kochs im Zürcher Weinland”, wie mir Elisabeth schreibt. “Besorgt um das Wohlergehen seiner Liebsten erntet und kocht der gute Pavel was er nur kann, um damit meine langen Abende am Computer zu versüssen, mir wieder Frische und Energie zu verleihen”. Das kann auch unsereinem nichts schaden, drum umso lieberen Dank für die nette Gabe Euch beiden, der Ordner wird Euch sicher noch Mehr(einmach)arbeit bescheren;-)

Den zweiten Preis holt fast exaequo Monika Schlatter, die nicht nur umsichtig Kühe, sondern auch spektakulär Gonfi fotografieren kann, wie ihr Helgen weiter unten zeigt. Der könnte, grösser aufgezogen glatt als Kunst Karriere machen, kein Wunder, ist doch auch gut einmachen nicht weniger als eine Kunst. Danke auch Dir herzlich, Monika! Da ich leider nur einen Ordner habe, kriegst Du bald einen noch nicht definierten Preis, hoffentlich nützlicher als eine Silbermedaille… 

 

Süsses Beziehungsdelikt

August 15, 2015

 
Ich gebe zu: Das ist ein Beziehungsdelikt, nein, natürlich nichts anzügliches, nur Journalistenjargon für eine Geschichte eingehüllt in etwas Filz. 

Die geht so: Meine Kollegin Esther Thalmann arbeitet bei Agridea und ist Co-Autorin von “selbstgemacht, eingemacht, feingemacht“. Das ist nicht eines dieser trendy Lifestyle Countrcooking Coffeetablebooks, sondern ein handfestes Standardwerk für die Nahrungsmittelkonservierung mit tiefer Verwurzelung in der bäuerlichen Vorratshaltung. Der ziemlich voluminöse Ordner, den man praktischerweise auch modular in Einzelteilen bestellen kann, ist soeben in 4. Auflage erschienen und Esther hat mich gefragt, ob ich nicht  ein bisschen Reklame machen könnte dafür. 

Aber sicher doch: so umfassend und ohne Firlefanz wird man wohl nur wenigenorts ins Eingemachte und anderweitig Konsevierte eingeführt. Das ist nice to have in einer Zeit, wo jeder Student seine eigene Gonfi aus Wildbeeren vom Bahndamm bastelt.

Man kann das Ding natürlich an dieser Stelle auch gewinnen, da mir Esther lieberweise ein Exemplar hat zukommen lassen. Der Wettbewerb geht wie folgt: wer mir das schönste Bild vom Selbereingemachten auf adimali@gmx.ch schickt, is the winner. Natürlich darf man mir, filzig wie das ganze aufgezogen ist, auch ein Glas Gonfi oder eine selber gefüllte Wurst schicken. Damit verbunden grad noch eine kleine Privatadressenänderung: Neugasse 140, 8005 Zürich. Besten Dank zum Voraus an alle BestecherInnen!-) (Bild oben: Heisseingefüllte Köstlichkeiten vom Gartenkurs am Bäuerlichen Bildungszentrum Wallierhof, made by Markus Bühler-Rasom)  

Aktenzeichen Verpackungsproblem, ungelöst

Juli 27, 2015

EmmentalerEs ist schon fast ein Ritual, jedes Semester geht’s mit dem Emmentaler AOP weiter bergab. Just dieser Tage sind wieder einmal die Halbjahres-Exportzahlen publiziert worden. Diesmal waren es gut 10 Prozent.

Ich weiss, es ist verdammt schwierig, den von wegen Eurokurs noch teurer gewordenen Käse auf den gesättigten ausländischen Märkten abzusetzen. Trotzdem müsste man sich gerade beim guten alten Schlachtross des Käseexports dringend einmal grundlegend Gedanken machen, was die Verpackung angeht.

Neulich in Kanada hat der Emmentaler so ausgesehen. Hand aufs Herz, würden Sie angesichts dieses Vakuum-verunstalteten Knautschkäses zugreifen wollen? Und sieht man auf der Verpackung irgendwas von Rohmilch, gewerblicher Verarbeitung, Identitäts-erzeugendem Schmuck? Fehlanzeige. Kein Wunder muss er mittels Aktion verschleudert werden.

