Frühlingsweideparade (2): Wie lange noch?

Mai 11, 2015

Monikas Frühlingskuh2Kürzlich hat mich wieder eines dieser tollen Bilder von Monika Schlatter erreicht, versehen mit folgendem Kommentar: “Gestern war Idylle und Erholung pur, ein wunderbarer Tag! – ich ging von Zeglingen (von dort die beiden angehängten Bilder) über Oltingen – Talweiher – Wenslingen nach Tecknau. Nicht nur die blühenden Bäume waren eine Augenweide, sondern auch das Tälchen mit der jungen Ergolz zwischen Oltingen und Talweiher – und überall dieses frische Grün der Blätter im Wald – herrlich.” Wirklich sehr hübsch, danke Monika!

Wie es da so selbstverständlich in der Landschaft liegt, das Idyll, könnte man meinen, es sei geschenkt. Und vor allem, wenn man dieser Tage wieder mal ein bisschen Zeitung las. Nachdem die Landwirtschaftsvertreter dank einer Koalition mit den Grünen notabene das Cassis-de-Dijon-Prinzip gebodigt hatten, war wieder einmal freier Auslauf für die Landwirtschaftsbasher angesagt, zum Beispiel hier und hier. Selbstverständlich stimmte auch noch einer der notorischen Elfenbeinturm-Ökonomen ins Klagelied über die ach so böse Landwirtschaftslobby ein, die sich und ihre Klientel vom Staate stopfen und protektiert subventionsmästen lässt.

Das Cassis-de-Dijon-Prinzip war dabei nur ein prima Vehikel um die alte Leier in Gang zu bringen. Es ist aus meiner Sicht eher ein trojanisches Pferd zur Einfuhr von industriell optimierter Massenware und fetter Margen von Importeuren als ein Garant für Freedom of choice und günstigere Preise für die geschundenen Schweizer Konsumentinnen, die jedes Jahr prozentual weniger ausgeben für ihre Lebensmittel, die aber glaubt man den Kommentatoren, schon in Bälde am Hungertuch nagen dürften, wenn der Bauernlobby nicht endlich das Handwerk gelegt wird. Ähnlich krud wie von dieser Antiagrarfront wird fast nur noch von der Autolobby agitiert, die nachdem das Land zu guten Teilen asphaltiert und mit Tiefgaragen unterkellert ist, immer noch ständig über den an den Rande gedrängten motorisierten Mitbürger lamentiert.

Gerne angeführt wird von den vereinten Agrarliberalisierern der Einkaufstourismus, um den an die Wand gemalten Teufel noch etwas dramatischer wirken zu lassen. Dazu zwei kurze Anmerkungen: Erstens ist Einkaufstourismus primär ein Hobby wie Pedigrohrflechten oder Pferdewetten. Die Schweizerinnen fahren nicht über die Grenze, weil sie ökonomisch dazu gezwungen wären, sondern weil sie gerne flanieren in den attraktiven deutschen, italienischen, österreichischen und französischen Fussgängerzonen, weil es das in der Schweiz (unter anderem dank der Autolobby) kaum gibt und weil sie dort noch das eine oder andere Schnäppchen garnieren können. Zweitens ist es tatsächlich so, dass die Preise ennet der Grenze geradezu grotesk viel tiefer sind als hierzulande, aber das den Bauern in die Schuhe zu schieben ist ziemlich dreist. Das wäre etwa so, wie wenn man den Lokomotivführer für die steigenden Billetpreise verantwortlich machen würde. Auch die Bauern bewegen sich in der Hochpreisinsel Schweiz, kaufen hier ein und bunkern ihre drei Milliarden Direktzahlungen nicht auf dubiosen Konten sondern führen sie mehrheitlich der Wirtschaft zu.

Sie machen so als (ländliche) Wirtschaftsförderer mehr aus dem Staatsgeld, als es eine Behörde je selber könnte. Die ihnen übertragenen Aufgaben erledigen sie zudem zu Preisen, für die kein Werkhofangestellter eine Schaufel in die Hand nehmen würde. Wenn man das Kulturland, wie zum Beispiel das obenstehende Idyll durch städtische Grünbewirtschafter oder Gartenbauunternehmen bewirtschaften liesse, käme es teurer, mit Garantie. Und sie würden so ganz nebenbei keine doch mehrheitlich relativ hochwertige Lebensmittel produzieren (deren Preise die Produktionskosten oft nicht decken), sondern höchstens Biomasse für Kompostwerke. Diese Leistung könnte man auch einmal würdigen, statt reflexartig und oft wider besseres Wissen auf die Bauern und Bäuerinnen einzudreschen. Denn das Idyll, es ist nicht geschenkt, sondern Produkt harter Arbeit. Und sind die Vielgescholtenen eines Tages in Grund und Boden geschrieben, wachsen sie auf den vergandeten Flächen nicht einfach so nach, im Fall.