Soll niemand sagen, dass es keine Alternativen gibt, einen Gorgonzola oder einen Brie, beides deutlich vergänglichere Produkte, verkauft man schliesslich auch nicht im Vakuum. Wie wäre es denn mit einer Plastik-Modelbox mit stabilen Wänden und einer schmucken Etikette, zum Beispiel mit einer Landschaftsszene aus dem landschaftlich weiss Gott nicht so üblen Emmental? Phantasie ist gefragt, meine Damen und Herren von Switzerland Cheese Marketing. Das Bild ist übrigens kein Einzelfall, auf jeder Auslandreise muss man sich solche Bilder ansehen. Tut richtig weh.

Blümli von der Mordalm (sic!)

Juli 16, 2015

BlümliEs ist mir fast zu heiss zum Schreiben, drum kommt diese virtuelle Postkarte grad mehr als recht: “Bin grad zurück von der Mordalm im schönen Berchtesgadener Land. Blümli schaut immer aus dem Fenster,  sie ist eine Pinzgauer Katze, bringt weniger Milch aber schont den Flur. Doch bestimmt für dich nix neues…..”, schreibt mir Suse aus Frankfurt. Danke herzlich! Ein sehr hübsches Bild aus einem Stall, der auch als minimal Holzarchitektur für stadtflüchtige Designbewusste durchginge, wer weiss, vielleicht wär das eine Nische für die Winternutzung, eventuell etwas besser eingestreut.

 

“Alpgeschichten”: Ein Juchz auf die Bergblogger

Juli 6, 2015

Hühner1Sie müssen jetzt nicht grad dem Tierschutz anläuten, liebe Leserinnen und Leser. Hier handelt es sich nicht etwa um eine neue Form der urbanen Qualhühnerhaltung sondern lediglich um eine Transportkiste, immerhin mit Aussicht. Sie hilft, die gefiederten Freundinnen und Eierproduzentinnen des Menschen auf die Alp zu transportieren. Die Menschen sind in diesem Fall Efraim und Martina.

SimmentalerliDie beiden bewirtschaften diesen Sommer (er zum wiederholten, sie zum ersten Mal) die Alp Steistoos der Familie Wampfler zwischen Lenk und Lauenen im Berner Oberland. Warum ich Ihnen das alles erzähle? Efraim (an den sich vielleicht einige erinnern, weil er mal mit diesem genialen Bild einen Preis im Agroblog-Wettbewerb abgezügelt hat) hat mir kürzlich wie folgt geschrieben:

 Hühner4“Ich gehe seit einigen Jahren im Obersimmental zBärg, dieses Jahr machen wir neben dem Käsen auch noch beim Alpgeschichten-Blog mit. Seit ein paar Jahren organisiert die Dachmarke Schweizer Alpkäse diesen Blog. Es ist eine schöne Art, Werbung für Alpkäse zu machen und die acht deutschsprachigen und zwei welschen Alpen zeigen dieses Jahr verschiedene Seiten der Alpwirtschaft auf. Da gibts Politisches (bei Haueter Christian von der Alp Morgeten zum Beispiel) aber auch einfach viele schöne (Kuh-)Bilder und Berichte aus dem Alltag zwischen dem Waadtland und Glarnerland. Ich finde: Wenn sich da Älpler schon die Mühe machen, den Laptop auf den Berg schleppen und mit den steifen Fingern über ihren Alltag berichten, dann solls doch auch von möglichst vielen Leuten gelesen werden. Darum rühre ich jetzt in meinem privaten und weniger privaten Umfeld ein wenig die Werbetrommel dafür. Magst du den Blog vielleicht auch deinen agrophilen Blog-Lesern schmackhaft machen? Irgendwo ein Plätzli für einen Link in einem Nebensätzli? Und falls man den Platz in deinem Blog mit einem Stück Käse oder einer Führung durch Stall und Käserei kaufen kann, da würden wir uns sicher einig…”

Dem gibt’s eigentlich fast nichts mehr beizufügen. Ausser, dass ich Ihnen liebe LeserInnen die Blogs sehr empfehlen und Dir Efraim natürlich herzlich danken möchte. Du kommst meiner letzthin in dieser Spalte waltenden Schreibfaulheit mit Deinem tiptoppen Text sehr entgegen und willst mir erst noch Käse dafür geben. Das freut mich natürlich und ich werde mir diesen gerne abholen. Ich bin ja als Journalist komplett unbestechlich, aber mit Alpkäse, sorry, lieber Presserat…

Ach ja, und da waren ja noch die Hühner, hier zur Beruhigung der allfällig erhitzten Gemüter noch das Bild nach dem Ausladen aus der Transportbox, da kannst selbst Du nichts gackern, Hansuli Huber, oder? Zwei von ihnen haben übrigens via Blogwettbewerb noch neue Namen erhalten: Fridah und Kokkoh. Als Preis gibt’s je ein Spiegelei. Das ist doch eine schöne Alpgeschichte.

Hühner2

 

Denmark: Big Bio in a small country

Mai 24, 2015

CatCowContent3Recently I was in Denmark for an organic agriculture tour, perfectly organized by the Danske Foedevare og Landbrugsjournalister, takk skal i have!

Axel ManssonMost impressive for somebody used to 20-hectare Swiss organic farms: The sheer size of it all. For example the visit at Axel Manssons. He produces vegetables on 1300 hectares (400 with organic production) and herds what’s soon to be 111’000 hens for organic eggproduction. Mansson started from scratch with 46 hectares in 1976. Now he is covering over 90% of Denmarks need of organic and conventional Iceberg-salad and big shares of other vegetables (see Homepage).

LogoThis is a good example for the organization of the danish sector: The national organic label Statsgarantered oekologisk is identical with the EU-Standards. They allow sectorial organic, meaning that not the whole farm has to work with organic production. It’s not possible though to grow organic and conventional in the same sector. Still, Mansson has found a way to cope with that hurdle: He has split up his Company in different subcompanies to separate organic from conventional.

This flexible policy has helped the danish organic sector to quite a big share in the total food market: They hold around 8 percent. And the demand is still growing. Big, very big farmer-owned companies like Danish Crown and Arla, both dominating the meat and milk processing sector respectivly, want higher production.

Bo and AsmusCow at Bo and Asmus2Starting with the milk sector, we visited Bo Kaczmarek and Asmus Asmussen, organic milk Producers with a shared stable in Roedekro, Jutland. They currently milk 180 Holstein Friesians with a production average of 10’500 kilos per cow and year. This is an awful lot for an organic cow, at least in Switzerland. But the solution of the riddle isn’t hard to find: 30 percent of the dry matter in the feeding ration are from concentrates. This is a further example of the laid backer rules in dansk organic: In Switzerland we have a 10-percent-limit for concentrate feeding. We asked Kaczmarek and Asmussen if it was an issue in Denmark and they said no.

Økodag_Stensboelgaard_Back to the milkmarket: Arla wants to expand it’s organic milk production by 25 to 30 percent until 2017 and it wants to launch more and more organic variants in most dairy product categories. The strategy is organic for the masses: “Make organic products accessible to all – they must be affordable, and we will ensure that the product quality meets the modern consumer demands”, Arla says in it’s Vision for organic dairy production. The organic premium has been rised recently by 2 Eurocents, but I haven’t found out what the effective milk Price is (working on it yet and will update)*. Anyway, good perspectives for our two farmers that produce for the milk giant. They want to add another 20 cows to their herd now. Arla is also a partner of the farmers in the yearly on-farm marketing event “oekodag”, that’s coordinated by the organic farmers union. This is the day, when danish Producers let their cows out for the first time of the year, and if you check this out you will understand why it’s called the cows spring party… Just that you don’t think that Arla is alone on the market. There is four main relatively small competitors: ThiseNaturmaelk (with the coolest logo of all times),  Oellingegard and Them.