So fertig gepredigt. Nur noch ein kleiner Wunsch an alle Journalistinnen und ÖkonomInnen: Bitte geht vor Eurem ersten Artikel über Landwirtschaft(-spolitik) ein paar Wochen in den Landdienst. (Bild: Monika Schlatter)

 

Frühlingsweideparade (1): Jonas’ Törli

Mai 4, 2015

Weidetor 1So schnell kann es gehen. Schon wieder ist Frühling. Die Weidesaison ist noch etwas gebremst durch die aktuelle Wetterlage aber sie kommt so sicher, wie die letzte Skitour des Winters. Die BauernZeitung (ab Herbst übrigens mein neuer Arbeitgeber) titelt: “Es geit zBärg” und das Gras wächst kräftig. Insgesamt sicher ein guter Moment, um der beliebten Agroblog-Serie Weidetore im In- und Ausland eine weitere schöne Folge anzuhängen.

Diese reich beschrifteten Exemplare stammen von Jonas Ingold, der sie auf einer Wanderung auf den Grossen Aufacker in den Ammergauer Alpen entdeckt. Ich danke Dir herzlich!  Man beachte im unteren Bild die freestylige Kombination von Holz, roh und entrindet, sowie Schmiedeisen, vermutlich ein Recyclingobjekt. Was kann sich ein geschmackloses Gartentöri Schöneres wünschen, als bei der Zweitnutzung durch die umliegende rustikale Natur aufgewertet zu werden? (Bilder: Jonas Ingold)
Weidetor in Bayern

Es läuft nicht Round für Glyphosat (& die Bauern?)

April 25, 2015

roundup-ultra-max-5lWie eine Chemiebombe hat Ende März im globalen Hilfsstoff-Business die Nachricht eingeschlagen, dass das Internationale Krebsforschungsinstitut IARC, eine Agentur der WHO Glyphosat als “wahrscheinlich krebserregend” (“probably carcinogenic”) taxiert hat. Die Aufruhr ist nachvollziehbar: Der Totalherbizid-Wirkstoff ist für Branchenprimus und Erfinder Monsanto (Markenname Roundup) und zahlreiche Nachahmer viel mehr als ein Bestseller.

Glyphosat bildet das Rückgrat einer Strategie, mit der die Industrie in den letzten 20 Jahren Milliarden verdient hat. Die Interaktion mit den gegen Glyphosat resistenten („Roundup-ready“) Kulturpflanzen, namentlich Soja und Mais, ist seit den 1990er Jahren das erfolgreichste Geschäftsmodell der Branche. Es hat beispielsweise auf dem südamerikanischen Kontinent zu einer kompletten Umstrukturierung der Landwirtschaft geführt.

Die tubelisicheren Verdienstmöglichkeiten mit dem flächendeckenden Anbau des Cash-Crops hat die Rinderzucht ebenso verdrängt wie Spezialkulturen. Mit diesen arbeitsintensiven Landwirtschafts-Sektoren kam auch die ländliche Bevölkerung unter Druck, da zehntausende von Jobs verschwanden, das Resultat ist eine verstärkte Landflucht. Diejenigen die blieben tragen die Konsequenzen oft in Form von gesundheitlichen Auswirkungen. Mehr dazu zum Beispiel hier und hier.

Angesichts der starken Abhängigkeit der Firma von Glyphosat-Umsätzen ist es wenig erstaunlich, dass Monsanto mit einem Kommunikationsoffensive auf die Taxierung der IARC reagiert hat, unter anderem mit dieser ziemlich agressiven Mitteilung und einem wahren Twitter-Gewitter. Hauptaussage: Glyphosat ist sicher, das ist dutzendfach wissenschaftlich bestätigt und das IARC hat alte Daten falsch und voreingenommen interpretiert.