PigsLet’s talk about meat: Another growth-willing processor is Friland, a daughter company of Danish Crown. They are trying to boost the production of free range pigs and Beef cattle, whereof about two thirds are organic at the moment. As in Switzerland, organic meat does not have a big share in the market, something between 2 and 5 percent of the market (as compared to eg. eggs at 17%). But as more and more consumers get fed up with the industrial production of meat, the demand for animalfriendlier produced meat is rising strongly. Stil it’s not easy to convince the well-doing conventional producers of a change, although Friland has recently rised the premium on the producer price to US$ 2.55 per kilo slaughtered. We visited one farmer who delivers about 4000 slaughter pigs a year to Friland. The system looked very good. Piglets are kept with their mothers for seven weeks in huts and on meadows and are from then on living in stables with open air areas and straw.

Here comes a Little disclaimer: Arla and Friland were both sponsors of the journalist tour. Both companies are huge with all the problems that come with it. But notwithstanding I think they are more conscious about their roots (farmer-ownership) than some of the similar companies in Switzerland. Anyway no exaggerated praise, because growth and size matter, but it’s not the only way to go.

Hanne and Marie Louise2Best example for a different Approach on the trip was Skaertoft Moelle, farm with only 50 hectares, while the average danish organic farmer has almost 100. But the difference is, that the Bonde family have their own mill, where they produce 40 different kinds of flour. Plus a show bakery/kitchen where daughter Marie Louise Bonde teaches an urban crowd (that is feed up with industry bread) how to make their own bakingspecialities. She’s also very active on Instagram. A nice example for vertical Integration of the production chain with a combination of farm and small processing unit. Hanne and Marie LouiseThe Bondes are selling their flour to all of the major retailers in Denmark, who are ready to pay a higher price for a handicraft flour that has better taste, quality and fancier packaging than industrial products. A model that should be applied more often in agriculture, be it organic or conventional, but naturally rather organic.

*PS. Update concerning milk Price: “Arla milk Price for kg of organic milk is 3,19 kr. (43 Euro Cent) of which 0,69 kr (9 Euro Cent) is organic Premium. Price includes expected Premium at the end of the year”, writes my danish colleague Lars Frederik Thalbitzer. The current Arla Milkprice is available here. Thanks a lot for your help, Lars Frederik!

More english posts in the respective category.

Frühlingsweideparade (2): Wie lange noch?

Mai 11, 2015

Monikas Frühlingskuh2Kürzlich hat mich wieder eines dieser tollen Bilder von Monika Schlatter erreicht, versehen mit folgendem Kommentar: “Gestern war Idylle und Erholung pur, ein wunderbarer Tag! – ich ging von Zeglingen (von dort die beiden angehängten Bilder) über Oltingen – Talweiher – Wenslingen nach Tecknau. Nicht nur die blühenden Bäume waren eine Augenweide, sondern auch das Tälchen mit der jungen Ergolz zwischen Oltingen und Talweiher – und überall dieses frische Grün der Blätter im Wald – herrlich.” Wirklich sehr hübsch, danke Monika!

Wie es da so selbstverständlich in der Landschaft liegt, das Idyll, könnte man meinen, es sei geschenkt. Und vor allem, wenn man dieser Tage wieder mal ein bisschen Zeitung las. Nachdem die Landwirtschaftsvertreter dank einer Koalition mit den Grünen notabene das Cassis-de-Dijon-Prinzip gebodigt hatten, war wieder einmal freier Auslauf für die Landwirtschaftsbasher angesagt, zum Beispiel hier und hier. Selbstverständlich stimmte auch noch einer der notorischen Elfenbeinturm-Ökonomen ins Klagelied über die ach so böse Landwirtschaftslobby ein, die sich und ihre Klientel vom Staate stopfen und protektiert subventionsmästen lässt.

Das Cassis-de-Dijon-Prinzip war dabei nur ein prima Vehikel um die alte Leier in Gang zu bringen. Es ist aus meiner Sicht eher ein trojanisches Pferd zur Einfuhr von industriell optimierter Massenware und fetter Margen von Importeuren als ein Garant für Freedom of choice und günstigere Preise für die geschundenen Schweizer Konsumentinnen, die jedes Jahr prozentual weniger ausgeben für ihre Lebensmittel, die aber glaubt man den Kommentatoren, schon in Bälde am Hungertuch nagen dürften, wenn der Bauernlobby nicht endlich das Handwerk gelegt wird. Ähnlich krud wie von dieser Antiagrarfront wird fast nur noch von der Autolobby agitiert, die nachdem das Land zu guten Teilen asphaltiert und mit Tiefgaragen unterkellert ist, immer noch ständig über den an den Rande gedrängten motorisierten Mitbürger lamentiert.

Gerne angeführt wird von den vereinten Agrarliberalisierern der Einkaufstourismus, um den an die Wand gemalten Teufel noch etwas dramatischer wirken zu lassen. Dazu zwei kurze Anmerkungen: Erstens ist Einkaufstourismus primär ein Hobby wie Pedigrohrflechten oder Pferdewetten. Die Schweizerinnen fahren nicht über die Grenze, weil sie ökonomisch dazu gezwungen wären, sondern weil sie gerne flanieren in den attraktiven deutschen, italienischen, österreichischen und französischen Fussgängerzonen, weil es das in der Schweiz (unter anderem dank der Autolobby) kaum gibt und weil sie dort noch das eine oder andere Schnäppchen garnieren können. Zweitens ist es tatsächlich so, dass die Preise ennet der Grenze geradezu grotesk viel tiefer sind als hierzulande, aber das den Bauern in die Schuhe zu schieben ist ziemlich dreist. Das wäre etwa so, wie wenn man den Lokomotivführer für die steigenden Billetpreise verantwortlich machen würde. Auch die Bauern bewegen sich in der Hochpreisinsel Schweiz, kaufen hier ein und bunkern ihre drei Milliarden Direktzahlungen nicht auf dubiosen Konten sondern führen sie mehrheitlich der Wirtschaft zu.

Sie machen so als (ländliche) Wirtschaftsförderer mehr aus dem Staatsgeld, als es eine Behörde je selber könnte. Die ihnen übertragenen Aufgaben erledigen sie zudem zu Preisen, für die kein Werkhofangestellter eine Schaufel in die Hand nehmen würde. Wenn man das Kulturland, wie zum Beispiel das obenstehende Idyll durch städtische Grünbewirtschafter oder Gartenbauunternehmen bewirtschaften liesse, käme es teurer, mit Garantie. Und sie würden so ganz nebenbei keine doch mehrheitlich relativ hochwertige Lebensmittel produzieren (deren Preise die Produktionskosten oft nicht decken), sondern höchstens Biomasse für Kompostwerke. Diese Leistung könnte man auch einmal würdigen, statt reflexartig und oft wider besseres Wissen auf die Bauern und Bäuerinnen einzudreschen. Denn das Idyll, es ist nicht geschenkt, sondern Produkt harter Arbeit. Und sind die Vielgescholtenen eines Tages in Grund und Boden geschrieben, wachsen sie auf den vergandeten Flächen nicht einfach so nach, im Fall.

So fertig gepredigt. Nur noch ein kleiner Wunsch an alle Journalistinnen und ÖkonomInnen: Bitte geht vor Eurem ersten Artikel über Landwirtschaft(-spolitik) ein paar Wochen in den Landdienst. (Bild: Monika Schlatter)

 

Frühlingsweideparade (1): Jonas’ Törli

Mai 4, 2015

Weidetor 1So schnell kann es gehen. Schon wieder ist Frühling. Die Weidesaison ist noch etwas gebremst durch die aktuelle Wetterlage aber sie kommt so sicher, wie die letzte Skitour des Winters. Die BauernZeitung (ab Herbst übrigens mein neuer Arbeitgeber) titelt: “Es geit zBärg” und das Gras wächst kräftig. Insgesamt sicher ein guter Moment, um der beliebten Agroblog-Serie Weidetore im In- und Ausland eine weitere schöne Folge anzuhängen.