Es steht ja auch viel auf dem Spiel für Monsanto, nicht nur in Südafrika und in den USA, sondern auch auf dem europäischen Kontinent, wo Roundup ebenfalls sehr flächendeckend zum Einsatz kommt, sei es als klassisches Herbizid oder zur Abtötung von Getreide zwecks gleichmässiger Abreifung der Körner kurz vor der Ernte. Über den weltweiten Verbrauch gibt es nur Schätzungen, die teilweise eine Million Tonnen jährlich überschreiten. Allein in den USA wurden 2012 128’000 Tonnen eingesetzt, in der Schweiz geht man von rund 300 Tonnen jährlich aus, das ist über ein Drittel des gesamten Herbizidverbrauchs von 800 Tonnen jährlich. Hauptproblem dieses Grosseinsatzes ist neben den möglichen Gesundheitsschäden die Zunahme der Resistenzen gegen das Pestizid. Dieser Artikel spricht von weltweit 32 resistenten Unkräutern. Dies wiederum führt dazu, das in Ländern wie Argentinien alte verpönte Substanzen wie Atrazin und 2,4-D, ein vietnamerprobtes Entlaubungsmittel wieder verstärkt zum Einsatz kommen.

Weltweit haben die Neuigkeiten die Behörden zumindest ansatzweise aufgescheucht, selbst in den ansonsten sehr Pestizidfreundlichen USA warnt die  Umweltbehörde EPA unterdessen vor übermässigem Glyphosat-Einsatz und listet auf, was an Gesundheitsschäden sonst noch so alles droht durch Glyphosat: “Verstopfung der Lunge, Nierenschäden, Fortpflanzungseffekte.” Nicht sonderlich vertrauenserweckend. Weiter zeigen diverse Studien verheerende Auswirkungen auf die Fauna, zum Beispiel Amphibien.

Was beabsichtigt man zu tun in heimischen Gefilden mit der problematischen Substanz? Vorläufig nichts, es liege erst die Kurzfassung der Studie vor und man kenne deren Grundlage nicht, heisst es beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen. Nichts gehört zum Thema Glyphosat hat man bisher aus bäuerlichen Kreisen, die den Löwenanteil der 300 Tonnen versprühen. Bei früheren Gelegenheiten, etwa als man vor Jahresfrist von der EAWAG damit konfrontiert wurde, dass Schweizer Oberflächengewässer mit einem “Pestizidcocktail” dotiert sind hiess es, man müsse vertieft abklären, woher die Rückstände kämen und wie sie in die Flüsse gelangten. Kurze Zeit später betonte man nach einem nationalen Workshop zum Thema Pflanzenschutz, man dürfe diesen “nicht verteufeln” und begründete den Bedarf mit dem Bedarf nach perfekter Ware in den Läden.

Dass es ohne Pflanzenschutz nicht geht, ist eine Binsenwahrheit, auch für Biobauern nota bene. Aber es es reicht nicht, beim Bekanntwerden von Umweltschäden und Gesundheitsrisiken durch gewisse Substanzen die Hände in den Schoss zu legen und den Verzicht auf Massnahmen damit zu begründen, dass Konsumenten keine Äpfel mit Schorfflecken essen und dass die Hobbygärtner ebenfalls spritzen. Ich denke, dass es langsam Zeit wäre für ein etwas proaktiverer Umgang der Bauern mit diesem Problem, denn wenn es die Branche nicht selber tut, werden Behörden und Gesetzgeber früher oder später die Zügel anziehen und den Verbrauch von zB. Glyphosat einschränken, wenn nicht gar verbieten (so wie es die Pro Natura bereits fordert). Die Bauern werden dann wieder einmal am Pranger stehen als Umweltverschmutzer, die seit Jahren abwiegeln und nichts unternommen haben.

Altes Tiger-Klischee, zum Feiern aufgewärmt

April 12, 2015

StadionMan soll ja nicht unbedingt alte Klischees zementieren, aber eines davon ermöglicht es mir, hier endlich einmal eines meiner an sich eher landwirtschaftsfernen Lieblingsthemen auf den Plan zu bringen: Eishockey und die SCL Tigers. Nach zirka 43 Jahren Fantum und 39 Jahre nach dem ersten, einzigen und (vorläufig) letzten Meistertitel, gab es diese Woche wieder einmal etwas zu feiern: Den Aufstieg in die NLA (für NichtSchweizerInnen: die erste Division). Das haben wir denn auch ausgiebig getan.

HolidayAber zuerst zum alten Klischee von den Langnauern als Bauern. Aufwachsend in Muri bei Bern mit Meisterposter ’76 über der Bettstatt war es nicht immer einfach, Langnaufan zu sein. Wie oft musste man sich anhören, die Bauernknüttel hätten wieder gäbig versagt am Wochenende. Nur ab und zu konnten wir in den Jahren nach dem Meistertitel den verwöhnten Stadtbubis, als die wir sie gerne betrachteten, die Hühner einzutun. Am schönsten war es immer, wenn “wir” im Allmendstadion den Mist führen konnten. So ist mir etwa ein Buebetrickli des legendären Rolf Tschiemer unvergesslich, das vor ausverkaufter Hütte in der Schlussminute in Bern das 3:4 für den damals noch nicht neumödig Tigers heissenden Schlittschuhclub Langnau bedeutete.

JublenHeute ist Langnau längst kein Bauerndorf mehr, sondern ein lebendiges Regionalzentrum mit kräftigem linksgrünen Bevölkerungsanteil (drei von neun GemeinderätInnen, darunter der Präsident sind von der SP) und städtchengerechter Infrastruktur. Aber klar, noch immer ist das Umland bäuerlich-gewerblich geprägt und es war am Donnerstag aus dem Zug schön zu sehen, wie die Subarus und andere Mittelklass-Offroader in einer eigentlichen Sternfahrt dem Zentrum zustrebten, jeder zweite mit einem SCL-Wimpel am Rückspiegel.

2260758_pic_970x641Sowieso war es schön, letzten Donnerstag. Dank dem Tigers-Medienchef Rolf Schlapbach, der in meiner Tigerherzkammer künftig einen Ehrenplatz haben wird, war es mir vergönnt (erstmals) im neuen Stadion zu sein. Und das ausgerechnet an diesem historischen Abend. Das neue Ilfisstadion ist schmuck. Nicht protzig, immer noch ein wenig Viehausstellungscharme dank dem vielen Holz aber Top-Infrastruktur, von aussen nett anzuschauen und innen klein aber fein (6050 Zuschauerplätze) und gute Sicht aufs Spielfeld.

KlausAufstiegsfeierAuch das was auf diesem geboten wurde erfreute das Fanherz, es war kein Spaziergang, aber am Schluss machten wir die Sache dank einem eiskalt abgeschlossenen Konter von Chris “DiDo” DiDomenico und Sekunden später einem Knaller von Lukas “Häsu” Haas (ein Nebenerwerbs-Schafhalter, notabene) unter die Latte alles klar. Vor mir schrieb der Old Shatterhand der Eishockeyberichterstattung, Klaus Zaugg, dessen Texte ich als Dreikäsehoch jeweils im “Sport” (selig) las, eine seiner metaphorisierten Zeilen, die er heute für Watson reinhaut (“Und dann die Erlösung. Eine Szene wie aus einem Hollywood-Film. So wie der tapfere Kapitän John Maynard aus der Ballade von Theodor Fontane sein Schiff doch noch sicher in den Hafen von Buffalo bringt, so errettet nun Chris DiDomenico die Langnauer aus Not und Zweifel...”, ganzer Artikel hier).

AufstiegsfeierAufstiegsfeierDer Jubel war gross, laut, farbig, aber nicht grenzenlos, es war eher eine riesige Erleichterung, die um sich griff. Diese setzte sich nahtlos fort nach dem Spielende. Zuerst fast zaghaft, schön die Mannschaftsfoto abwartend, wagten sich die ersten Zuschauer aufs Spielfeld, um ihren verschwitzten Helden zu gratulieren. Auch ich liess es mir nicht nehmen, auf dem bearbeiteten und vom Spiel stark gezeichneten Feld eine Runde zu drehen und dem Goalie Damiano Ciaccio stellvertretend die Hand zu schütteln. Es war wie ein grosses, wenn auch recht ausgelassenes Familienfest. Auch im Siegestaumel bleibt der niederlagenerprobte Tigers-Fan irgendwie halt doch noch auf dem Boden, schon ein bäuerlicher aber kaum der dümmste Wesenszug. (Unterste vier Bilder ohne Klaus: Berner Zeitung/Hans Wüthrich (eine weitere Clublegende…)) EISHOCKEY, NATIONAL LEAGUE B, NATIONALLIGA B, NLB, LNB, HOCKEY SUR GLACE, AUF/ABSTIEGSRUNDE, LIGAQUALIFIKATION, SAISON 2014/15, SCL TIGERS RAPPERSWIL-JONA LAKERS