Diese reich beschrifteten Exemplare stammen von Jonas Ingold, der sie auf einer Wanderung auf den Grossen Aufacker in den Ammergauer Alpen entdeckt. Ich danke Dir herzlich!  Man beachte im unteren Bild die freestylige Kombination von Holz, roh und entrindet, sowie Schmiedeisen, vermutlich ein Recyclingobjekt. Was kann sich ein geschmackloses Gartentöri Schöneres wünschen, als bei der Zweitnutzung durch die umliegende rustikale Natur aufgewertet zu werden? (Bilder: Jonas Ingold)
Weidetor in Bayern

Es läuft nicht Round für Glyphosat (& die Bauern?)

April 25, 2015

roundup-ultra-max-5lWie eine Chemiebombe hat Ende März im globalen Hilfsstoff-Business die Nachricht eingeschlagen, dass das Internationale Krebsforschungsinstitut IARC, eine Agentur der WHO Glyphosat als “wahrscheinlich krebserregend” (“probably carcinogenic”) taxiert hat. Die Aufruhr ist nachvollziehbar: Der Totalherbizid-Wirkstoff ist für Branchenprimus und Erfinder Monsanto (Markenname Roundup) und zahlreiche Nachahmer viel mehr als ein Bestseller.

Glyphosat bildet das Rückgrat einer Strategie, mit der die Industrie in den letzten 20 Jahren Milliarden verdient hat. Die Interaktion mit den gegen Glyphosat resistenten („Roundup-ready“) Kulturpflanzen, namentlich Soja und Mais, ist seit den 1990er Jahren das erfolgreichste Geschäftsmodell der Branche. Es hat beispielsweise auf dem südamerikanischen Kontinent zu einer kompletten Umstrukturierung der Landwirtschaft geführt.

Die tubelisicheren Verdienstmöglichkeiten mit dem flächendeckenden Anbau des Cash-Crops hat die Rinderzucht ebenso verdrängt wie Spezialkulturen. Mit diesen arbeitsintensiven Landwirtschafts-Sektoren kam auch die ländliche Bevölkerung unter Druck, da zehntausende von Jobs verschwanden, das Resultat ist eine verstärkte Landflucht. Diejenigen die blieben tragen die Konsequenzen oft in Form von gesundheitlichen Auswirkungen. Mehr dazu zum Beispiel hier und hier.

Angesichts der starken Abhängigkeit der Firma von Glyphosat-Umsätzen ist es wenig erstaunlich, dass Monsanto mit einem Kommunikationsoffensive auf die Taxierung der IARC reagiert hat, unter anderem mit dieser ziemlich agressiven Mitteilung und einem wahren Twitter-Gewitter. Hauptaussage: Glyphosat ist sicher, das ist dutzendfach wissenschaftlich bestätigt und das IARC hat alte Daten falsch und voreingenommen interpretiert.

Es steht ja auch viel auf dem Spiel für Monsanto, nicht nur in Südafrika und in den USA, sondern auch auf dem europäischen Kontinent, wo Roundup ebenfalls sehr flächendeckend zum Einsatz kommt, sei es als klassisches Herbizid oder zur Abtötung von Getreide zwecks gleichmässiger Abreifung der Körner kurz vor der Ernte. Über den weltweiten Verbrauch gibt es nur Schätzungen, die teilweise eine Million Tonnen jährlich überschreiten. Allein in den USA wurden 2012 128’000 Tonnen eingesetzt, in der Schweiz geht man von rund 300 Tonnen jährlich aus, das ist über ein Drittel des gesamten Herbizidverbrauchs von 800 Tonnen jährlich. Hauptproblem dieses Grosseinsatzes ist neben den möglichen Gesundheitsschäden die Zunahme der Resistenzen gegen das Pestizid. Dieser Artikel spricht von weltweit 32 resistenten Unkräutern. Dies wiederum führt dazu, das in Ländern wie Argentinien alte verpönte Substanzen wie Atrazin und 2,4-D, ein vietnamerprobtes Entlaubungsmittel wieder verstärkt zum Einsatz kommen.