Die Mühe der Empfänger mit dem Bundesmanna

März 31, 2015

BUNDESHAUS, GELD, GELDSCHEINE, NOTEN, GELDNOTEN, BANKNOTEN, FRANKEN

Diese Woche ist vom BLW die neueste Studie OECD zur Schweizer Agrarpolitik präsentiert worden. Weil ich sie im Wortlaut nicht gelesen habe, will ich mich nicht gross darüber äussern. Sie liefert wenn man der Medienmitteilung des Bauernverbands glauben will “Alten Wein in alten Schläuchen”. Durchgefallen ist sie auch beim Tierschutz, wie Geschäftsführer H.U. Huber in einer recht satten und als Leserbrief verbreiteten Analyse kundtat. Was schon sicher ist: Bewirken wird sie nichts, die OECD-Studie, frei nach einem der schönsten Sprichwörter, die es gibt: Les chiens abboient, la caravane passe.

Gelesen habe ich immerhin die Mitteilung des BLW. Darin stand abgesehen vom tatsächlich ziemlich abgestandenen Tropfen ein sehr interessanter Satz: “Allerdings haben die Direktzahlungen aktuell ein so hohes Niveau erreicht, dass Entscheide von Betriebsleitern immer weniger von Marktsignalen beeinflusst werden, analysiert die OECD.”

Grund genug, einen Blick auf das ambivalente Verhältnis der Bauern zum Bundesmanna zu werfen. Im Grunde genommen sind die Direktzahlungen Lebensversicherung und Demütigung in einem. Ohne diese Beiträge – gemäss dem OECD-Bericht kommt jeder zweite eingenommene Franken aus Staatsstützung – würden grob geschätzte 50 Prozent der Betriebe innert einer Handvoll Jahre die Segel streichen müssen. Deshalb wird auch jeder noch so marginale Angriff auf dieses Geld von Seiten der vereinigten Bauernlobby sofort und bisher meist erfolgreich gegenattackiert, wie etwa dieser Redetext von SBV-Präsident Markus Ritter zeigt.

Andererseits widerstrebt es, so würde ich mal behaupten, den meisten Bauern tief drin, derart viel Geld anzunehmen, das sie für in der Verfassung zwar definierte aber doch etwas schwammige Leistungen zweimal jährlich überwiesen erhalten. Ein Indiz dafür ist das Mantra von der produzierenden Landwirtschaft, das seit einigen Jahren landauf, landab immer dann präsentiert wird, wenn es gilt, die echte und eben produzierende Landwirtschaft der verpönten ökologisierten Landschaftspflegerlandwirtschaft entgegenzustellen.

Dieses Unwohlsein mit den an die Direktzahlungen gebundenen Bundesauflagen hat mit der Agrarpolitik 14/17 einen neuen Höhepunkt erreicht. Am stärktsten am Pranger stehen die Landschaftsqualitätsbeiträge. Sie werden je nach Kanton zum Beispiel für schöne Brunnentröge und Geranien auf dem Fenstersims ausbezahlt. Da kann man sich in der Tat fragen, ob der Amtsschimmel noch alle Tassen im Stall hat. Aber letztlich sind das nur die Auswüchse eines an sich nicht so schlechten Systems, was die Bauern mit ihrem Widerstand gegen die Kürzungen auch indirekt einräumen.

Die alte Agrarpolitik mit den an Produktpreisen gebundenen Stützungen hat ins Debakel bzw. in den Milchsee geführt. Wenn nun indirekt eine Rückkehr zu diesem System gefordert wird, ist das eher Ausdruck der Verzweiflung als agrarökonomische Weisheit. Es wird für die Bauern kein Weg darum herum führen, auch ökologische Leistungen als Produkte ihrer Höfe zu akzeptieren. Natürlich aber nur sofern sie Direktzahlungen beziehen und optimieren wollen. Es steht ja letztlich jedem frei, sich dem ungeschützten Markt auszusetzen, aber auf diesem Weg ist die Schiffbruchgefahr für Bewirtschafter der Hochpreisinsel Schweiz sehr, sehr gross. (Bild Thurgauer Zeitung / Keystone)

Kühe mit Aussicht (auf einen schönen Preis)

März 21, 2015

Kuhbild mit Aussicht kleinZum ersten Regentag seit langem kommt so ein sonniges Kuhbild doch wie gerufen, oder? Geschickt hat es mir Leser Dominik Thali. Er schreibt: “… als ich las, dass Du Kuhbilder sammelst, dachte ich, ich sollte Dir eines schicken, das ich letztes Jahr am Fronleichnamstag auf dem xxx gemacht habe. Der Beweis dafür, dass es Kühe gerne auch mal gemütlich nehmen.” Das ist eine super Idee, lieber Dominik, besten Dank! Er selber sammelt übrigens lieber Fahrradbilder, und betreibt einen sackstarken Blog namens “Velo – das Leben auf zwei Rädern”, wo man noch viel abschauen könnte, beneidenswert hübsch gemacht!

Zurück zu den Kühen und Dominiks Bild. Die drei x stammen natürlich von mir, es gibt nämlich einen Quiz. Wer mir zuerst sagt, auf welchem relativ bekannten Hoger die gemütlichen Kühe die Aussicht geniessen, der erhält einen Preis. Kleiner Tipp: Wenn man bzw. die beiden Braunvieh-Ladies ein bisschen weiter nach vorne rücken würden, sähen sie Wasser…

Das KuhbuchJetzt zum Preis, empfohlen von einer der ausgewiesensten Expertinnen weitherum (merci!). Er heisst ganz schlicht “Das Kuhbuch – Von schönen Kühen, seltenen Rassen und dem Wohl der Tiere” von Annette Hackbarth und ist natürlich ein …. Kuhbuch. Es ist ein abwechslungsreiches, umfangmässig mit 128 Seiten gut bewältigbares und journalistisch gemachtes Werk (kein Zufall, ist doch die Autorin Journalistin), das ohne Anspruch auf Vollständigkeit aber mit punktuellem Tiefgang berichtet von Domestikation, Kuhkomfort, heilige Hornträgerinnen, Alp, Schlägen und Rassen, IKuh, einem Kuhpapst etc. Das alles dekoriert mit 150 schönen Bildern. Positiv aufgefallen ist mir auch, dass eine Simmentalerin den Titel ziert, für mich unter Einbezug aller Faktoren eigentlich die zukunftsträchtigste Kuh. Viel Glück beim Raten!

Vollmundiges Gemecker im Edelweisshemd

März 7, 2015

Gut gibts 1Seit einigen Tagen hängen allenthalben Plakate mit Nutztieren in Edelweisshemden. Der Claim lautet wie seit Beginn der Bauernverbands-Kampagne im Jahr 2006 “Gut, gibt’s die Schweizer Bauern”. Neu ist, dass statt Prominente die Kuh Sonja, der Geissbock Konrad und der Border Collie Max in den Hemden stecken.

Nachdem ich die Sache nun ein paar Tage auf mich habe einwirken lassen, will sich keine rechte Freude einstellen. Tiere in Kleidern sind sonst eher die Spezialität von leicht neurotischen StädterInnen, die ihre vierbeinigen Lieblinge verhätscheln, und das ist kaum der Eindruck, den die Bauern als Tierhalter erwecken wollen.

Aber das ist wohl Geschmackssache, vermutlich erhofft man sich beim SBV, dass in Zeiten der Tierfilmli-Manie in allen Sozialmedien ein Viraleffekt entstehen wird. Wenn das den Bauern und Bäuerinnen hilft, so sei’s so, man muss ja nicht alles verstehen.

Gut gibts 3Schon problematischer dünkt mich, dass man die Tiere nicht einfach in ihren Hemden stecken und meckern, muhen oder bellen lässt, sondern dass sie auch noch sprechen müssen. Zumindest ist das der Eindruck, der auf den Plakaten erweckt wird. Leider nehmen sie dabei den Mund etwas voll. Um das nachzuweisen, muss der Durchschnittskonsument je ca 30 Sekunden googeln.

Nehmen wir Konrad: “Gut gibt’s beim Artenschutz meines Bauern nichts zu meckern”, befindet er. Dazu eines der erstbesten Zitate, das einem das Internet zuspielt: “In schlechtem Zustand ist auch die Biodiversität. Nach wie vor gibt es in der Schweiz viele gefährdete Tier-, Pflanzen-, Flechten- und Pilzarten. Auch hier werden Bautätigkeit und die Landwirtschaft als Hauptursachen genannt, zudem die Stromgewinnung aus Wasserkraft.” (Der Bund, 29.1.15)

Oder nehmen wir Max: “Gut hält mein Bauer die Chemie an der kurzen Leine”, bellt er. Dazu die NZZ vor Jahresfrist: “Pflanzenschutzmittel und Biozide sind biologisch aktive Stoffe und können deshalb, sollten sie in Gewässer gelangen, Organismen beeinträchtigen. Nun wartet eine am Mittwoch veröffentlichte Studie der Eawag mit besorgniserregenden Neuigkeiten auf: So enthalten Schweizer Fliessgewässer einen ganzen Cocktail an Pestiziden. (…) Die neuen, umfassenden Daten zeigten, dass ein Grossteil der Pestizidbelastung den Pflanzenschutzmitteln aus der Landwirtschaft zuzuschreiben sei.”