Weltweit haben die Neuigkeiten die Behörden zumindest ansatzweise aufgescheucht, selbst in den ansonsten sehr Pestizidfreundlichen USA warnt die  Umweltbehörde EPA unterdessen vor übermässigem Glyphosat-Einsatz und listet auf, was an Gesundheitsschäden sonst noch so alles droht durch Glyphosat: “Verstopfung der Lunge, Nierenschäden, Fortpflanzungseffekte.” Nicht sonderlich vertrauenserweckend. Weiter zeigen diverse Studien verheerende Auswirkungen auf die Fauna, zum Beispiel Amphibien.

Was beabsichtigt man zu tun in heimischen Gefilden mit der problematischen Substanz? Vorläufig nichts, es liege erst die Kurzfassung der Studie vor und man kenne deren Grundlage nicht, heisst es beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen. Nichts gehört zum Thema Glyphosat hat man bisher aus bäuerlichen Kreisen, die den Löwenanteil der 300 Tonnen versprühen. Bei früheren Gelegenheiten, etwa als man vor Jahresfrist von der EAWAG damit konfrontiert wurde, dass Schweizer Oberflächengewässer mit einem “Pestizidcocktail” dotiert sind hiess es, man müsse vertieft abklären, woher die Rückstände kämen und wie sie in die Flüsse gelangten. Kurze Zeit später betonte man nach einem nationalen Workshop zum Thema Pflanzenschutz, man dürfe diesen “nicht verteufeln” und begründete den Bedarf mit dem Bedarf nach perfekter Ware in den Läden.

Dass es ohne Pflanzenschutz nicht geht, ist eine Binsenwahrheit, auch für Biobauern nota bene. Aber es es reicht nicht, beim Bekanntwerden von Umweltschäden und Gesundheitsrisiken durch gewisse Substanzen die Hände in den Schoss zu legen und den Verzicht auf Massnahmen damit zu begründen, dass Konsumenten keine Äpfel mit Schorfflecken essen und dass die Hobbygärtner ebenfalls spritzen. Ich denke, dass es langsam Zeit wäre für ein etwas proaktiverer Umgang der Bauern mit diesem Problem, denn wenn es die Branche nicht selber tut, werden Behörden und Gesetzgeber früher oder später die Zügel anziehen und den Verbrauch von zB. Glyphosat einschränken, wenn nicht gar verbieten (so wie es die Pro Natura bereits fordert). Die Bauern werden dann wieder einmal am Pranger stehen als Umweltverschmutzer, die seit Jahren abwiegeln und nichts unternommen haben.

Altes Tiger-Klischee, zum Feiern aufgewärmt

April 12, 2015

StadionMan soll ja nicht unbedingt alte Klischees zementieren, aber eines davon ermöglicht es mir, hier endlich einmal eines meiner an sich eher landwirtschaftsfernen Lieblingsthemen auf den Plan zu bringen: Eishockey und die SCL Tigers. Nach zirka 43 Jahren Fantum und 39 Jahre nach dem ersten, einzigen und (vorläufig) letzten Meistertitel, gab es diese Woche wieder einmal etwas zu feiern: Den Aufstieg in die NLA (für NichtSchweizerInnen: die erste Division). Das haben wir denn auch ausgiebig getan.

HolidayAber zuerst zum alten Klischee von den Langnauern als Bauern. Aufwachsend in Muri bei Bern mit Meisterposter ’76 über der Bettstatt war es nicht immer einfach, Langnaufan zu sein. Wie oft musste man sich anhören, die Bauernknüttel hätten wieder gäbig versagt am Wochenende. Nur ab und zu konnten wir in den Jahren nach dem Meistertitel den verwöhnten Stadtbubis, als die wir sie gerne betrachteten, die Hühner einzutun. Am schönsten war es immer, wenn “wir” im Allmendstadion den Mist führen konnten. So ist mir etwa ein Buebetrickli des legendären Rolf Tschiemer unvergesslich, das vor ausverkaufter Hütte in der Schlussminute in Bern das 3:4 für den damals noch nicht neumödig Tigers heissenden Schlittschuhclub Langnau bedeutete.