Gut gibts 2Zum Schluss noch Sonja (unpassenderweise eine Hornkuh, aber das ist ein anderes Thema): “Gut steckt mein Bauer nur das beste Gras in die Käse”, lässt sie uns wissen. Dazu aus unverdächtiger Quelle (Bauernverband im Juni 11): “Die durchschnittliche Milchleistung und damit der Kraftfutterverbrauch nehmen in der Milchviehhaltung laufend zu. Im Jahr 2009 benötigte eine Milchkuh bei einer durchschnittlichen Leistung von 6792 kg Milch pro Jahr im Mittel 824kg lufttrockenes Kraftfutter. Dies entspricht grob 11 % der verzehrten Futtermenge (Basis Trockensubstanz), was im internationalen Vergleich ein tiefer Anteil ist. Aus verschiedenen Gründen, insbesondere auch aufgrund des stark angestiegenen Drucks auf den Produzentenpreisen, scheint sich die Steigerung der Milchleistung wie auch die Zunahme des Kraftfutterverbrauchs in den letzten Jahren eher zu beschleunigen.”

Insgesamt etwas viele vollmundige Behauptungen. Die Leistungen der Landwirtschaft in Sachen Ökologie sollen damit keineswegs kleingeredet werden, aber sie derart grosszureden ist angesichts der Fakten vermutlich etwas voreilig. (Bilder aus der Kampagne)

Wintercowpics (2): Thüringen-Punjab, inkl. Quiz

Februar 27, 2015

L1010663Das sieht zwar nicht wirklich aus wie ein Winterkuhbild, ist aber immerhin ein im Winter gemachtes Bild von einem Teil meiner Herde; mit einem Buch von Agrarjournalistenkollege Fritz Fleege aus Deutschland.

Er war über vier Jahrzehnte Redakteur der deutschen “BauernZeitung” und hat viel erlebt. Den milchwirtschaftlichen Teil seines Erfahrungsschatzes hat er nun unter dem Titel “Menschen, Milchvieh, Melkroboter” zwischen Buchdeckeln herausgegeben. Das hat sich gelohnt. Die “Begegnungen in 38 Ländern auf fünf Kontinenten” auf knapp 300 Seiten führen in alle Weltgegenden, darunter Thüringen und Punjab, immer mit Fokus auf die Milchwirtschaft, die Menschen, die sie betreiben und natürlich die Kühe.

Da erfährt man allerhand, zum Beispiel, dass nicht nur im Appenzell, sondern auch in Indien Kuhfladen getrocknet, gesammelt und gestapelt werden. Oder wie begehrt Guernseykühe von den französischen Kanalinseln schon im 19. Jahrhundert waren. Oder wie eine junge Generation russischer Milchbauern die Bestände aufstockt. Oder wie die Viehzüchter in Argentinien von “Sojeros” verdrängt werden.

Das alles ist sehr journalistisch aufgemacht, es gibt lange Lesestücke und Kurzfutter und viel Bildmaterial. Diesen Eindruck unterstützt auch die Reklame, die den Leser auf einigen Seiten begleitet. Aber hat mich irgendwie nicht gestört, ist ja auch ein Teil der Realität, zu sehen, wie heute Melkkarusselle angepriesen werden.

Das Buch kann man hier bestellen, aber natürlich auch gewinnen. Wie gesagt, es gibt viele Kühe im Buch. Viele, viele Holsteins aber zum Glück auch noch ein paar andere. Diese hier zum Beispiel. Die erste korrekte Antwort holt den Preis, viel Glück!

Wettbewerbskuh

PS. Sollten Sie via die neueste Ausgabe von Zeitpunkt erstmals auf diesen Blog gekommen sein (für alle Nicht-ZeitpunktleserInnen, ich habe dort einen Artikel über die Agrarinitiativen geschrieben), dann sind Sie vielleicht jetzt ein bisschen enttäuscht. Aber ich bin eben nicht nur ein “Polizist für agrarpolitische Correctness”, wie es dort heisst (wer das wohl erfunden hat…), sondern auch ein Kuhbildsammler- und -bücherbesprecher, Weidetorbeobachter, AgrInnovationssucher, AgVocate etc. Aber keine Angst, die Agrarpolitik kommt dann schon auch wieder zum Zug. Unterdessen können Sie ja ein bisschen im Archiv blättern.

Wintercowpics (1): From Latsch to Goldau

Februar 23, 2015

Latsch1aBack to a category that was neglected a little bit these last few months: Cowpic of the week. That’s why I come up with two today. One is from Latsch a little bit above Bergün, worlds best place for wintertourims, nice in Summer, too. The place is cool because the through road is closed and instead used as a great sledge run in winter due to snow, although there wasn’t very much of it this year.

Plus there is hardly any ugly monstrous tourism architecture, instead you find plenty of old houses, typical for the Region. I know, it sounds like I’m paid by them, but I do it for free, also because they have a great train museum and a fancy natural ice rink and mainly because they have plenty of freerange cows, like the one you see on the pic. And great farm shops that I wrote about a few times, just put Bergün into the search mask. Anyway, don’t miss it if you ever drive by towards ugly St. Moritz…

The second pic below is from Goldau, a place that I know much less, except for that it’s built on the masses of a massive landslide in 1806 and that they have quite a cool zoo. It’s called Tierpark Goldau and amongst plenty of other animals they herd some Evolène cows, a rare race from the village of the same name in the Val d’Hérens, Wallis, where the famous race of the same name comes from. Evolène and Hérens look quite the same, are both good fighting cows, but Evolène is reddish-white while Hérens is black as the night. Thanks a lot for the pics to Markus Richner (top) and Monika Schlatter!
Goldau2

Die Verpackungskünstler aus dem Bioland

Februar 16, 2015

Biofach BlogGrad zurück von der Biofach, dem grossen Klassentreffen der Bioszene in Nürnberg. Wie sich enthusiastische Schüler ihre neuen Gadgets und Kleider vorführen, fahren die Aussteller jedes Jahr ihre neuesten Produkte auf. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet die Branche, die einst angetreten ist, um den “Verpackungswahnsinn” der konventionellen Lebensmittelindustrie zu durchbrechen heute was das Packaging angeht keinen Aufwand scheut, die Klassenkameraden zu überbieten.

GrafikerInnen, Sprachkünstler und Packungsdesigner haben jedenfalls dankbare Kunden in der Szene und das betrifft nicht nur das Design, sondern auch die Konstruktion der Verpackungen, die nicht nur schön und trendig, sondern wenn immer möglich auch nachhaltig und kompostierbar sein sollen. Hier ein paar Beispiele aus der Ausstellung zum Best New Product Award, wie sich das neudeutsch in Nürnberg nannte.

Wir fangen (oben) mit einem der Sieger an: Lovechok, eine holländische Schokolade inkl. Liebesbrief. Das musst natürlich sofort geklaut sein. Die Schokolade entpuppte sich als ansprechend wenn auch nicht kolossal, das Brieflein als leicht enttäuschend, da holländisch und nicht etwa an den Schoggiesser gerichtet, sondern von diesem mittels multiple choice-Verfahren auszufüllen. Insgesamt etwas viel warme Luft, trotzdem reichte es bei der Publikumswahl für den ersten Platz in der Kategorie “Trockenprodukte Snacks und Süssigkeiten”.

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Müesli-Innovationen, die man mehr oder weniger dringend braucht.

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Dosen- und Flaschenbrot…

Biofach Blog6…und die Chipspackung als Lockvögeli.

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Käsiges von originellen und harten BurschInnen.

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Und jetzt ein Drink.

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Etwas Conveniencefood.

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Und zum Dessert was Süsses. Fazit: Optisch attraktiv und anmächelig präsentieren, das ist eine der Stärken der Biobranche, aber auch sie ist nicht gefeit vor Lifestyle-Innovationen, die in den Regalen vielfach eine kürzere Lebensdauer haben als ein Sommervogel. Wenn gleichviel Kreativität und Energie in die zusatzstoffarme Verarbeitung und die Bewahrung von Originalaromen geht, dann soll’s mir recht sein, die Hoffnung stirbt wie immer zuletzt…


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