JublenHeute ist Langnau längst kein Bauerndorf mehr, sondern ein lebendiges Regionalzentrum mit kräftigem linksgrünen Bevölkerungsanteil (drei von neun GemeinderätInnen, darunter der Präsident sind von der SP) und städtchengerechter Infrastruktur. Aber klar, noch immer ist das Umland bäuerlich-gewerblich geprägt und es war am Donnerstag aus dem Zug schön zu sehen, wie die Subarus und andere Mittelklass-Offroader in einer eigentlichen Sternfahrt dem Zentrum zustrebten, jeder zweite mit einem SCL-Wimpel am Rückspiegel.

2260758_pic_970x641Sowieso war es schön, letzten Donnerstag. Dank dem Tigers-Medienchef Rolf Schlapbach, der in meiner Tigerherzkammer künftig einen Ehrenplatz haben wird, war es mir vergönnt (erstmals) im neuen Stadion zu sein. Und das ausgerechnet an diesem historischen Abend. Das neue Ilfisstadion ist schmuck. Nicht protzig, immer noch ein wenig Viehausstellungscharme dank dem vielen Holz aber Top-Infrastruktur, von aussen nett anzuschauen und innen klein aber fein (6050 Zuschauerplätze) und gute Sicht aufs Spielfeld.

KlausAufstiegsfeierAuch das was auf diesem geboten wurde erfreute das Fanherz, es war kein Spaziergang, aber am Schluss machten wir die Sache dank einem eiskalt abgeschlossenen Konter von Chris “DiDo” DiDomenico und Sekunden später einem Knaller von Lukas “Häsu” Haas (ein Nebenerwerbs-Schafhalter, notabene) unter die Latte alles klar. Vor mir schrieb der Old Shatterhand der Eishockeyberichterstattung, Klaus Zaugg, dessen Texte ich als Dreikäsehoch jeweils im “Sport” (selig) las, eine seiner metaphorisierten Zeilen, die er heute für Watson reinhaut (“Und dann die Erlösung. Eine Szene wie aus einem Hollywood-Film. So wie der tapfere Kapitän John Maynard aus der Ballade von Theodor Fontane sein Schiff doch noch sicher in den Hafen von Buffalo bringt, so errettet nun Chris DiDomenico die Langnauer aus Not und Zweifel...”, ganzer Artikel hier).

AufstiegsfeierAufstiegsfeierDer Jubel war gross, laut, farbig, aber nicht grenzenlos, es war eher eine riesige Erleichterung, die um sich griff. Diese setzte sich nahtlos fort nach dem Spielende. Zuerst fast zaghaft, schön die Mannschaftsfoto abwartend, wagten sich die ersten Zuschauer aufs Spielfeld, um ihren verschwitzten Helden zu gratulieren. Auch ich liess es mir nicht nehmen, auf dem bearbeiteten und vom Spiel stark gezeichneten Feld eine Runde zu drehen und dem Goalie Damiano Ciaccio stellvertretend die Hand zu schütteln. Es war wie ein grosses, wenn auch recht ausgelassenes Familienfest. Auch im Siegestaumel bleibt der niederlagenerprobte Tigers-Fan irgendwie halt doch noch auf dem Boden, schon ein bäuerlicher aber kaum der dümmste Wesenszug. (Unterste vier Bilder ohne Klaus: Berner Zeitung/Hans Wüthrich (eine weitere Clublegende…)) EISHOCKEY, NATIONAL LEAGUE B, NATIONALLIGA B, NLB, LNB, HOCKEY SUR GLACE, AUF/ABSTIEGSRUNDE, LIGAQUALIFIKATION, SAISON 2014/15, SCL TIGERS RAPPERSWIL-JONA LAKERS


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